FAZ 04.12.2025
11:03 Uhr

Umbenennung einer Straße: Gerne eine lokale Heldin des Alltags


Bad Vilbel will die Hermann-Gmeiner-Straße angesichts der Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründer der SOS-Kinderdörfer umbenennen. Damit verbindet sich für die Kurstadt eine doppelte Chance.

Umbenennung einer Straße: Gerne eine lokale Heldin des Alltags

Gegen solche Nachrichten ist keine Stadt, keine Gemeinde und auch keine Einrichtung gefeit. Sie benennt eine Straße oder ein Gebäude nach einem augenscheinlich verdienten Menschen, meistens einem Mann – und ein paar Jahrzehnte später finden historisch interessierte Zeitgenossen heraus: Bei all seinen Verdiensten war dieser geehrte Mensch doch ein dunklerer Charakter als gedacht. Diese Erkenntnis mündet in der Regel in die Umbenennung von Straßen oder Gebäuden. So wie vor einiger Zeit in Gießen, wo ein nach dem Juristen Otto Eger benanntes Studentenwohnheim mit Mensa mittlerweile den Namen der Widerstandskämpferin Mildred Harnack-Fish trägt. Eger hatte sich postum als zu nah an den Nazis erwiesen. In Bad Vilbel steht nun die Umbenennung einer Straße an. Denn ebenfalls postum sind Vorwürfe gegen Hermann Gmeiner laut geworden, den Gründer der SOS-Kinderdörfer. Dabei geht es aber nicht um Nähe zu den Nazis, sondern um sexuellen Missbrauch. Und zwar ausgerechnet an Orten, an denen Kinder geschützt werden sollten. Angesichts dessen soll die Hermann-Gmeiner-Straße bald anders heißen. Der Magistrat hat folgerichtig den Prozess angestoßen, einen besseren Namen zu finden. Mit dem Vorhaben verbindet sich eine doppelte Chance für die Stadt. Erstens kann sie diese Straße nach einem verdienten Menschen aus ihren Reihen benennen. Zweitens darf es gerne eine Frau sein – zumal Frauen oft übergangen wurden in solchen Fällen. Es findet sich idealerweise eine Heldin des Alltags, die um sich nicht viel Aufhebens gemacht, aber die Stadtgesellschaft über Jahrzehnte bereichert hat.