Der Eiskunstläufer Kyrylo Marsak ist in Cherson geboren und nimmt in Mailand an seinen ersten Olympischen Spielen teil. Nach dem Kurzprogramm am Dienstagabend, in dem ihm eine persönliche Bestleistung (89,69 Punkte) gelang, liegt er vor der Kür an diesem Freitag (19.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) auf Platz elf. Nach der Entfesslung des russischen Angriffskriegs ging der nun 21 Jahre alte Marsak zunächst nach Lettland und zog dann nach Finnland, wo er von Alina Mayer-Virtanen trainiert wird. Zu den Olympischen Spielen sind seine Mutter und seine Schwester angereist. Es sei „unglaublich“ gewesen, sagt er einem ukrainischen Journalisten in der Mixed Zone des „Forum“ von Assago am Rande Mailands, auf den Rängen so viele ukrainische Flaggen gesehen zu haben. Dann beantwortet er Fragen der F.A.Z., bevor japanische Reporter mit ihm sprechen. Sie haben Ihr Programm Ihrem Vater gewidmet. Wo ist er derzeit? Er ist Soldat der ukrainischen Armee an der Donezker Front. Es ist derzeit eine sehr schwierige Situation, das ist offensichtlich. Er versucht stark zu sein, durchzuhalten. Er unterstützt mich von dort, auch wenn das manchmal schwierig ist – fast unmöglich. Was heißt das? Wie oft sind Sie mit ihm in Kontakt? Wir versuchen, jeden Morgen und jeden Abend über Textnachrichten zu kommunizieren. Wir wünschen uns einen guten Morgen und eine gute Nacht, damit wir beide wissen, dass wir noch da sind, dass es geht. Und wir versuchen, so oft wie möglich zu telefonieren, wenn das Internet funktioniert. Wir sehen die Berichte aus Kiew, sehen, wie die Stadt beschossen wird mit Raketen und Drohnen, sehen die schreckliche Lage bei den kalten Temperaturen. Wie ist die Lage in Donezk? Noch schlechter, weil es so nah an der Front ist. Es ist hart. Können Sie sich auf den Sport konzentrieren? Wenn ich aufs Eis trete, fühle ich mich lebendig. Dann denke ich, ich kann Berge versetzen. Das kam allerdings nicht von selbst, ich habe viel mit einem Psychotherapeuten gearbeitet. Im Sommer war es schwer, da musste ich Medikamente nehmen. Ich arbeite immer noch mit dem Psychotherapeuten, wir wollen die Situation weiter verbessern. Es geht darum, weiterzumachen, stark zu bleiben, trotz allem. Haben Sie an der Eröffnungsfeier teilgenommen? Ja. Was haben Sie gedacht, als die Ukraine so laut bejubelt wurde? Das war auch super cool. Ich habe getanzt, ich hatte Freude wie noch nie. Sowas erlebt man nur einmal, habe ich gedacht, ich habe das alles aufgesaugt. Hören Sie etwas von Freunden und Verwandten aus der Ukraine, während Sie hier sind? Können Sie Ihnen zusehen? Ja, viele Leute schauen mir zu, ich bekomme viel Unterstützung. Ich bekomme aber auch negative Rückmeldungen von Leuten. Ich habe in einem Interview gesagt, dass ich nicht denke, dass die Neutralen hier sein sollten. Deshalb kriege ich viele Nachrichten von Russen, die mir schreiben, ich wäre es nicht wert, bei den Olympischen Spielen zu starten. Auch heute. Na gut, ich denke mir dann: Sehen wir dann auf dem Eis, okay? Als er anschließend von einem japanischen Journalisten hört, dass er besser bewertet wurde als der Russe Pjotr Gummenik, der als Individueller Neutraler Athlet am Start ist, kann es Marsak kaum glauben: „Oh my god!“ Er habe aus Russland zu hören bekommen, wie viel besser Gummenik, wie viel schlechter er selbst sei. „Und jetzt bin ich vor ihm? Tja, tut mir leid.“ Kyrylo Marsak verschwindet mit einem breiten Lächeln aus dem Tunnel des Forums.
