FAZ 05.02.2026
13:52 Uhr

UkraineKrieg: Sie zählen ihre toten Soldaten


Die Ukraine äußert sich selten zu ihren Verlusten. Nun hat Selenskyj von 55.000 gefallenen Soldaten gesprochen. Die tatsächliche Anzahl könnte höher liegen.

UkraineKrieg: Sie zählen ihre toten Soldaten

55.000 Soldaten: Auf diese Zahl beziffert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die eigenen Verluste seit dem Beginn der russischen Vollinvasion vor fast vier Jahren. Dazu zählten Berufssoldaten wie Mobilisierte, sagte er am Mittwoch einem französischen Fernsehsender. Hinzu käme noch eine große Anzahl an Vermissten, so Selenskyj. Die Ukraine meldet zwar täglich die Verluste, die sie den russischen Truppen zufügt. Doch über die eigenen Opferzahlen spricht Kiew selten. Zuletzt hatte sich Selenskyj Mitte Februar 2025 im amerikanischen Fernsehen dazu geäußert, damals sprach er von 46.000 getöteten Soldaten. Zu Beginn jenes Monats nannte er 45.100 Gefallene und 390.000 Verwundete. Ob die Zahlen stimmen, ist fraglich. Fachleute gehen davon aus, dass sowohl die ukrainische als auch die russische Regierung eigene Verluste niedriger und die des Gegners höher darstellen, als sie tatsächlich sind. Keine Aussagen zu Verlusten in den ersten beiden Jahren Selenskyj schwieg lange zu den ukrainischen Verlusten und äußerte sich erstmals im Februar 2024 dazu – genau zwei Jahre nach Beginn des Angriffskriegs. „Jeder Mensch ist für uns ein großer Verlust“, sagte er damals. „31.000 ukrainische Soldaten sind in diesem Krieg ums Leben gekommen.“ Dass der Präsident anfing, Zahlen zu nennen, führten ukrainische Medien auf die Spekulationen in den Vereinigten Staaten zurück. Unter Präsident Joe Biden war das Land der größte Unterstützer der Ukraine. Im Präsidentschaftswahlkampf kursierten etliche Zahlen zu den ukrainischen Verlusten. Im August 2023 hatte die „New York Times“ amerikanische Regierungsbeamte mit Schätzungen zitiert, die von 70.000 getöteten Soldaten und 100.000 bis 120.000 Verletzten ausgingen. Die Seite UALosses zählt die gefallenen Militärangehörigen anhand von öffentlichen Todesanzeigen. Dazu gehören nach eigenen Angaben etwa Meldungen von Behörden und ukrainischen Medien, die Beiträge von Angehörigen in sozialen Medien und Denkmäler für die Toten. Wer die Seite betreibt, ist unklar, eine Anfrage der F.A.Z. blieb unbeantwortet. Allerdings beziehen sich immer wieder ukrainische und internationale Medien auf ihre Angaben. So zählt die Seite knapp 82.000 Tote seit Februar 2022. Rechnet man die Fälle seit Beginn des Krieges im Osten der Ukraine 2014 dazu, sind es laut UALosses schon mehr als 92.000 getötete Soldaten. Hinzu kommen fast 90.000 Vermisste und 4461 Kriegsgefangene. Die Seite weist darauf hin, dass die Zahlen wahrscheinlich noch höher sind, da nicht immer alle Fälle publik gemacht werden. Russland verheizt seine Minderheiten Geht es um die Verluste der Armee Russlands, sind es vor allem russische Journalisten, die in akribischen Recherchen versuchen, ein reales Bild der Lage darzustellen. Das Projekt Mediazona und der russischsprachige Dienst der BBC veröffentlichen regelmäßig neue Zahlen. Wie UALosses beziehen sie sich auf öffentlich verfügbare Daten. Sie listen mehr als 168.000 Namen auf, in vielen Fällen sogar mit Foto. Bei knapp 138.000 ist das genaue Todesdatum bekannt. Auch die beiden Medien weisen darauf hin, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte, und schätzen diese auf mindestens 219.000. Dabei fällt auf, dass viele der Gefallenen zu den ethnischen Minderheiten in Russland gehören und aus den abgehängten Regionen des Landes stammen. Besonders hoch ist der Anteil der getöteten Soldaten demnach unter denjenigen, die aus den Republiken Burjatien, Tuwa und Altai im Süden Sibiriens kommen. Von noch höheren Verlusten auf beiden Seiten geht die in Washington ansässige Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) aus. Sie veröffentlichte Ende Januar einen Bericht, in dem sie die ukrainischen Verluste seit Februar 2022 auf 500.000 bis 600.000 Soldaten beziffert. Das schließt Getötete, Verwundete und Vermisste ein. Der Bericht geht von 100.000 bis 140.000 gefallenen Ukrainern aus. Die Verluste auf der russischen Seite beziffert CSIS mit 1,2 Millionen Soldaten, davon 325.000 Tote. Das CSIS stützt sich bei den Zahlen nach eigenen Angaben auf Informationen des Militärs, der Geheimdienste und Regierungen verschiedener Länder. Die F.A.Z. meldete im März 2024, dass westliche Beobachter im Vormonat von 983 verwundeten und getöteten russischen Soldaten täglich ausgingen. Der Februar 2024 galt bis dahin als verlustreichster Monat für Russland. Laut Mediazona und BBC war dies bisher der November 2024.