Ulrich Enzensberger war der Jüngste der schreibenden Enzensberger-Brüder. Geboren 1944 im mittelfränkischen Wassertrüdingen, kam er zunächst zu lokalem Ruhm durch die Einfälle der „K1“ genannten Kommune I in West-Berlin. Die Wohngemeinschaft praktizierte ein Leben frei von bürgerlichen Konventionen und dergleichen, zunächst in den leer stehenden Wohnungen von Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson, und als sie im April 1967 eine politische Protestaktion gegen den Berlin-Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey plante, wanderte der Großteil der Genossen kurz ins Gefängnis, darunter auch Ulrich Enzensberger. An Sprengstoff war allerdings nicht im Ernst gedacht worden, eher an Rauchbomben, laut anderen Aussagen sogar nur an eine explosive Mischung aus Mehl und Pudding. Die Affäre ging glimpflich aus und führt seither unter der Bezeichnung „Puddingattentat“ eine Existenz unter den historischen Kuriosa der Bundesrepublik. Mehr als vierzig Jahre später wurde ein Verfahren gegen Enzensberger wegen des Verdachts, 1970 an einem Brandanschlag gegen einen Münchener Amtsrichter beteiligt gewesen zu sein, eingestellt. Inzwischen hat eine nicht näher bezeichnete „Allgemeinheit“ das Projekt K1 mit einer Gedenktafel am Stuttgarter Platz, dem späteren Wohnhaus in Charlottenburg, zum „allgemeinen Kulturgut“ erklärt. Drei schreibende Brüder Doch lange bevor es 2018 zu dieser Distinktion kam, wurde Ulrich Enzensberger Schriftsteller. „Wir waren drei schreibende Brüder“, hat Hans Magnus Enzensberger, der Älteste, einmal gesagt. „Martin, der vierte, der früh gestorben ist, war Drucker und Setzer, und ich war jahrelang Verleger.“ Bei diesem Verleger, dem berühmten Magnus, erscheint 1996 in dessen Anderer Bibliothek die biographische Annäherung „Georg Forster. Ein Leben in Scherben“ (1996), in der Ulrich Enzensberger Tagebuchaufzeichnungen und Briefe des reisenden Abenteurers und Schriftstellers zu einem intellektuellen Porträt montiert. Abermals in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erscheint fünf Jahre später die historische Typologie „Parasiten“, ein Streifzug durch die Begriffsgeschichte des Parasiten (der erst in Botanik und Biologie die Bedeutung von „Schmarotzer“ annimmt) von der Antike bis in die Moderne. 2004 folgte das Buch „Die Jahre der Kommune I“, eine Mischung aus autobiographischer Erinnerung und Gruppenporträt aus der wilden Berliner Zeit zwischen 1967 und 1969. Das Experiment K1 habe „auf die Sprengung bürgerlicher Abhängigkeitsverhältnisse“ gezielt, heißt es auf der oben erwähnten, sehr würdig und fast schon bürgerlich wirkenden Gedenktafel in der Kaiser-Friedrich-Str. 54A im Berliner Westen. Und weiter: „Sie (die Kommunarden) lehnten Besitzanspruch in der Ehe und autoritäre Kindererziehung ab, destruierten die Privatsphäre und stellten die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal in Frage. Damit trafen sie den Nerv ihrer Zeit.“ Dem lässt sich kaum widersprechen. Nach einem guten Jahr stellte das Projekt aber auch sich selbst radikal in Frage und fiel auseinander. Ein Enzensberger von Würde und Eleganz Enzensberger hat die Bürde, ein Enzensberger zu sein, mit Würde und Eleganz getragen. Beim Begräbnis 2022 von Hans Magnus, der dem bereits 2009 verstorbenen Anglisten, Schriftsteller und Übersetzer Christian Enzensberger folgte, hielt Ulrich in der Friedhofskapelle von Kaufbeuren eine warmherzige Rede, in der er sich an die Nachkriegskindheit in Franken erinnerte, und ein halbes Jahr darauf, bei einem Gedenktreffen für den ältesten Bruder in Berlin, trug er dessen ergreifendes Gedicht „Schläferung“ vor. Vielen, die ihn in jenen Jahren sahen, fiel die physiognomische Ähnlichkeit zwischen Ulrich und Hans Magnus auf, der ähnliche Gang, die kaum unterscheidbare Redeweise, und im Bericht der F.A.Z. vom 22. Juni 2023 hieß es über die Reaktion nach der Lesung des Gedichts: „Der Rest war nicht Schweigen. Sondern großes Gefühl und großer Beifall.“ Dieser Beifall galt ihm, der gesprochen hatte, und dem, den er würdigte. Am vergangenen Sonntag ist Ulrich Enzensberger, der Letzte aus der Reihe der berühmten Brüder, im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben.
