Die Kundgebung läuft gerade ein paar Minuten, da fordern Polizisten den Veranstalter auf, ein Banner abzuhängen. Auf dem Plakat sieht man zwei Gesichter: das des jüdischen Holocaustopfers Anne Frank und das des palästinensischen Mädchens Hind Rajab, die sechs Jahre alt war, als sie bei einem israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen getötet wurde. Rajabs Tötung Ende Januar 2024 hatte weltweit Entsetzen hervorgerufen. Stellt das Plakat mit den beiden Porträts eine Relativierung des Holocausts dar? Wird die organisierte Ermordung von sechs Millionen Juden in deutschen Vernichtungslagern durch die Gegenüberstellung der Opfer kleingeredet? Das will die Frankfurter Polizei prüfen und konfisziert deshalb das Banner. Einer der Demonstranten hat dafür kein Verständnis, seine Empörung brüllt er laut hinaus. „Dreckschweine“, beschimpft er die Polizisten, die das Plakat zusammenrollen und wegtragen. „Schämt auch“, ruft er. „Das ist eine braune Suppe hier.“ Die Jüdische Gemeinde hatte ein Verbot der Kundgebung gefordert Für Ärger hat die von kaum mehr als 40 Aktivisten besuchte Kundgebung auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil aber auch schon in den Tagen zuvor gesorgt. Die Jüdische Gemeinde und der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker (CDU) hatten ein Verbot der Veranstaltung gefordert. Sie sagten: Mit der geplanten Mahnwache unter dem Motto „Von Deutschland nach Gaza“ würde die Grenze zur Holocaustrelativierung überschritten. Ausgerechnet am Internationalen Holocaust-Gedenktag, an dem an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 81 Jahren erinnert wird, werde eine Gedenkveranstaltung für israelfeindliche Propaganda missbraucht. In der Aktion sehen sie einen Angriff auf die Erinnerungskultur. Organisiert hat die Veranstaltung der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. Im Aufruf zu der Aktion hieß es, „das staatlich diktierte Gedenken an die Ermordung europäischer Juden“ werde „gezielt ausgenutzt wird, um den zionistischen Genozid ideologisch zu verteidigen, im Namen des Holocausts Waffen für Völkermord in Palästina zu liefern und den Widerstand gegen ihn zu verhindern“. Hoban wirft Deutschland „Mittäterschaft“ in Gaza vor Und ganz ähnlich klingt auch die Rede, die Wieland Hoban, der Vorsitzende des Vereins, auf der Zeil hält. Das Gedenken sei „wertlos“, wenn es sich nur in die Vergangenheit richte und den „Genozid“ in Gaza ignoriere, argumentiert er. Deutschland beschuldigt Hoban der „Mittäterschaft“ bei einem Völkermord. „Nicht in unserem Namen“, steht auf den lilafarbenen Warnwesten, die die Aktivisten übergezogen haben. „Nie wieder ist jetzt“, liest man auf selbstgemalten Plakaten. Fast jeder, der zu der Kundgebung kommt, trägt die Kufiya, das sogenannte Palästinensertuch. Die „Jüdische Stimme“ ist schon länger Teil der propalästinensischen Protestszene. Vom Bundesamt für Verfassungsschutz wird sie als „gesichert extremistisch“ eingestuft. Die Verfassungsschützer werfen dem Verein vor, er würde den Terror der Hamas und anderer palästinensischer Gruppen verharmlosen. Die „Jüdische Stimme“ unterstützt auch die umstrittene BDS-Kampagne, die zu einem umfassenden Boykott Israels aufruft. Die nächste Demonstration ist schon geplant Bei der Kundgebung auf der Zeil treten neben Hoban weitere Redner auf: ein Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, eine queere Aktivistin, eine Vertreterin des Palästina-Forums Nahost. Sie sprechen über die anhaltende Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, über die Verfolgung von Sinti und Roma, über die verheerende Lage in Gaza und die Siedlergewalt in der Westbank. Es gehe darum, unterschiedliche Opfergruppen zu benennen, niemanden zu bevorzugen, sagt Hoban. Auffällig ist jedoch, über wen an diesem Abend nicht gesprochen wird, wer in den Ansprachen und auf den Plakaten unerwähnt bleibt: die Opfer der Hamas, die Getöteten und Entführten vom 7. Oktober 2023, die Opfer des Terroranschlags, der den aktuellen Gazakrieg auslöste. Sie werden in das Kaddisch, das Totengebet, das zum Ende der Kundgebung gesprochen wird, nicht einbezogen. Bevor die Menge sich auflöst, ruft Hoban die Demonstranten noch zu einer weiteren Kundgebung auf. Am Wochenende soll es wieder eine propalästinensische Demonstration in Frankfurt geben. Der Slogan, unter dem dazu in den sozialen Medien aufgerufen wird, lautet „Globalize the Intifada“ – „Tragt die Intifada in die ganze Welt“.
