FAZ 19.02.2026
07:31 Uhr

Übertragungstechnologie: Peking plant ein globales Superstromnetz


China durchzieht sein Land mit neuartigen Ultrahochspannungsleitungen. Die Regierung will diese Technologie als globalen Standard etablieren, um die Welt mit eigenem Ökostrom zu beliefern, erklärt ein China-Fachmann.

Übertragungstechnologie: Peking plant ein globales Superstromnetz

Mit Respekt, teils auch mit Sorge, verfolgt der Westen die Fortschritte Chinas in Künstlicher Intelligenz und Big Data, 5-G-Technologie sowie im digitalen Handel und Zahlungsverkehr. Weniger beachtet wird hingegen der massive Ausbau seiner Stromautobahnen. Ultrahochspannungs-Übertragungsleitungen (Ultra-High-Voltage, UHV) spielen eine Schlüsselrolle für eine globale, CO₂-neutrale Energieversorgung. UHV bezeichnet die Übertragung von Wechselstrom mit 1000 Kilovolt sowie von Gleichstrom mit 800 Kilovolt oder mehr. Gegenüber herkömmlichen Hoch- und Höchstspannungsleitungen ermöglicht diese Technologie höhere Effizienz, größere Übertragungsdistanzen und geringere Leitungsverluste. UHV-Gleichstromleitungen sind für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen über Entfernungen von bis zu 5000 Kilometern ausgelegt. Sie durchqueren Hochgebirge, Wüsten und andere schwer zugängliche Regionen – ohne lokale Einspeisepunkte. Die Energieübertragung lässt sich mit einem Nonstop-Flug vergleichen, während ein nachgelagertes UHV-Wechselstromnetz die Verteilung in den Zielregionen übernimmt. Sie arbeiten mit mehr als der doppelten Spannung europäischer Hochspannungsnetze, die bei etwa 380 Kilovolt an ihre Grenzen stoßen. Der Stromverlust wird über 5000 Kilometer mit rund 15 Prozent angegeben, chinesische Quellen nennen sogar deutlich niedrigere Werte. China ist stolz auf seine Technologie, und seine Ingenieure werden in der Bevölkerung regelrecht bewundert. Die UHV-Technologie dient in China zwei zentralen strategischen Zielen. Erstens soll sie den Übergang zu einer klimaneutralen Energieversorgung ermöglichen. China hat angekündigt, bis 2060 CO₂-neutral zu werden. Während der Großteil des Energiebedarfs in den Industrie- und Ballungsräumen im Osten entsteht, verfügen die westlichen Provinzen über große Wind- und Solarpotentiale. Ein landesweites UHV-Netz soll diese räumliche Trennung überbrücken, wirtschaftliche Impulse für strukturschwächere Regionen setzen und zugleich die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten verringern – bei einem Stromverbrauch, der bis 2030 voraussichtlich um rund 60 Prozent gegenüber 2020 steigen wird. Chinesische Technologie als globaler Standard Zweitens verfolgt China das Ziel, internationale Standards zu prägen und die Marktposition heimischer Unternehmen auszubauen. China ist bislang das einzige Land, das UHV-Technologie in großem Maßstab einsetzt, während internationale Normen noch nicht festgelegt sind. Damit eröffnet sich ein Zeitfenster, in dem chinesische Lösungen de facto den Markt beherrschen könnten. Mit dem Projekt „Global Energy Interconnection“ strebt China ein weltweites Netz von Hochspannungsleitungen an, das Strom zwischen Kontinenten transportiert. Erneuerbare Energie aus entlegenen Regionen wie Wüsten oder Hochgebirgen soll so wirtschaftlich nutzbar werden. Nach Angaben der zuständigen chinesischen Organisation könnten die Kosten für Windstromlieferungen von China nach Deutschland langfristig deutlich unter den heutigen Preisen für saubere Energie liegen. In naher Zukunft wird China Strom direkt nach Europa verkaufen können. Die in Peking ansässige Global Energy Interconnection Development and Cooperation Organization (GEIDCO) geht davon aus, dass die Übertragung von Windstrom von China nach Deutschland über UHV-Leitungen 0,12 Dollar pro Kilowattstunde kosten werde – die Hälfte der derzeitigen Kosten für saubere Energie für deutsche Verbraucher. Dabei ist China mitnichten ein Nachahmer oder Nachzügler von Technologien aus dem Westen. Der chinesische Plan, transkontinentale, unterseeische Stromautobahnen zu entwickeln, die aus erneuerbaren Energien gefüttert werden, ist auch ein Kernanliegen der westlichen Industrienationen. China versucht sich daran, den Weg zu zeigen. Die State Grid Corporation of China (SGCC) hat zum Beispiel in den jüngsten Jahren eine Reihe von Standards für die Höchstspannungs-Gleichstromübertragung geschaffen. Diese decken den gesamten Bereich von Planung, Ausrüstung, Bau, Inbetriebnahme und Management ab. Dadurch wurde zugleich die Wertschöpfungskette der gesamten Energieübertragungs- und -anlagenindustrie weiter gestärkt. Trotz technologischer Alternativen wie Wasserstoff schreitet der Ausbau grenzüberschreitender Stromnetze weiter voran und setzt Maßstäbe, die immer schwerer einzuholen sind. Zum Beispiel hat die SGCC technische Standards geschaffen, die Planung, Bau, Betrieb und Management abdecken und die gesamte industrielle Wertschöpfungskette stärken. Allein in den vergangenen Jahren wurden mehr als 500 Normen, Spezifikationen und Dokumente veröffentlicht. Wenn dieser Trend anhält und sich international durchsetzt, ist das durchaus in seiner Bedeutung vergleichbar mit dem Aufbau eines globalen Finanzsystems. Allerdings schafft ein globales Energienetz andere Abhängigkeiten als jene der Ölzufuhr durch die Organisation erdölexportierender Länder (Organization of the Petroleum Exporting Countries, OPEC) oder der Gaszufuhr durch Russland. Gelingt Pekings Ansatz, schriebe China die DNA der globalen Stromversorgungssysteme und lieferte die Hard- und Software gleich mit. Künftig drohte ein chinesisches Ökosystem. Für Deutschland geht es weniger um die Frage, ob der Ausbau von UHV-Netzwerken eine vernünftige technische Lösung für den heimischen Energiemarkt sein kann – träge Genehmigungsverfahren, mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung und vieles mehr sprechen eher dagegen. Relevant ist vielmehr, ob in dieser Entwicklung auch eine Chance liegt. Insbesondere der Ausbau von KI-Rechenzentren und IT-Infrastruktur verändert die Energiewirtschaft grundlegend, auch in Deutschland. UHV-Technologie erfordert Materialien (Kupfer, Aluminium) und Komponenten wie Siliziumstahlbleche, Isoliermaterialien, elektronische Bauteile und Leistungssteuerung, Drähte und Kabel, in denen auch europäische Anbieter stark sind. Dies trifft primär dann zu, wenn Premiumsegmente gefragt sind: etwa bei der Hardware, im Qualitätsmanagement oder im Engpassmanagment. Der Wettbewerb in Teilen der Wertschöpfungskette ist bislang offen – und er hat gerade erst begonnen.