Es stimmt schon: Die von Präsident Trump geschaffene Grönland-Krise hat den viel größeren Konflikt in Europa seit Jahresbeginn überschattet. In der Ukraine wird nicht nur weiter gekämpft. Millionen Menschen werden nun auf jene Härteprobe gestellt, die ihnen in den zurückliegenden Wintern wegen milderer Temperaturen und größerer Abwehrkraft erspart blieb – Durchhalten bei eisiger Kälte, ohne Heizung, ohne Strom. Die Aussicht auf Frieden bleibt abstrakt. Eigentlich hatten die USA, die Ukraine und die Europäer in Davos eine Rahmenvereinbarung über Sicherheitsgarantien und den Wiederaufbau unterzeichnen wollen. Doch ging die gesamte Energie für einen „Rahmen“ zu Grönland drauf. Man muss abwarten, was nun bei den Gesprächen in Abu Dhabi herauskommt und ob sich Russland wirklich in konstruktive Verhandlungen einbinden lässt. Dass der ukrainische Präsident Selenskyj von den Europäern enttäuscht ist, lässt sich angesichts der Gesamtlage ein Stück weit verstehen. Wann die Zusagen etwas wert sind Die seien im „Grönland-Modus“, so hat er es in Davos gesagt. Und meinte damit, dass man ein paar Soldaten entsendet, die nie in der Lage wären, die Insel zu verteidigen. Das ist auch Selenskyjs Sorge für die Zeit nach einem Waffenstillstand. Er weiß, dass die Zusagen der Koalition der Willigen nur dann etwas wert sind, wenn sie die USA in ihrem Rücken haben. Trotzdem wird Selenskyj in dieser Welt keine besseren Freunde mehr finden. Die Europäische Union stemmt nahezu allein die Finanzierung der Ukraine und ihrer Streitkräfte. Sie hat das gerade für zwei Jahre am Stück sichergestellt – keine kleine Sache. Und sie hält an einer Ordnung fest, in welcher der russische Präsident als Kriegsverbrecher für seine Taten zur Verantwortung gezogen wird. Deshalb ist es das richtige Signal, dass fast alle Mitgliedstaaten und die EU-Kommission Trumps „Friedensrat“ fernbleiben. Man kann sich nicht mit Wladimir Putin an einen Tisch setzen und über den Weltfrieden parlieren, als sei in der Ukraine nichts geschehen. Er gehört vor Gericht.
