Von den Kriegen des 19. Jahrhunderts wie dem zwischen Mexiko und den USA fällt es anscheinend nicht schwer, eine direkte Linie bis zum jüngsten Angriff auf Venezuela und die Entführung des Machthabers Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores zu ziehen. Doch ganz so einfach, wie es derzeit in vielen emotional grundierten Darstellungen der Politik des „dicken Knüppels“ (big stick) im selbst erklärten Hinterhof der USA zu lesen ist, sollte man es sich nicht machen, und das aus mindestens drei Gründen. Zum Ersten wechselten im Lauf der vergangenen gut 150 Jahre immer wieder Phasen hegemonialer Machtprojektion mit Phasen relativen Desinteresses – vor allem im vergangenen Vierteljahrhundert. Des Weiteren kommt es einer Verzerrung der Geschichte gleich, sähe man in den Vereinigten Staaten nur den Schutzherrn rechtsgerichteter Autokraten oder menschenrechtsverletzender Militärdiktaturen. Gerade im 20. Jahrhundert waren die Regierungen in Washington auch immer wieder an der Seite demokratischer Kräfte zu finden, die sich totalitären Herrschaftsformen wie Militärputschen oder anderen Staatsstreichen entgegenstellten – so auch bis zuletzt in Venezuela. Bush entsandte 27.000 Elitesoldaten nach Panama Drittens wäre zu bedenken, dass viele Konflikte in Lateinamerika ihre Ursprünge in gesellschaftlichen und politischen Konstellationen haben, die teils bis in die Kolonialzeit zurückgehen. In nicht wenigen Ländern hat sich die Zusammensetzung der politischen Eliten bis heute kaum verändert, ganz gleich, hinter wie vielen verschiedenen Fahnen sie sich seit dem frühen 19. Jahrhundert versammelt haben. Am schnellsten ist die komplizierte Beziehungsgeschichte zwischen den verschiedenen Amerikas erzählt, wenn man die scheinbar endlose Reihe nordamerikanischer Interventionen oder Einmischungsversuche als Entfaltung eines fast zweihundert Jahre alten, in der Monroe-Doktrin festgeschriebenen regionalen Imperialismus ausbuchstabierte. Das bis zu den Ereignissen des vergangenen Wochenendes jüngste Beispiel einer Intervention im unmittelbaren Hinterhof liegt allerdings fast vierzig Jahre zurück. Es war die Operation „Just Cause“ („Gerechte Sache“), bei der sich wenige Tage vor Weihnachten 1989 rund 27.000 Elitesoldaten und rund 16.000 Noriega-treue Nationalgardisten in Panama gegenüberstanden. Im Jahr des Mauerfalls hatte der amerikanische Präsident G. W. Bush erstmals seit dem Vietnamkrieg Luftlandeeinheiten und Bodentruppen zu einem Kriegseinsatz ins Ausland entsandt. Dessen Ziel war die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse durch die Absetzung des Machthabers General Manuel Noriega, der sich nach einer Wahlniederlage im Frühjahr 1989 zum Diktator auf Lebenszeit hatte ernennen lassen. Die CIA wusste vom Kokainschmuggel des Präsidenten Freilich gibt es zwischen der Entführung Maduros, der nach der Niederlage in der Präsidentenwahl im Sommer 2024 von vielen, auch lateinamerikanischen Regierungen nicht mehr als rechtmäßiges Staatsoberhaupt anerkannt wurde, und dem Sturz Noriegas einen entscheidenden Unterschied. Noriegas Leute hatten zuvor amerikanische Militärangehörige angegriffen und kurz vor der Invasion den Vereinigten Staaten formell den Krieg erklärt. Lange vor dem Sturz Noriegas waren indes Dinge ans Tageslicht gekommen, die Washington nicht auf der Habenseite verbuchen konnte. Noriega stand bis Mitte der Achtzigerjahre im Sold des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, als es galt, die „Contras“ zu unterstützen, die das von Moskau finanzierte Sandinisten-Regime in Nicaragua zu Fall bringen wollten. Die amerikanische Drug Enforcement Agency (DEA) wusste indes schon seit den Siebzigerjahren, dass Noriega eine Schlüsselrolle bei dem Kokainschmuggel zwischen Kolumbien und den Vereinigten Staaten auf dem über Zentralamerika führenden Landweg spielte. Aber die amerikanischen Regierungen handelten bis 1989 nach der alten Maxime „He’s a son of a bitch, but our son of a bitch“ – zugeschrieben wird sie zumeist dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, gemünzt war sie angeblich auf Anastasio Somoza García. Der hatte sich 1937 mit Unterstützung der USA, die das Land in der Epoche der zentralamerikanischen Bananenkriege (der europäischen Zwischenkriegszeit) über viele Jahre besetzt hatten, zum Präsidenten des Landes aufgeschwungen. Keine Kriegserklärung mehr seit 1846 Konstellationen wie die in Panama in den Achtzigerjahren, in denen außenpolitische und sicherheitspolitische Kalküle nicht deckungsgleich waren, waren indes während des Kalten Krieges nicht ungewöhnlich – und Erfolge des offenen oder verdeckten Interventionismus nicht garantiert. In Nicaragua sind die Sandinisten bis heute an der Macht und terrorisieren das Land schlimmer als jemals zuvor. Auch auf Kuba sind die Versuche der Vereinigten Staaten bis heute nicht von Erfolg gekrönt, die 1959 an die Macht gekommenen Revolutionäre von der Macht zu vertreiben, sei es mit Sanktionen, sei es mit Waffengewalt. Der Versuch der CIA im April 1961, das sich zusehends an die Sowjetunion anlehnende Castro-Regime in Havanna durch eine Kommandoaktion namens „Operation Zapata“ in der Schweinbucht zu beseitigen, geriet mangels Unterstützung durch amerikanische Streitkräfte zum Debakel. Der Anfang 1961 aus dem Amt geschiedene Präsident Dwight D. Eisenhower hatte das Risiko eines militärischen Eingreifens nicht eingehen wollen, um die latent antiamerikanische Stimmung in vielen Ländern Lateinamerikas nicht zu befeuern. Ein Jahr später kam es während der Präsidentschaft John F. Kennedys nach der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf der dem nordamerikanischen Festland vorgelagerten Insel zu der Kubakrise, die die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte. Castros Nachfolger sind bis heute, fast sieben Jahrzehnte nach dem Sturz des diktatorisch regierenden Generals Fulgencio Batista an der Macht. Batista war übrigens 1957 wie viele Staatsoberhäupter seinerzeit mit der Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Seit dem amerikanisch-mexikanischen Krieg in den Jahren 1846 bis 1848 hat es indes kein amerikanischer Präsident gewagt, einem Staat in Zentral- oder Südamerika formal den Krieg zu erklären. Das hielt bis in die jüngere Zeit so unterschiedliche amerikanische Präsidenten wie Ronald Reagan und Bill Clinton aber nicht davon ab, amerikanisches Militär in Kampfeinsätze zu schicken. Im Oktober 1983 setzte Reagan 7000 US-amerikanische Soldaten zusammen mit 300 Angehörigen einer bunt zusammengewürfelten Caribbean Peacekeeping Force in Marsch, um auf Bitten des Staatsoberhauptes der Insel Grenada, die zum Commonwealth gehörte, ein auf kommunistischen Abwegen wandelndes Militärregime zu beseitigen. In den Vereinten Nationen, in denen die Sowjetunion den Ton setzte, stieß die mehrtätige Militäraktion mit dem Namen „Urgent Fury“ nicht auf Zustimmung. Gut zehn Jahre später drang Bill Clinton auf ein Mandat der Vereinten Nationen, um drei Jahre nach dem Sturz des rechtmäßigen haitianischen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen – Wirtschaftssanktionen, die die Vereinigten Staaten und die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gegen das Militärregime verhängt hatten, waren wirkungslos geblieben. Im September 1994 tauchte eine von zwei Flugzeugträgern angeführte Streitmacht vor Haiti auf. Gegen 25.000 Soldaten hatte die Junta keine Chance. Die Amerikaner stellten nun das Land unter ihre Kontrolle und übergaben die Macht am 31. März 1995 an die Vereinten Nationen. Die in dem Namen der amerikanischen Militäroperation „Restore Democracy“ versinnbildlichte Hoffnung sollte jedoch zum Albtraum werden. Heute ist Haiti, einst das erste unabhängige und auch noch von ehemaligen Sklaven regierte Staatswesen in Lateinamerika, weiterhin das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und mehr denn je Sinnbild eines „failed state“. Demokratisierungsprozesse gefördert Die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Demokratie entsprang einem Zeitgeist, der nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums große Teile der Welt erfasst hatte. Machtwechsel sollten nun nirgends mehr durch direkte oder indirekte Anwendung von Gewalt erzwungen werden, sondern nach demokratischen Spielregeln ablaufen – so wie Lateinamerika es mit dem Ende der Militärdiktaturen in Brasilien, Argentinien, Uruguay und Chile in den Achtzigerjahren vorgemacht hatte. Auch diese Demokratisierungsprozesse hatten die Vereinigten Staaten nicht teilnahmslos verfolgt und erst recht nicht behindert, sondern aktiv befördert, genauso wie die amerikanischen Präsidenten Clinton und George W. Bush den kolumbianischen Präsidenten Andrés Pastrana und dessen Nachfolger Álvaro Uribe um die Jahrhundertwende mit dem milliardenschweren „Plan Colombia“ zu Hilfe kamen. Damals drohte das Land durch das Zusammenspiel von Kokainkartellen und Guerillaorganisationen vollends unregierbar zu werden. Von „demokratischer Sicherheit“ (seguridad democrática), von der die Regierungen in Bogotá damals sprachen, ist das Land heute noch immer weit entfernt, von dem „totalen Frieden“ (paz total) des gegenwärtigen Präsidenten Gustavo Petro noch weiter. In Kolumbien wird derzeit mehr Kokain produziert als jemals zuvor. Dabei sind die hochgerüsteten kolumbianischen Sicherheitskräfte gegen die kriminellen Banden und ELN-Terroristen, die mit Wissen und Willen der Machthaber Hugo Chávez und Nicolás Maduro vom benachbarten Venezuela aus operierten, nicht nur deswegen weitgehend machtlos, weil sich viele abgelegene Regionen kaum kontrollieren lassen. In den vergangenen Jahren hat die ideologische Nähe Petros zu der von Venezuela aus als „Bolivarische Revolution“ verklärten Konfrontationsstrategie der traditionellen südamerikanischen Linken gegenüber den Vereinigten Staaten das Land um Jahre zurückgeworfen. Petro steht mit seiner Denkweise in einer Tradition, die sich aus einer Mischung von Hilflosigkeit und Wut, aber mitunter auch versteckter Bewunderung speist – Bewunderung für einen Hegemonen im Norden, der seit der Emanzipation der meisten Kolonien von ihren europäischen Mutterländern Mittel- und Südamerika in nahezu allen Belangen überflügelt hat. Und dem zur Sicherung seiner wirtschaftlichen und strategischen Interessen im Süden kein Mittel zu perfide war. Autokratische Regime in Südamerika interessierten die USA lange kaum So folgen auf das Ende der spanischen Herrschaft über Kuba nach dem bis heute für Spanien traumatischen Krieg von 1898 mehrere Militärinterventionen in der Karibik. 1903 betrieb Washington die Sezession Panamas von Kolumbien, um dort unbehelligt einen Kanal zu bauen, der den Pazifik mit dem Atlantikraum verbinden und die zeitraubende und gefährliche Umfahrung Südamerikas rund um das Kap Hoorn überflüssig machen sollte. Während und nach dem Ersten Weltkrieg gerieten Nicaragua, Haiti, die benachbarte Dominikanische Republik und das für die United Fruit Company interessante Honduras immer wieder in den Fokus amerikanischer Militäroperationen. Die zahlreichen Erscheinungsformen autokratischer Regime in Südamerika interessierten Washington dagegen lange Zeit kaum. Dem seit 1945 zunehmend autoritär regierenden argentinischen „Caudillo“ Juan Domingo Perón stellte sich Washington nicht entgegen, zumal dieser zaghafte Versuch des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman, ihn als Kollaborateur der Nationalsozialisten zu diskreditieren, zu seinen Gunsten hatte ausschlachten können („Mate sí, Whisky no“). Der Selbstmord des linksgerichteten brasilianischen Präsidenten Getúlio Vargas im August 1954 hingegen schürte antiamerikanische Ressentiments, indem sich der Präsident in einem Abschiedsbrief als Opfer seiner politischen Gegner im In- und Ausland darstellte. Tatsächlich hatte der als Sozialreformer auftretende Vargas, der auf demokratischem Weg an die Macht gekommen war, durch sein brutales Vorgehen gegen politische Gegner das Vertrauen des Militärs verloren. Gleichwohl entlud sich der Zorn der Straße unter anderem an dem Gebäude der amerikanischen Botschaft in der Hauptstadt, das verwüstet wurde. Eine Verwicklung der Vereinigten Staaten in den gewaltsamen Tod des Präsidenten erschien umso plausibler, als die CIA wenige Monate zuvor den zweiten (!) demokratisch gewählten Präsidenten Guatemalas, Jacobo Árbenz, gestürzt und durch eine amerikanische Marionette ersetzt hatte. Árbenz hatte es nach seiner Wahl im Jahr 1951 gewagt, im Zuge einer Landreform die Vorherrschaft der United Fruit Company zu brechen. Gut zwanzig Jahre später, im September 1973, sollte der chilenische Präsident Salvador Allende seinen dezidiert gegen die wirtschaftliche und politische Vorherrschaft der Vereinigten Staaten gerichteten Linkskurs mit dem Leben bezahlen. Auch dort zog die CIA bei dem von General Augusto Pinochet angeführten Militärputsch die Fäden. Keine sonderlich aktive Rolle spielte Washington dagegen bei der nachfolgenden Errichtung von Militärdiktaturen in Argentinien, Brasilien und Uruguay. Das Vorgehen des chilenischen Militärs gegen Terroristen oder politische Gegner war Vorbild genug, um die öffentliche Ordnung in den anderen Staaten des Cono Sur mit brutaler Gewalt und ohne direktes Eingreifen der USA wiederherzustellen. Lateinamerikanischer Stolz hin oder her, viele ranghohe Militärs hatten ihr Handwerk in der von den Vereinigten Staaten 1946 gegründeten Escuela de las Américas in Panama gelernt. In den Achtzigerjahren hingegen waren neben vielen europäischen Ländern auch die Vereinigten Staaten zur Stelle, als es galt, die Rückkehr des Militärs in die Kasernen und einen friedlichen Übergang zu einer demokratischen Gesellschaftsform zu gestalten. Staatsstreiche jüngeren Datums wie der des Peruaner Alberto Fujimori, der 1992 das Parlament auflöste, waren nur von kurzer Dauer und für die Amerikaner kein Grund, auf der einen oder anderen Seite einzugreifen. Fujimori verschaffte sein Kampf gegen die Terrororganisation „Sendero Luminoso“ so viel Ansehen, dass er zweimal wiedergewählt wurde, später allerdings wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption seines Amtes enthoben wurde und ins Exil gehen musste. Politische Stabilität hat Peru in den 25 Jahren, die seither vergangen sind, ebenso wenig wiedergewonnen wie die meisten zentralamerikanischen Länder. Dort kommen zu den infolge eines ausgeprägten „presidencialismo“ eher schwachen Institutionen eine gering entwickelte Wirtschaft und – seit den Achtzigerjahren – eine Durchdringung aller Ebenen mit organisierter Rauschgiftkriminalität hinzu. Letzteres gilt auch für das politisch vergleichsweise stabile Mexiko. Nach dem Ende der jahrzehntelangen Alleinherrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) im Jahr 2000 hat das Land eine ununterbrochene Serie demokratischer Machtwechsel erlebt. Allerdings stützen sich alle Präsidenten seit Felipe Calderón (2006–2012) auf die Armee, um die öffentliche Ordnung in jenen Regionen wenigstens halbwegs aufrechtzuerhalten, die für den Transport und die Produktion von Rauschgiften jeder Art strategisch wichtig sind. Faktisch geht von Mexiko und dem dort mithilfe von aus China importierten Vorläufersubstanzen produzierten Fentanyl für die öffentliche Gesundheit in den Vereinigten Staaten seit mehr als zehn Jahren eine viel größere Gefahr aus als von Heroin oder Kokain. Mag die wirtschaftliche Nähe zu den Vereinigten Staaten für viele Mexikaner in den vergangenen Jahrzehnten große Wohlstandsgewinne gebracht haben, so klingt der dem mexikanischen Diktator Porfirio Díaz zugeschriebene Seufzer „So nah an den Vereinigten Staaten, so weit entfernt von Gott“ in den Ohren viele Lateinamerikaner noch immer eher als Ausweis eines unausweichlichen Schicksals denn als Beschreibung eines Zustandes teilweise auch selbst verschuldeter Unmündigkeit.
