FAZ 03.12.2025
11:23 Uhr

Überwachung in indien?: Warum eine App die größte Demokratie der Welt in Aufregung versetzt


Das staatliche Programm, das Zugriff auf Kamera und Telefondaten hat, soll auf jedem Gerät installiert werden – und weder zu löschen noch abzuschalten sein. Kritiker sehen Indien auf dem Weg in die Diktatur.

Überwachung in indien?: Warum eine App die größte Demokratie der Welt in Aufregung versetzt

Der Name klingt harmlos: „Sanchar Saathi“ lautet eine von Indiens Staat entwickelte App, die die Regierung künftig auf jedem neuen Telefon vorinstalliert sehen will. Der Name bedeutet „Kommunikationspartner“. Das Programm, sagt die Telekommunikationsbehörde in Neu Delhi, soll die Nutzer der Smartphones schützen, die sich inzwischen in 85 Prozent der Haushalte des 1,4 Milliarden-Einwohner-Landes finden: Sie sollen mit der App verdächtige Anrufe, SMS oder Whatsapp melden und verlorene oder gestohlene Geräte verfolgen und sperren lassen können. Das klingt ganz im Sinne von Indiens Bürgern. Doch jenen, von Natur aus skeptisch ihren Autoritäten gegenüber eingestellt, fehlt der Glaube in die Rechtschaffenheit ihrer Regierenden. Dass es die App gibt, ist der Masse nämlich erst seit Anfang der Woche bekannt – als Medien aufdeckten, dass die Telekommunikationsbehörde sämtliche in Indien tätigen Smartphonehersteller aufgefordert hat, „Sanchar Saathi“ auf allen neu verkauften Geräten zu einem Grundbestandteil des Betriebssystems zu machen. Nun ist die größte Demokratie der Welt in Aufregung. Denn theoretisch vermag Indiens Staat seine Bürger mit der App nicht nur zu schützen, sondern auch auszuspionieren wie nie zuvor: So hat „Sanchar Saathi“ Zugriff auf die Kamera des Geräts und kann Bilder und Videos aufnehmen. Die App liest Anruflisten, Daten von externen Speichern und kann anhand von Telefon- und Seriennummer nicht nur erkennen, ob der Nutzer gerade telefoniert, sondern auch mit wem. „Sanchar Saathi“ soll Teil des Betriebssystems werden Was die Inder am meisten aufregt: Laut den bekannt gewordenen Unterlagen hat Neu Delhi Ende November von den Smartphoneherstellern, zu denen neben lokalen Anbietern auch Apple, Google und Samsung gehören, ausdrücklich verlangt, dass die App „Sanchar Saathi“ von den Nutzern nicht gelöscht oder abgeschaltete werden kann. So wie beispielsweise die App „Facetime“ auf dem iPhone, die beim Installieren des Betriebssystems iOS automatisch auf das Telefon geladen wird und dort auch bleibt, ob das dem Smartphonebesitzer gefällt oder nicht. Dass die Nutzer in Indien in der Folge nicht die Wahl hätten, „Sanchar Saathi“ zu nutzen oder eben nicht, sei „eine heftige und zutiefst besorgniserregende Ausweitung staatlicher Kontrolle über die persönlichen Digitalgeräte“, kritisiert die Internet Freedom Foundation, eine indische Bürgerrechtsorganisation. Die oppositionelle Kongress-Partei findet deutlichere Worte: Die „Schnüffelapp“ sei ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Ziel von Ministerpräsident Narendra Modi, das Land in eine „Diktatur“ umzubauen. Im Chaos, das seitdem die Schlagzeilen beherrscht, ist bisher völlig unklar, was die App überhaupt kann und was nicht. Um etwa Zugriff auf die Kamera zu erhalten, bedürfe es des Zugeständnisses der Nutzer, beteuert die Telekommunikationsbehörde. Auch beim wichtigsten Kritikpunkt, Neu Delhis Forderung, die App unlöschbar tief ins Betriebssystem zu integrieren, rudert der zuständige Minister plötzlich zurück. Wenn man die App wieder löschen wolle, sei das kein Problem, diese sei „nicht verpflichtend“, sagte Telekommunikationsminister Jyotiraditya Scindaia am Mittwoch vor dem aufgebrachten Parlament. „Schnüffelei“ sei mit der App „nicht möglich, noch wird sie passieren“. In seiner Antwort auf die Fragen von Abgeordneten „Sanchar Saathi“ bezeichnete der Minister das Programm als „Sicherheits“-Werkzeug, das seit seiner Einführung früher im Jahr bereits geholfen habe, 600.000 verlorene oder gestohlene Telefone wiederzufinden. Doch diese 180-Grad-Wende ließ die Opposition der Regierung nicht durchgehen. Selbst wenn die App abgeschaltet sei, wüssten die Nutzer nicht, ob dies auch für all deren Funktionen gelte, lautete die Kritik. Empörung löst auch aus, dass die Regierung offensichtlich die Smartphonehersteller zu zwingen, die App auch auf alte Geräte per Softwareupdate zu laden. Apple wehrt sich gegen den Eingriffsversuch des indischen Staats Vor allem Apple dürfte die Forderung der indischen Regierung, eine staatliche App in sein Betriebssystem iOS zu integrieren, erhebliche Kopfschmerzen bereiten. Bisher hat sich der kalifornische Konzern derartigen staatlichen Zugriffsversuchen auf seine Smartphones und Software stets verwehrt. Berichten zufolge hat Apple bereits signalisiert, dass es sich auch der Forderung Neu Delhis nicht zu fügen gedenke. Allerdings hat das Unternehmen in der Vergangenheit schon bewiesen, dass es durchaus zu Kompromissen beim Schutz seiner Nutzer bereit ist, wenn es dem Geschäft dient. So hat Apple immer wieder Apps aus seinem chinesischen App-Store gelöscht, die dem Regime in Peking nicht genehm waren. Die Nutzerdaten seiner iCloud speichert Apple seit dem Wunsch der Kommunistischen Partei nicht mehr im Ausland, sondern auf Servern in China selbst, auf die die Regierung Berichten zufolge Zugriff hat. Für Apple ist das bevölkerungsreichste Land der Welt nicht nur ein wichtiger Markt mit einer Größe von 48 Milliarden Dollar, sondern auch ein immer bedeutenderer Produktionsstandort. Schließlich will der amerikanische Konzern mit der Errichtung immer größerer Fabriken auf dem Subkontinent seine Abhängigkeit von China verringern, dessen immer autoritärerer Kurs ein zunehmend wachsendes politisches Risiko für Apple darstellt. Nun erfährt das Unternehmen, dass auch der Alternativstandort seine Tücken hat. Das Ausspähen von Bürgern hat in Indien in den vergangenen Jahren zugenommen. Journalisten und Bürgerrechtler haben breit dokumentiert, wie immer öfter bei der Verfolgung staatlicher Gegner Spionagetechnologie wie Drohnen und Gesichtserkennung zum Einsatz kommt – stets mit der Begründung des Schutzes der „nationalen Sicherheit“.