FAZ 23.11.2025
17:25 Uhr

Ukraine: „Veteranen müssen aktiv bleiben, um zu überleben“


Mehr als eine Million Veteranen gibt es in der Ukraine. Ihre Rückkehr ins zivile Leben stellt Staat und Gesellschaft vor Herausforderungen. Zwei Erfolgsgeschichten.

Ukraine: „Veteranen müssen aktiv bleiben, um zu überleben“

Vorsichtig greift Olexandr Mantschenko die Hände seiner Tanzpartnerin. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, zählt er die Schritte. Dann kommt eine Drehung. Ein Mann steht daneben und beobachtet die beiden. Dann versucht er es selbst, so richtig wollen die Bewegungen aber nicht gelingen. Noch einmal zeigt Mantschenko, wie es aussehen sollte. Das Paar verheddert sich wieder. Also werden die Tanzpartner getauscht. Schon klappt es besser. Zu lateinamerikanischen Klängen drehen die Paare ihre Bachata-Runden durch den kleinen Tanzsaal im Zentrum von Kiew. Mantschenko steht am Rand und schaut ihnen zu. Er ist kräftig, trägt Jeans und ein olivgrünes T-Shirt, unter den Ärmeln blitzt ein Tattoo hervor. Auf dem Shirt prangt das Zeichen der ukrainischen Armee, auf dem Rücken ist ein Skelett gedruckt, das raucht, am Arm hat es eine ukrainische Flagge. Darüber steht „Veteran“. Der Einundvierzigjährige hat sich nach Russlands Überfall auf die Ukra­ine 2022 freiwillig zur Armee gemeldet. Nach einem Jahr schied er aus gesundheitlichen Gründen aus. Er eröffnete mit seiner Freundin ein Tanzstudio. Jeden Samstag bietet er kostenlos Kurse für Militärangehörige und Veteranen an. Trauma und Gewaltphantasien Die Zahl der Veteranen in der Ukraine wird auf mehr als eine Million geschätzt. Dazu zählen Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie aus dem sowjetischen Afghanistanfeldzug, die meisten sind jedoch deutlich jünger. Seit Russland 2014 einen Krieg im Osten der Ukraine angezettelt hat, steigt die Zahl der Veteranen stetig. Und sie stellen das Land vor enorme Herausforderungen. Viele finden nur schwer ins zivile Leben zurück. Sie fühlen sich unverstanden, sind traumatisiert, manche haben gar Gewaltphantasien. Versehrte finden oft nur schwer Arbeit. Die Unterstützung der Regierung ist unzureichend, kritisieren Aktivisten. Mantschenko weiß, wie schwierig der Weg zurück sein kann. Das Schwierigste war für ihn, sich wieder an die Geräusche der Stadt zu gewöhnen. Im Schützengraben achte man auf jeden Laut, sagt er. „Denn davon hängt dein Leben ab.“ Und dann muss man sofort reagieren. Das Tanzen hat ihm geholfen, damit besser umzugehen. Er ging raus, traf Menschen, suchte sich eine Gemeinschaft, mit der er sich austauschen konnte. Mit seiner Erfahrung will er andere Veteranen unterstützen. So wie die drei Teilnehmer seines Tanzkurses an diesem Samstag. Da ist etwa ein junger Mann, der seit fast einem Jahr dabei ist. Sein Psychologe hat ihn in das Studio geschickt. Das Erste, was er zu Mantschenko sagte, war: „Ich will jemanden töten.“ Nach den ersten acht Stunden war der Mann schon ruhiger, nach zwei Monaten sagte er: „Ich will niemanden mehr umbringen.“ Als Sanitäter nahe der Front So erzählt es Mantschenko, um zu verdeutlichen, wie Tanzen wirken kann. Sein Programm hat er „Tanzend rehabilitieren“ genannt. „Wir bringen ihnen bei, sich nicht auf die Vergangenheit, den Krieg zu konzentrieren, sondern auf die Schritte und den Tanzpartner.“ Es geht um Vertrauen und darum, einfach im Moment zu sein. Viele müssten erst wieder lernen, Kontakt mit dem eigenen Körper zu bekommen, ihn zu spüren. In der Armee diente Mantschenko als Sanitäter im Osten der Ukraine nahe der Front. Um sich die Zeit zu vertreiben, machte er kurze, meist alberne Tiktok-Videos. Damals lernte er auch seine Freundin Olga kennen. Es gab einen Trend, dass Frauen in sozialen Medien zeigten, welche teuren Geschenke sie von ihren Männern erhielten, erzählt sie. Olga veröffentlichte ein anderes Video: Nicht alle Frauen seien so, beteuert sie darin, sie brauche keinen reichen Typen. „Kommt einfach zurück, wie warten auf euch.“ Mantschenko reagierte darauf, sie fingen an, sich Nachrichten zu schicken. Als Mantschenko aus der Armee entlassen wurde, ging alles schnell. Im Sommer 2023 eröffneten er und Olga das Tanzstudio. Sie nannten es Ola, wie die Welle auf Spanisch, ein Element im Bachata – und weil es so ähnlich wie Olga klingt. Das Geld dafür kam von Mantschenko und Olgas Vater. Es gibt zwar Programme vom Staat, die Gründungen von Veteranen fördern, aber die sind bürokratisch oder decken nur einen kleinen Teil der Kosten. Den Traum erfüllt Auch Natalia Kusmenko hat sich ihren Traum aus eigenen Mitteln erfüllt. Am 14. Februar 2024 eröffnete sie einen Buchladen. „Ein Geschenk für mich an mich, zu meinem 30. Geburtstag“, sagt sie und lächelt. Sie sitzt in einem Hinterzimmer des Ladens, in dem sie auch ihr Büro hat. Auf Regalen stapeln sich Bücher. An einer Wand steht ein großes schwarzes Kunstledersofa, auf dem Kusmenko Platz nimmt. Vor dem Krieg, erinnert sich Kusmenko, hatte sie ein „fancy“ Leben. Sie studierte Ukrainische Literatur in Charkiw und arbeitete danach in der Werbung. Ihr war wichtig, wie sie aussah, welche Kleidung sie trug. Sie glaubte nicht daran, dass Russland die Ukraine angreifen könnte. Dann flogen die ersten Raketen auf Kiew, und ihr damaliger Freund meldete sich für die Armee. Kusmenko ging zunächst nach Lemberg (Lwiw) in den Westen des Landes. Dann entschloss auch sie sich zum Militärdienst. „An den ersten und letzten Tag erinnern sich alle“, sagt sie. Bei ihr waren es der 27. April 2022 und der 4. November 2023. Sie verließ ihre Einheit, um sich um ihren Vater zu kümmern. In der Zeit verstand sie, dass sie ihren Traum von einem eigenen Buchladen nicht länger aufschieben wollte. „Ich dachte immer, ich hätte noch Zeit.“ Sich wieder als Frau fühlen Der Name ihres Ladens „Zbirka“ heißt übersetzt so viel wie Sammlung. Und das ist auch Kusmenkos Ziel. Der Laden ist nicht groß, es geht mehr um Qualität als Quantität. Viele Bücher sind nur als Einzelexemplare vorhanden, dafür oft mit Autogramm. Sie führt keine Romane, nur Sachbücher, die meisten über Kunst, Fotografie, Kino, Architektur. Als sie über ihre Zeit in der Armee spricht, lässt Kusmenko ihren silbernen Armreif zwischen ihren Fingern gleiten. Sie hatte dort zwar einen Bürojob, erledigte Papierkram. Doch bekam auch sie eine militärische Ausbildung, lernte schießen. Von einer Frau, betont sie. Die machte ihr klar, dass Schmuck beim Militär nicht gern gesehen ist. Sie passte sich an, auch an ihre männliche Umgebung. Nach der Armee war es hart für sie, sich wieder als Frau zu fühlen. Auch jetzt trägt sie selten Kleider, zieht sich funktional an, schminkt sich kaum. „Jetzt sehe ich so aus“, sagt sie und lacht. An diesem Tag hat sie die braunen Haare locker zum Pferdeschwanz gebunden, trägt einen braunen Pulli, weite grünbraune Hosen und schwarze Turnschuhe. Der Umgang mit den Veteranen Dabei habe sie jetzt wieder Freiheit zu tragen, was sie wolle, sagt sie. In der Armee höre man einfach auf seinen Kommandeur. Das mache vieles leichter, andererseits verliere man auch ein bisschen seine Persönlichkeit. „Man funktioniert nur in dieser großen Militärmaschinerie.“ Ihrer Leidenschaft, dem Lesen, folgte sie aber auch dort. Am schwierigsten an der Rückkehr ins zivile Leben war für Kusmenko, dass sie zwischen zwei Welten stand. Sie fühlte sich allein, war nicht mehr in der Armee, hatte aber eine Erfahrung, die sie von ihren Freunden in Kiew unterschied. Kameraden sind gefallen, dennoch scherzte man auch in der Einheit miteinander. Ihr schwarzer Humor wurde noch dunkler, sagt sie. In Kiew verletzten ihre Witze Freunde, die jemanden im Krieg verloren haben. Nun überlegt sie genau, wem sie was sagt. Das kostet viel Energie. Trotz der Schwierigkeiten: Kusmenko hatte ein soziales Netz, das sie auffing, und das Geld, um sich etwas aufzubauen. Sie sagt selbst, dass ihre Geschichte ein „Happy End“ hat. Das haben längst nicht alle Veteranen. Masi Nayyem hat auch deshalb vor knapp drei Jahren seine Organisation Pryncyp gegründet. Den Anwalt ärgerte, wie der Staat mit Veteranen umgeht, dass er seine Zusagen nicht einhält. Nayyem wurde im Juni 2022 verwundet, verlor ein Auge. Mit dieser Behinderung stehe ihm laut Gesetz eine Wohnung zu, sagt er und winkt ab. „Niemand geht zur Armee, um danach etwas von der Regierung zu bekommen. Aber der Staat sagt den Veteranen nicht, dass er nicht alles halten kann, was er versprochen hat.“ Sein erstes Ziel war eine ehrliche Kommunikation mit Veteranen, auf Augenhöhe. Zum Beispiel wissen viele nicht, was sie nach einer Verwundung und der Reha tun sollen. Daher hat er einen „Rechtsnavigator“ entwickelt. In der App finden Soldaten, Veteranen, Angehörige eine Anleitung, was sie in welchen Fällen tun müssen. Wer muss kontaktiert werden? Welche Dokumente müssen ausgefüllt werden? Mittlerweile hat sich die Arbeit des Veteranenministeriums deutlich verbessert, räumt Nayyem ein. So gibt es nun eine Integrationsstrategie, das Gesetz „über den Status der Veteranen des Krieges und ihre sozialen Garantien“ wurde umfassend reformiert. Das Gesetz ist aus dem Jahr 1993 und war auch nach 2014 nur leicht angepasst worden. Wenn die Armee wieder ruft Nayyem sieht aber noch Lücken in der Umsetzung, etwa bei der vorgesehenen medizinischen und psychologischen Hilfe. Viele Soldaten kommen aus kleinen Städten und Dörfern. „Finde dort mal einen Psychiater.“ Vieles sei zudem formal, nicht auf den Einzelnen abgestimmt. Mit Pryncyp setzt er sich dafür ein, dass die für Veteranen vorgesehenen Mittel auch für sie und ihre Bedürfnisse genutzt werden. „Der Staat muss alles dafür tun, dass Veteranen unabhängig von ihm werden.“ Nayyem sieht auch gesellschaftliche Probleme. Es mangelt etwa an barrierefreien Zugängen oder an Jobangeboten. Viele wollen nach dem Militärdienst nicht an ihre alten Arbeitsplätze zurück. Und obwohl vielerorts Arbeitskräfte wegen des Krieges fehlen, zögern Unternehmen, vor allem bei Versehrten, mit der Einstellung, halten sie nicht für belastbar. Auch da könnte der Staat helfen, meint Nayyem, etwa Fortbildungen für besonders gebrauchte Berufe finanzieren. „Veteranen müssen aktiv bleiben, um zu überleben.“ Dass die Regierung auch Gründer fördert, findet er gut. Doch nicht jeder Veteran sehe die Perspektive, ein Geschäft aufzubauen, wenn er jederzeit wieder eingezogen werden könnte. In diesem Sinn sind Olexandr Mantschenko und Natalia Kusmenko Ausnahmen. Auch sie können einberufen werden und haben trotzdem den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Mantschenko hat konkrete Pläne für die Zukunft. Das Programm „Tanzend rehabilitieren“ will er auf andere Tanzstudios ausweiten. Außerdem planen Olga und er, das Tanzstudio auszubauen und ein zweites zu eröffnen, wo sie Kizomba unterrichten, einen Paartanz aus Angola. Gleichzeitig arbeitet er als Webdesigner, entwickelt Brettspiele und designt T-Shirts, wie das mit dem Skelett, das er an diesem Tag trägt. Ihm ist wichtig, sich weiterzuentwickeln. „Mach Fehler, tanze, wachse“, ist das auch Motto des Studios. Jeder kann mit Fehlern arbeiten und daraus lernen, sagt Mantschenko. Kusmenko plant nicht für die Zukunft. Sie will nützlich für ihr Land sein. Wenn die Armee sie ruft, würde sie gehen. Einen Wunsch hat Kusmenko aber, neben Frieden natürlich. Dass es ihr gelingt, einen legendären Ort zu schaffen, eine Gemeinschaft. Und dass die Kunden am Wochenende Schlange stehen vor ihrem Buchladen. „Dann weiß ich, dass ich ihnen etwas Besonderes bieten kann.“ Mitarbeit: Yulia Serdyukova