FAZ 29.12.2025
09:00 Uhr

Umfrage in Frankfurt: So bewerten Eltern die neuen Handyregeln an Schulen


Seit dem Sommer gelten an Hessens Schulen strenge Handyregeln. Frankfurter Eltern berichten, welche Folgen das für ihre Kinder hat.

Umfrage in Frankfurt: So bewerten Eltern die neuen Handyregeln an Schulen

Kaum ein Bildungsthema hat im vergangenen Jahr für derart viel Aufmerksamkeit gesorgt wie das sogenannte Handyverbot an den Schulen. Zum Schuljahresbeginn hatte das Land Hessen die private Nutzung digitaler Endgeräte – also Smartphones, Smartwatches und dergleichen – stark eingeschränkt, um altersgerechte „Schutzzonen“ vor den Risiken einer zügellosen Handynutzung einzuführen. Einige Bundesländer haben nachgezogen. In Hessen wurden verbindliche Regeln zur Handynutzung in das Hessische Schulgesetz aufgenommen. Im Grunde laufen sie darauf hinaus, dass das Handy ausgeschaltet im Schulranzen und „unsichtbar“ bleiben muss. Schüler dürfen ihre Geräte zu Unterrichtszwecken nutzen, sofern der Lehrer dies gestattet. Viele Schulen hatten zuvor schon ähnlich strikte Handyregeln in ihrer Schulordnung erlassen. Mit etwas Abstand hat nun der Stadtelternbeirat in Frankfurt die Eltern gefragt, wie sie die neuen Regeln beurteilen. Mehr als 50 Familien haben sich beteiligt und zum Teil ausführlich geantwortet. Entstanden ist ein Stimmungsbild, das nicht nur viel Pro und Kontra enthält, sondern auch auf viele Aspekte hinweist, die in der Debatte bisher zu kurz gekommen sind. Erleichterung an Grundschulen Viele Eltern nehmen kaum Veränderungen durch die Gesetzesinitiative wahr, denn die private Handynutzung war zuvor an den Schulen ihrer Kinder auch schon verboten. Andere berichten jedoch, dass sich durchaus etwas geändert habe. So sagt die Mutter eines Grundschulkindes, dass es für ihr Kind nun einfacher zu ertragen sei, noch kein eigenes Handy zu besitzen.  Zuvor hätten selbst Grundschulkinder ihr Telefon mitbringen dürfen, weil es keine Regelung an der Schule gegeben habe. Viele Eltern finden es gut, dass es nun eine einheitliche Regelung gibt, deren Einhaltung auch strikt kontrolliert werde. „Für alle Beteiligten ist mehr Klarheit eingekehrt“, meint ein Vater in der anonymisierten Auswertung der Umfrage, die der F.A.Z. vorliegt. Eine Mutter berichtet, dass die Kinder nun mehr auf dem Schulhof spielten und miteinander redeten. „Nun gibt es immerhin mehr Chancen, dass Kinder wenigstens für eine begrenzte Zeit pro Tag vor dieser digitalen Droge geschützt werden“, sagt eine Mutter. Offenbar werden die Regeln aber nicht an allen Schulen konsequent befolgt. Eltern berichten, dass die private Handynutzung in Vertretungsstunden an ihrer Schule ausdrücklich gestattet sei – und das gesetzliche Handyverbot damit umgangen werde. Andere Eltern sagen, dass Schüler das Handy auf der Toilette weiter nutzen und dort „die ganze Zeit zocken“. Mehr gemeinsame Zeit auf dem Schulhof Eine Familie, deren Kinder in die siebte Klasse sowie in die Oberstufe eines Frankfurter Gymnasiums gehen, findet das Verbot ebenfalls sehr gut. „Unsere jüngere Tochter nimmt seither das Handy oft gar nicht mehr mit in der Schule. In den Pausen unterhält sie sich oder liest in einem Buch mit anderen Kindern. Insofern ist unserer Erfahrung nach die Idee, dass es zu mehr sozialer Interaktion kommen soll, voll aufgegangen.“ Zuvor seien die Regeln in der Schule sehr libertär gehandhabt worden. „Je nach Lehrkraft ist es bis zur zehnten Klasse durchaus vorgekommen, dass Schüler im Unterricht telefoniert haben oder in der letzten Reihe Netflix geschaut haben. Dieses Problem hat sich jetzt auch erledigt.“ Kritisch sehen einige Eltern, dass auch Oberstufenschüler ihre Geräte nicht mehr nutzen dürfen. Der Gesetzgeber ermöglicht den Schulen zwar, altersabhängige Ausnahmen zu ergreifen und insbesondere älteren Schülern die Nutzung der Geräte zu gestatten. Offenbar nutzen einige Schulen diese Freiheiten aber nicht. Eine Mutter berichtet, dass die Oberstufenschüler ihre Tablets nicht im Unterricht und auch nicht in Freistunden nutzen dürften. Die neuen Handyregeln stoßen nicht nur auf Zustimmung. Ein Vater kritisiert sie als Gängelung der Schüler: „Das aktuelle Gesetz wirkt übergriffig und steht im Widerspruch zu einer Bildung, die Kinder befähigt, in einer digitalen Welt mündig und selbstbewusst zu agieren.“ Mit dem Gesetz würden Chancen verspielt. „Smartphones sind längst nicht nur Social-Media-Geräte, sondern universelle Werkzeuge: Lernmedium, Bezahlmedium, Transportmedium, Informationsmedium und Navigationsmedium. Gerade Schulen müssten Orte sein, an denen Kinder lernen, diese Werkzeuge kritisch, sicher und produktiv einzusetzen“, fordert er. Stattdessen würden Kompetenzen verhindert, die in einer digitalisierten Gesellschaft unverzichtbar seien. Ein anderer Vater hat ähnliche Erfahrungen gemacht und teilt die Kritik an der „ideologisch motivierten Überregulierung durch den Gesetzgeber“, wie er sagt. „Die volljährigen Oberstufenschüler kommen sich vor wie Kindergartenkinder.“ Mutter berichtet von ausgeprägtem Suchtverhalten der Kinder Derartige Bedenken sind allerdings selten. Es überwiegt das Lob für die gesetzliche Einschränkung der Handynutzung. Sie war aus Sicht der meisten Eltern auch nicht überflüssig, denn auch Schulen, die zuvor schon schulinterne Regeln hatten, hätten nun eine verbindliche Grundlage und würden bei der Einhaltung unterstützt. Es gebe weniger Diskussionen und „Aushandlungsprozesse“.  Viele Schulen seien auch damit überfordert gewesen, die Smartphonenutzung zu regeln: „Für unsere Schule ist das Gesetz eine klare Erleichterung“, sagt eine Mutter, die sich auch beruflich mit dem Thema beschäftigt hat und die relevanten Studien dazu kennt. „Daher kann ich es nicht verstehen, warum es immer noch keine klare deutschlandweite Empfehlung gibt.“ Andere Eltern merken an, dass die Regeln nur das „Symptom“ behandeln und nicht die Ursache. Sie fordern, auch die Eltern stärker in die Pflicht zu nehmen. Und die seien leider nicht die besten Vorbilder: „Was nutzt eine Regelung während der Schulzeit, wenn diese in der restlichen Zeit gesellschaftlich sabotiert wird?“, fragt ein Vater. Einige Familien sind auch persönlich dankbar für die Unterstützung im privaten Umgang mit den Geräten. Eine Mutter sagt: „So wie ich bemerken eigentlich alle Eltern in meinem Umfeld, dass der wirklich übermäßige Konsum sozialer Medien, Spiele und so weiter den Jugendlichen nicht guttut.“ Sie berichtet von einem ausgeprägten Suchtverhalten ihrer Kinder: „Essen, Schlaf und so weiter werden ausgelassen, wenn es um digitale Geräte geht. Das führt zu Aggression und Distanzierung gegenüber uns Eltern. Für mich ist das Thema extrem wichtig, weil es unsere Familie fast ruiniert hat.“ Ein Vater meint: „Die Gefahren durch übermäßigen Handykonsum sind nicht nur wissenschaftlich belegt. Eltern von jüngeren Teenagern spüren sie täglich.“ „Es kann noch genauso viel Cybermobbing passieren wie vorher“ „Zumindest unter den Eltern ist die ewige Diskussion zur Ruhe gekommen“, beantwortet ein Vater die Frage, ob es nun weniger Konflikte gebe, weil sich die Schulen nun auf das Schulgesetz berufen können. Andere sagen, die Konflikte hätten nicht abgenommen, sondern würden nur verlagert. „Konflikte entstehen nicht im Schulgebäude, sondern davor und danach – auf dem Schulhof, auf dem Weg zur Schule, online im Klassenchat oder auf Social-Media-Kanälen“, schreibt eine Mutter. Eine andere bestätigt: „Es kann noch genauso viel Cybermobbing passieren wie vorher, nur nach der Schule.“  Eine Mutter teilt diese Ansicht: „Die Kinder hängen jetzt einfach vor der Schule am Handy, teilweise schon in der Grundschule. Es wurde nichts gelöst, sondern nur verlagert.“ Dass das Thema durch die Einführung der gesetzlichen Handyregeln wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, finden die meisten Eltern hilfreich. „Das Thema ist wichtig und gehört in die öffentliche Debatte. Es sollte noch viel stärker diskutiert werden“, findet eine Mutter. Eine andere sagt: „Medien sind viel zu präsent. Manchmal müssen eben Verbote her, um den Kindern bildschirmfreie Momente zu verschaffen.“ Sie hält es auch für bedenklich, dass viele Schulen im Unterricht die Mediennutzung voraussetzen, obwohl die Eltern solche Geräte in den jüngeren Klassen ihren Kindern noch nicht zur Verfügung stellen wollen. Manche Eltern fühlen sich auch bei der Vermittlung von Medienkompetenzen alleingelassen.  „Ein Verbot macht den Umgang mit Social Media nicht besser. Diese Generation wächst mit digitalen Medien auf. Da ist nicht Verbot das Richtige, sondern der richtige Umgang“, antwortet eine Familie. Eine Mutter sieht das ähnlich: Durch ein Verbot würden die Schüler nicht für die Risiken wie Ablenkung, Sucht und Cybermobbing sensibilisiert. „Dazu müsste es wohl das Fach Medienkompetenz geben.“ Einige Eltern haben sich schon besonders intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Eine Mutter meint: „Viele Eltern vergessen, dass das Gehirn von Kindern und Jugendlichen noch nicht fertig entwickelt ist – es reift erst etwa bis zum 25. Lebensjahr vollständig. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob jemand mit einem bereits ausgereiften Gehirn spielt und scrollt oder ob dies in einer Phase geschieht, in der sich das Gehirn gerade formt und Verhaltensmuster dauerhaft eingeprägt werden.“ Die Befragung der Eltern bringt auch Aspekte zutage, die in der Debatte bisher kaum benannt wurden. Manche Eltern vermissen sinnvolle Angebote für Fünft- und Sechstklässler am frühen Nachmittag, denn das Training in vielen Sportvereinen beginne erst um 17 oder 18 Uhr, und die Eltern arbeiten dann noch. „Wenn wir unseren Kindern die digitale Nutzung einschränken, brauchen wir ansprechende und sinnvolle Alternativen: Räume, Angebote, Begleitung. Sonst passiert nur eins – die Nutzung verlagert sich und die Probleme gleich mit.“