Die Luft war schlecht im dicht besetzten Pressekonferenzraum am Geißbockheim, als Lukas Kwasniok am Dienstagnachmittag, einen Tag vor dem Duell mit Bayern München (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN), zum Austausch mit den Journalisten erschien. Der Trainer des 1. FC Köln nahm einen tiefen Atemzug und verzog leicht angewidert das Gesicht. Anschließend befreite er sich von seinem Pullover, bevor er sich den Fragen zur Stimmung stellte, die ähnlich belastet war wie das Raumklima. Er sei im ersten Moment schon „emotional ein bisschen mitgenommen“ gewesen, sagte er drei Tage nachdem die Ultragruppe „Wilde Horde“ am Samstag in Heidenheim ein viel diskutiertes Banner entrollt und damit eine bizarre Debatte in Gang gesetzt hatte. „Kwasni Yok“ war dort zu lesen. „Yok“ ist ein türkisches Wort, das Eingang in die deutsche Jugendsprache gefunden hat. Es handelte sich demnach um eine Art Synonym zum klassischen „Trainer raus!“. Das war überraschend, nachdem Kwasniok über weite Strecken der Hinrunde als Glücksgriff gefeiert worden war. Nun berichtete er seinen Zuhörern, dass die Angelegenheit „besprochen“ worden sei, der Verein habe sich „mit der Ultraszene über diese Dinge unterhalten“. Der Konflikt sei „jetzt ausgeräumt“. Und dennoch bleibt ein Schaden. Hintergrund der Kritik waren nämlich dem Vernehmen nach nicht zuletzt streitbare Personalentscheidungen, die Spieler kränkten. Kwasniok hatte auf der Grundlage von Trainingsleistungen und -eindrücken bei der Kadernominierung fürs Spiel gegen Heidenheim die verdienten wie offenbar auch unter den Ultras beliebten Spieler Florian Kainz und Luca Waldschmidt unberücksichtigt gelassen. Die beiden mussten direkt aus dem Trainingslager nach Hause fliegen, statt mit den Kollegen zur Partie nach Nordbaden. „Wenn besser möglich ist, ist gut nicht gut genug“, hatte Kwanskiok gesagt, nachdem er statt der namhaften Akteure den U-19-Spieler Fynn Schenten aufgestellt und mit Youssoupha Niang ein weiteres Talent aus der Nachwuchsakademie eingewechselt hatte. Außerdem hatte Said El Mala 45 Minuten lang auf der Bank gesessen. Bequemlichkeiten, Nachlässigkeiten und Eitelkeiten nicht geduldet Vor dem Duell gegen die Bayern erklärte er, seine Kaderentscheidungen seien „nie für die Ewigkeit bestimmt, sondern jeder kann eben auf sich aufmerksam machen und dann auch wieder Teil des Kaders sein“. Ob Kainz und Waldschmidt wieder nominiert werden, ließ er offen. Klar ist aber, dass Kwasniok keine Bequemlichkeiten, Nachlässigkeiten sowie Eitelkeiten duldet und im Zweifel auf junge Spieler setzt. Er wäre nicht der erste Trainer, der mit einem etwas weniger nachsichtigen Umgang mit seinen Profis Widerstände in der FC-Kabine auslöst. Vor zwei Jahren war beispielsweise Timo Schultz mit dem Versuch gescheitert, zwei Trainingseinheiten pro Tag einzuführen. Selbstverständlich diskutieren Fans anschließend über auffällige Kaderentscheidungen und einige mögen zürnen. Dass jedoch das Banner einer einzelnen Fangruppierung in einem Verein mit 150.000 Mitgliedern und noch viel mehr Anhängern umgehend zu Gesprächen mit den Verantwortlichen führt, ist ungewöhnlich. Der meist gut informierte „Geissblog“ berichtet, dass die Ultras im Rahmen dieses Austausches auch noch Kwasnioks „Auftreten abseits des Sportlichen“ kritisiert hätten, und man kann schon fragen, mit welchem Recht sie das tun. Und warum der Verein das zulässt. Er halte es für „wichtig, dass wir da in den Dialog gehen“, sagte der Sportchef Thomas Kessler in einem Gespräch mit RTL. Kritik an der ungewöhnlichen Einmischung wagte er nicht. Seit Jahren nennen Vertreter anderer Vereine hinter vorgehaltener Hand den 1. FC Köln als Negativbeispiel, wenn es um eine ungesunde Machtkonstellation zwischen dem Bundesligaunternehmen und den Ultras geht. Nun haben sie ein besonders anschauliches Beispiel für diese Darstellung. Im Rahmen der Wahl des neuen Präsidiums am Anfang der Saison war vielfach davor gewarnt worden, dass die Ultras mit dem nun amtierenden Präsidenten Jörn Stobbe noch einflussreicher werden könnten. Während des Wahlkampfes sagte Stephan Schell, ein Capo der „Wilden Horde“, in dem Podcast „FC-Thekenphilosophen“: „Ich will jetzt mal damit aufräumen, dass das Team Stobbe angeblich das Team der Ultras ist.“ Das sei „Schwachsinn“. Dass das neue Präsidium aufgrund eines kritischen Transparents Vertreter der Gruppe zu einem Gespräch empfängt, ist vor diesem Hintergrund zumindest bemerkenswert. Zumal dem Vernehmen nach der Verdacht im Raum steht, dass gut mit den Ultras vernetzte Spieler die Fankritik über ihre Kontakte forciert haben. Der direkt angegriffene Kwasniok war entgegen anderslautender Meldungen persönlich nicht bei dem Austausch zwischen Vereinsvertretern und Ultras dabei, sagte aber auf die Frage, ob hier nicht zu viel Macht in den Händen eines sehr speziellen Segments des Publikums liege: „Das ist schon eine Gruppierung, die jetzt nicht ganz so klein ist“, auch wenn so ein Transparent eher „nicht die Stimme von allen“ zum Ausdruck bringe. Davon abgesehen sei er ein Freund der Meinungsfreiheit, und überhaupt: „Weiter geht’s, Fokus auf den Sport.“ Diese Position vertritt auch die Klubführung. Eine Trainerdiskussion, wie sie von den Ultras angestoßen wurde, wird nicht geführt. „Wir sind sehr froh, dass wir Lukas als unseren Trainer haben“, sagte Kessler, „wir stehen in einer Tabellenregion, die ist für uns völlig vernünftig. Und auch die Punktzahl ist völlig vernünftig.“
