FAZ 13.01.2026
20:02 Uhr

Überraschung im Radsport: Wie der Rücktritt von Yates die Machtverhältnisse weiter verschiebt


Radprofi Simon Yates hört auf, weil es der „richtige Zeitpunkt“ sei. Doch für Visma-Lease a Bike, das Team von Kapitän Vingegaard, ist es der schlechtmöglichste. Auch mit Blick auf die Tour de France.

Überraschung im Radsport: Wie der Rücktritt von Yates die Machtverhältnisse weiter verschiebt

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören? Kaum eine Frage ist für Sportler und die, die sie beobachten und beurteilen, so schwer zu beantworten. Die Leistungsfähigkeit, die im Alter nachlässt, spielt dabei eine Rolle, aber auch das Timing für den Rückzug. Meist ist beides der Grund dafür, wenn es hinterher heißt, dieser oder jener Star hätte den Absprung verpasst. Bei Simon Yates ist das Gegenteil der Fall. Der Radprofi hat seine Karriere beendet. Im Alter von 33 Jahren – als Sieger des Giro d’Italia. Was für sich genommen schon eine ziemliche Überraschung ist, weil er vor etwas mehr als einem halben Jahr gezeigt hat, dass er noch immer zu den besten Rundfahrern der Welt gehört. Und was auch etwas merkwürdig wirkt, wenn man sich die Umstände näher betrachtet. Zweifel an der eigenen Motivation Im Dezember befand sich Yates noch mit den Kollegen im Teamtrainingslager. Kurz vor dem Jahreswechsel postete sein Rennstall Visma-Lease a Bike ein Video von ihm im Trikot für die neue Saison. Nichts deutete auf den Rücktritt hin, der eine Woche später von Yates in einem Brief verkündet wurde. Darin schreibt der Brite, dass er darüber schon länger nachgedacht habe und ihm die Entscheidung nicht leichtgefallen, der Zeitpunkt aber genau richtig sei. Zu den Gründen äußerte er sich nicht. Hört man sich um, heißt es, Yates habe schon im Sommer an ein Karriereende gedacht. Nach dem Giro, den er 2025 ausgerechnet an dem Berg gewann, an dem er ihn 2018 bei einem Einbruch verloren hatte, soll er sich die Frage gestellt haben, was jetzt noch kommen könnte. Und gezweifelt haben, ob er weiter die Motivation aufbringen kann, das entbehrungsreiche Leben eines Radprofis zu führen, in dem Verzicht und Disziplin oberstes Gebot sind. Radsport kann eine Quälerei sein – auch wenn man nicht im Sattel sitzt. Ein Jahr habe Yates dann doch noch weitermachen wollen, ehe über Weihnachten und den Jahreswechsel der Wunsch nach einem Schlussstrich zu groß geworden sein soll. Was für Yates der „richtige Zeitpunkt“ ist, wie er selbst schreibt, ist für Visma-Lease a Bike der denkbar schlechteste. Im Januar sind die Personalplanungen abgeschlossen. Ersatz lässt sich nur noch schwer finden. Nach einem wie Yates braucht man gar nicht mehr zu suchen. Alle Fahrer von seinem Format sind längst vertraglich gebunden. Umso überraschender war, wie der Rennstall auf den Rücktritt reagierte. Nicht verärgert, eher unterstützend. Ein „administrativer Fehler“ Das könnte daran liegen, dass Yates dem Team nicht nur einen großen Erfolg mit dem Sieg beim Giro bescherte, sondern sich immer auch in den Dienst der Mannschaft stellte und sich in seiner Karriere kaum etwas zuschulden kommen ließ – wenngleich das so nicht ganz stimmt. 2016 wurde er positiv getestet auf Terbutalin, verpasste deshalb die Tour de France. Yates wurde damals für vier Monate wegen eines „unbeabsichtigten Verstoßes gegen die Antidopingrichtlinien“ gesperrt, wie es der Weltverband UCI nannte. Sein damaliges Team Orica-GreenEdge sprach von einem „administrativen Fehler“, der zur Folge gehabt haben soll, dass die Medizinische Ausnahmegenehmigung, kurz TUE, für ein Asthma-Inhalationsgerät fehlte. Sonst lässt sich nichts Negatives berichten über Yates, dessen Zwillingsbruder Adam beim Team UAE Emirates-XRG fährt. Ungläubig ließen der plötzliche Rücktritt und die Reaktion dennoch einige zurück. Spekuliert wurde jedenfalls sofort, ob nicht doch etwas anderes dahinterstecken könnte. Schließlich lässt sich Yates als einer der mutmaßlichen Topverdiener des Teams viel Geld entgehen, das für so manchen Sieger großer Rundfahrten schon Motivationshilfe genug war, um sich außer Topform über Berge zu quälen. Der erst im Training schwer gestürzte und dann tief gefallene Chris Froome ließ sich als viermaliger Tour-Sieger über Jahre fürstlich von seinem Rennstall entlohnen, obwohl er nur noch hinterherradelte. Das Gewicht verschiebt sich weiter – zugunsten von Pogačar Visma-Lease a Bike trifft der Verlust von Yates hart. Der Dreiunddreißigjährige sollte als einer der wichtigsten Berghelfer bei der Tour Kapitän Jonas Vingegaard dienen. Nun fällt er weg – und ist nicht der erste namhafte Profi, der das Team verlassen hat. Primož Roglič ging nach der Saison 2023. Mit Talent Cian Uijtdebroeks trennten sich die Wege vorzeitig. Dylan van Baarle, einst Sieger von Paris–Roubaix, verließ Visma ebenfalls und führte dafür auch die Trainingsgestaltung als Grund an. Hinzu kommen weitere Probleme: Edelhelfer Sepp Kuss war 2025 außer Form. Wout van Aert hat sich bei einem Sturz in einem Cyclocross-Rennen schwerer am Knöchel verletzt. Mit Matthew Brennan hat die Equipe zwar eines der größten Talente im Kader. Der Brite ist jedoch etwas für Klassiker und Sprints; keiner, der Vingegaard in den Bergen unterstützen kann. Beim Wettbieten um die wenigen richtig guten Grand-Tour-Fahrer zeigte sich Visma zuletzt eher passiv. Das könnte sich nun rächen. 2023 war der niederländische Rennstall noch das Maß aller Dinge. Als erstes Team gewann er mit drei verschiedenen Fahrern alle Grands Tours in einem Jahr. Seitdem hat er sich eher verschlechtert als verbessert – auch wenn in der vergangenen Saison mit Giro und Vuelta zwei große Rundfahrten gewonnen wurden. In dieser World-Tour-Saison, die am Wochenende in Australien beginnt, könnte das Team, das einst die Benchmark war, zunehmend in die Bredouille geraten. Das Gewicht dürfte sich weiter zugunsten des UAE Team Emi­rates mit dem ohnehin schon übermächtigen Tadej Pogačar verschieben. Am Dienstag teilte Visma mit, dass Vingegaard dieses Jahr den Giro bestreiten werde. Das ist keine Kapitulation für die Tour de France, die weiter das wichtigste Rennen für den Dänen bleiben soll. Nach dem nächsten großen Angriff sieht es derzeit aber auch nicht aus.