Olha Reschetylowa steckt bis über beide Ohren in Arbeit. Gut 9000 Meldungen aus der ukrainischen Armee und von Angehörigen habe sie allein seit Anfang des Jahres bekommen – Beschwerden, Fragen, Hilferufe. Zwar war sie da noch gar nicht offiziell im Amt, aber es hatte sich herumgesprochen, dass sie sich für Soldaten einsetzt. Persönlich hat sie uns an der Pforte eines großen Gebäudes abgeholt, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum schwer bewachten und mit Stacheldraht und Betonbarrieren geschützten Regierungsviertel Kiews liegt. Während man dorthin nur mit Passierschein gelangt, ist Reschetylowa vergleichsweise einfach zu erreichen, was fast schon symbolisch wirkt. Sie ist Ombudsperson für Soldaten, ein Amt, das es in der Ukraine noch nie gegeben hat. Nach langem Zögern hat Präsident Wolodymyr Selenskyj sie im Oktober offiziell ernannt. „Ich bin gerade dabei, mir eine Infrastruktur aufzubauen“, erzählt die Vierzigjährige. Für Außenstehende mag das seltsam klingen: Hat die Armee gerade nichts anderes zu tun, als eine Ombudsperson zu installieren. „Ganz im Gegenteil“, sagt Reschetylowa. „Es war dafür höchste Zeit.“ Seit 2014 widersteht die ukrainische Armee in der Ostukraine den russischen Aggressoren, seit 2022 im ganzen Land. Zwar sei die Motivation, Heimat und Leben zu verteidigen, weiter hoch. Doch gebe es viele Konflikte im Militär, um die sich kaum jemand gekümmert habe und die deshalb die Verteidigungsfähigkeit schwächten. „Ich sah an der Front, was mit Soldaten und Zivilisten geschah“ Reschetylowa hat das von Anfang an miterlebt. Als 2014 russische Streitkräfte im Donbas einfielen, arbeitete die aus Schytomyr in der Westukraine stammende Politikwissenschaftlerin als Journalistin. Sie leitete unter anderem das Korrespondentennetz der Tageszeitung „Djen“ und schrieb für das heute verbotene russische Oppositionsmedium Grani.ru. „Ich bekam mit, dass Leute aus meiner Region, mit denen ich zur Schule gegangen war, von Russen im Donbas getötet wurden“, erzählt sie. „Da habe ich mir gesagt: Ich muss was tun.“ Mit Bekannten sammelte sie Geld, um Schutzwesten für Soldaten zu kaufen, und gründete bald darauf die Initiative „Come back alive“, um die von russischen Attacken überrumpelte, kaum ausgerüstete ukrainische Armee im Osten des Landes zu unterstützen. Reschetylowa ist eine optimistische, zupackende Frau. Sie antwortet überlegt und entschieden. „Ich war damals häufig an der Front und sah, was mit Soldaten und Zivilisten geschah.“ Und sie habe erlebt, wie weit weg dieser Krieg im Osten damals auch für die meisten Ukrainer gewesen sei. „Die Distanz zwischen Gesellschaft und Armee war ziemlich groß.“ Zugleich habe sie mitbekommen, wie Konflikte zwischen älteren Kommandeuren, die noch in der Sowjetarmee gedient hatten, und jungen Soldaten wuchsen. „Viele behandelten ihre Untergebenen wie rechtlose Wesen.“ Es habe kein Mittel gegeben, Rechte der Soldaten durchzusetzen. „Doch viele junge Soldaten wollten sich nicht als Sklaven behandeln lassen und türmten reihenweise.“ In den Befehlsrängen habe es damals starken Widerstand gegen Veränderungen gegeben. „Es gab keinerlei zivile Kontrolle der Armee.“ Reschetylowa spricht mit Empathie von den Soldaten. Als die damalige Regierung beschloss, einen Zivilisten zum Verteidigungsminister zu machen, sei kurzerhand ein pensionierter Offizier ernannt worden, womit das Kriterium formal erfüllt war. Das alles habe viele junge Menschen von der Truppe entfremdet. „Sie verließen die Armee und lebten ihre eigenen Leben.“ Dadurch sei auch viel militärische Erfahrung verloren gegangen, was den Streitkräften geschadet habe. „Wir hatten ab 2014 ja sehr ernste Schlachten im Osten.“ Mit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 seien die meisten jedoch zurückgekehrt und hätten ihre Kenntnisse – als Ingenieur, Mediziner, Logistiker – eingebracht. Diese Erfahrungen aus der zivilen Welt seien sehr vorteilhaft gewesen. „Wir haben ja wenig Personal und müssen es deshalb klug einsetzen“, sagt Reschetylowa. Mit einer Kollegin hatte sie bereits zuvor eine zivile Initiative gegründet, die Kriegsverbrechen in der Ostukraine, aber auch Straftaten innerhalb der ukrainischen Streitkräfte dokumentierte. So wurde sie zu einer Ansprechpartnerin und Vertrauensperson für Soldaten. Putin muss keine Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen Damals begann ihr langer Kampf bei der Regierung dafür, eine Ombudsperson für Militärangehörige nach dem Vorbild westlicher Armeen auch in der Ukraine zu implementieren, um Soldatenrechte durchsetzen zu können. Doch was in westlichen Ländern in Friedenszeiten gelang, sollte in der Ukraine mitten im Krieg geschehen. Und das dauerte, zumal sich die Armeeführung alles andere als begeistert gezeigt habe. Doch hätten sich immer mehr Soldaten an sie gewandt, erzählt Reschetylowa. „Ich redete mit ihnen, weil sie oft niemanden hatten, um ihre Sorgen loszuwerden.“ Eines der Hauptprobleme sei die Erschöpfung. „Viele können nicht mehr, es gibt zu wenig Leute, zu selten werden sie abgelöst.“ Der mörderische Drohnenkrieg bietet kaum Pausen, um Stellungen zu wechseln, und der Nachschub an Soldaten ist in der Ukraine, die Männer erst ab 25 Jahren einzieht, viel geringer als in Russland, wo Kriegsherr Wladimir Putin kaum Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen muss. Manche hätten anderthalb Jahre an der Front verbracht, ohne einmal Urlaub gehabt zu haben. Ein großes Problem seien auch Konflikte mit Kommandeuren, in deren Folge immer wieder Soldaten von der Fahne gingen oder auf eigene Faust versuchten, ihre Einheit zu wechseln. Letzteres sei lange verboten gewesen. Mit Reschetylowas Hilfe wurde erreicht, dass Wechsel erlaubt sind, sogar eine Smartphone-App wurde dafür programmiert. Doch dann hätten Wechsel überhandgenommen, inzwischen seien sie nur noch mit Erlaubnis der Kommandeure möglich. „Immerhin verlieren wir dadurch weniger Leute.“ Zugleich macht sie sich stark für eine angemessene Behandlung verletzter Soldaten. Im Inland gebe es dafür zu wenig Kapazität, weshalb sie dafür warb, sowohl internationale Mediziner in die Ukraine zu holen als auch Militärangehörige im Ausland behandeln zu lassen. Zwischenzeitlich war die Fahnenflucht straffrei Zudem kümmert sich Reschetylowa um die Verbindung zwischen Armee und Gesellschaft. Immer wieder riefen Rekrutierer, die Männer von der Straße weg mitnehmen, große Unruhe in der Bevölkerung hervor. Mit zunehmender Dauer des Krieges habe zudem die Zahl derjenigen, die sich freiwillig melden, stark nachgelassen. Da hilft es auch kaum, dass Freiwillige anders als Zwangsrekrutierte mitbestimmen können, wo sie eingesetzt werden. Auch Fahnenflucht sei nach wie vor ein Problem; seit dem russischen Überfall 2022 hätten mehr als 200.000 Soldaten unerlaubt ihre Einheiten verlassen. Ein Gutteil davon sei zurückgekehrt, als erstmalige Fahnenflucht straffrei wurde. Das aber galt nur temporär. Inzwischen wurden die Strafen für das unerlaubte Entfernen von der Truppe verschärft. Verurteilten drohen zwischen fünf und zwölf Jahren Haft. Reschetylowa initiierte Orientierungskurse für Rekruten und jüngere Freiwillige. Die Kurse dienten dazu, Vorbehalte abzubauen und Wissen zu vermitteln über Einsatz- und Verdienstmöglichkeiten in der Armee, aber eben auch über den veränderten Ton und Umgang, der heute bei den Streitkräften herrsche, obgleich viele Menschen noch das Schreckensbild der Sowjetarmee vor Augen hätten. Wie es dort zuging, sehen die ukrainischen Soldaten, die ihr Land an vorderster Front verteidigen. Die russische Armee agiere so, wie es in Büchern über den Zweiten Weltkrieg stehe, berichten ukrainische Soldaten, die wir auf Fronturlaub in Kiew treffen. „Sie schicken immer und immer wieder eine Reihe Soldaten nach der anderen ins Feuer, bis einer durchkommt.“ Und das oft für winzigste Geländegewinne. Wer sich weigere oder zurückweiche, werde hart bestraft, manche berichten gar von Erschießungen. Eine solche „Fleischwolftaktik“ könne und wolle sich die Ukraine auf keinen Fall leisten, sagt Reschetylowa. Das würde nicht nur Aufstände in der Armee, sondern auch in der Zivilgesellschaft geben. „Unsere Streitkräfte sind heute anders, und das ist ein Vorteil für uns.“ In der ukrainischen Armee gebe es inzwischen eine Mischung aus alten Kommandeuren, die auf Disziplin achteten und ein genaues Verständnis des Feindes hätten, weil sie mit ihm zu Sowjetzeiten auf derselben Militärakademie gewesen seien. Und es gebe junge Leute, die komplett anders und für den Feind nicht vorhersehbar agierten. Die Russen, das sagen auch ukrainische Kommandeure, hätten zwar heute auch modernere Technik, agierten aber taktisch wie zu Sowjetzeiten und seien deshalb in ihren Aktionen weitgehend vorhersehbar. Rückendeckung Selenskyjs überwiegt Skepsis des Armeechefs Durch ihre Initiativen und ihren Einsatz für Soldaten fand Reschetylowa schließlich auch bei Wolodymyr Selenskyj Gehör. Der Präsident machte sie 2024 zur Beauftragten für die Rechte von Militärangehörigen und forderte sie auf, gleich selbst den Gesetzentwurf über das Amt einer Ombudsperson für das Militär auszuarbeiten, der schließlich vom Parlament beschlossen wurde. „Olha ist eine bekannte und erfahrene ukrainische Menschenrechtlerin“, sagte Selenskyj. Sie habe bereits viel für das Land und die Unterstützung der Ukrainer getan. „Ich bin Zivilistin, aber nicht völlig von außen“, sagt sie heute. „Ich bin nach wie vor oft an der Front unterwegs, nur kann ich zurück, und die Soldaten müssen bleiben.“ Die Kommandeure blickten differenziert auf ihr Engagement. „Ich bin ihnen natürlich bekannt. Einige respektieren mich, andere fürchten mich, manche respektieren mich nicht.“ Auch Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj zähle zu den Skeptikern. Doch habe sie die Rückendeckung Selenskyjs, der sagte: „Es ist wichtig, dass dies auf allen Ebenen der Verteidigungskräfte der Ukraine zu spüren ist: Wir tun, was die Armee stärkt, und wir tun auch, was die Soldaten in unserer Armee stärkt.“ „Für mich ist jeder Fall wichtig, und ich will, dass die Soldaten wissen, dass sie wichtig sind“, sagt Reschetylowa. Die Armeeführung könne Probleme nicht mehr ignorieren, sondern ist laut Gesetz gezwungen, binnen zehn Tagen zu reagieren oder eine Untersuchung einzuleiten. Kürzlich verteidigte die Ombudsfrau erstmals die Rechte von Soldaten vor dem ukrainischen Verfassungsgericht. In Russland wäre so etwas undenkbar. Es mache sie stolz, dass die demokratischen Institutionen in der Ukraine auch im Krieg funktionierten, sagt Reschetylowa. „Aber ich stehe natürlich auch unter Beobachtung und darf jetzt keinen Fehler machen.“
