Die wirtschaftlichen Schäden durch die Sperrung der Straße von Hormus werden die deutsche Wirtschaft erst in den kommenden Monaten mit voller Wucht treffen. Darauf deuten die Ergebnisse einer Blitzfrage des Handelsverbandes BGA hin, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Danach rechnen die befragten mittelständischen Unternehmen des Groß- und Außenhandels in den kommenden Monaten mit weiter steigenden Preisen, gestörten Lieferketten und Engpässen bei Material und Waren. „Die Störung des Handels in der Straße von Hormus ist kein kurzfristiger, isolierter Schock, sondern ein struktureller Einschnitt für den Welthandel“, sagte Dirk Jandura, der Präsident des BGA. „Die Versorgung der Bevölkerung ist nicht gefährdet“, beruhigte Jandura zugleich. Er warnte aber vor Einschränkungen der Angebotsvielfalt im Bereich von Lebensmitteln und anderen Waren. Unternehmen geben Kosten an Kunden weiter Nach der Umfrage sind mit 90 Prozent fast alle der befragten mittelständischen Handelsunternehmen durch steigende Transport- und Versicherungskosten betroffen, vor allem im Straßenverkehr. 77 Prozent klagten über höhere Energiepreise, mehr als 50 Prozent über längere Lieferzeiten. Die Handelsunternehmen wehren sich gegen die wirtschaftliche Unbill vor allem so: Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen reichen die gestiegenen Kosten an ihre Kunden weiter. Damit baut sich weiterer Preisdruck in den Lieferketten auf, der in den kommenden Monaten auch zu einer höheren Inflationsrate führen dürfte. „90 Prozent der Befragten können die gestiegenen Kosten noch an ihre Kunden weitergeben“, sagte Jandura. Irgendwann lohne sich das aber nicht mehr, weder für den Verkäufer noch für den Käufer. Dazu sei der Standort Deutschland mit den hohen Arbeits- und Energiekosten im europäischen Vergleich jetzt schon zu teuer. „Die Krise am Golf wirkt wie ein Katalysator für den Niedergang des Wirtschaftsstandortes“, sagte der BGA-Präsident. Die Industrie erhält im März fünf Prozent mehr Aufträge Der düsteren Stimmung in den Kreisen des Groß- und Außenhandels steht entgegen, dass die deutsche Industrie im ersten Monat des Irankriegs überraschend viele Aufträge erhielt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg der Auftragseingang im März um fünf Prozent gegenüber dem Vormonat. Anders als in den Vormonaten spiegelt der starke Anstieg nicht nur Großaufträge wider, sondern deutet auch auf eine breitere Aufwärtsbewegung hin. Die Inlandsaufträge stiegen um vier Prozent, die Auslandsaufträge um 5,6 Prozent. Das Auftragsplus zog sich durch breite Bereiche der Wirtschaft. Besonders stark stiegen die Aufträge für Hersteller von elektrischer Ausrüstung mit einem Plus von 21,5 Prozent, im Maschinenbau mit plus 6,9 Prozent und in der Herstellung von Datenverarbeitung und elektronischen Geräten um 14,4 Prozent. Viele Ökonomen von Geschäftsbanken werteten die Entwicklung als Signal, dass die deutsche Konjunktur vor dem Irankrieg zu einer Erholung angesetzt habe, die nun mit den Belastungen des internationalen Handels und den Preissteigerungen wohl zumindest vorerst ihr Ende finde. In Unternehmensumfragen wie dem Ifo-Geschäftsklima ist die Stimmung der Unternehmen in nahezu allen Branchen zuletzt drastisch gesunken. Der breit gefächerte Anstieg der Bestellungen im März kann aber auch zumindest teilweise auf befürchtete Lieferengpässe und Preisanstiege aufgrund des Irankriegs zurückzuführen sein. Darauf wiesen manche Ökonomen wie Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research und das Bundeswirtschaftsministerium hin. „Für den Ausschlag am aktuellen Rand dürften Vorzieheffekte verantwortlich sein“, schrieb das Ministerium. Unternehmen, die mit dem beginnenden Irankrieg höhere Preise fürchteten, hätten demnach im März noch schnell versucht, zu niedrigeren Preisen ihre Lager zu füllen. Unternehmen füllen vorsorglich die Lager auf Diese Erklärung geht einher mit den Aussagen der Handelsunternehmen in der Umfrage des BGA. Mehr als 50 Prozent der Unternehmen berichteten von ausreichenden Lagerbeständen, die für ein bis drei Monate reichen würden. Mehr als 25 Prozent hatten Güter für mehr als drei Monate eingelagert. Fast 50 Prozent erklärten aber zugleich, dass sie zur Abwehr der Folgen der Nahostkrise ihre Lagerbestände zusätzlich aufbauten. Für die kommenden Monate erwarten die befragten Handelsunternehmen eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage als Folge des Irankriegs. Mehr als 90 Prozent rechnen mit weiter steigenden Einkaufs- und Beschaffungskosten und fast 70 Prozent mit zunehmend schwankenden Preisen. Rund 60 Prozent erwarten weitere Störungen der Lieferketten, verschärfte Material- und Warenengpässe und eine sinkende Nachfrage. Denn mit den steigenden Preisen wird es für die Kunden immer schwieriger, ihre Nachfrage aufrechtzuerhalten. „Durch die steigenden Logistikkosten und die zunehmende Produktknappheit steigen die Preise für den Händler und den Endverbraucher“, sagte Jandura. „Wir verzeichnen bereits jetzt eine steigende Inflation.“ Der BGA-Präsident geht davon aus, dass anders als in den vergangenen Jahren der Konsum das schwache Wirtschaftswachstum in Deutschland nicht stabilisieren werde. „Die Zurückhaltung der Konsumenten ist spürbar und in den Restaurants auch bereits sichtbar“, sagte Jandura.
