FAZ 19.02.2026
16:17 Uhr

USA und Kanada im Finale: „Wir hassen uns auf die respektvollste Weise“


Vor dem Traumfinale bei den Winterspielen gibt es Ballyhoo: Die favorisierten US-Frauen machen vor dem Eishockey-Endspiel Stimmung gegen den ewigen Rivalen Kanada. Es geht um alles oder nichts.

USA und Kanada im Finale: „Wir hassen uns auf die respektvollste Weise“

Wenn im olympischen Frauen-Eishockey die Besten der Besten gekürt werden, sind traditionell nordamerikanische Teams mit von der Partie: Kanada gegen die USA heißt auch an diesem Donnerstag (19.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) das Finale. Auf dem Spiel steht die glanzvollste aller Medaillen, die auf beiden Seiten als einzige wirklich zählt – alles andere wird als Auszeichnung wahrgenommen, die den Verlierer nicht tröstet. Seit der Premiere unter den fünf Ringen 1998 standen die Amerikanerinnen zweimal oben auf dem Siegerpodest, die Kanadierinnen fünfmal. Nur 2006, als Schweden Zweiter wurde, gab es ein wenig Abwechslung. „Es steckt so viel Geschichte dahinter“ In Mailand dominierten die Großmächte aufs Neue nahezu nach Belieben. „Es steckt so viel Geschichte dahinter“, sagte die amerikanische Angreiferin Kelly Pannek zur Ausgangslage, „man kann es förmlich spüren.“ Sie berichtete, dass sie die Rivalität als emotionalen Treibstoff empfindet: „Wenn man gegen Kanada spielt, wünscht man sich, dass sie verlieren – und man will selbst diejenige sein, die sie schlägt.“ Und Sturmkollegin Laila Edwards formuliert es noch eine Spur schärfer: „So etwas gibt es kein zweites Mal: Wir hassen uns auf die respektvollste Art und Weise.“ Im US-Kader mischt sich Unbekümmertheit mit Routine: Sieben Spielerinnen bestreiten ihre Saison im College-Eishockey, die übrigen 16 verdienen ihr Geld in der 2024 gegründeten Professional Women’s Hockey League. Diese Komposition ergibt ein Auftreten, das konstant Druck macht, das sowohl eine aggressive Note im Zweikampf aufweist als auch Kreativität und Tempo an der Scheibe. Trainer John Wroblewski formulierte die Maßgabe, dass seine Ladys den Gegner permanent beschäftigen und so ermüden sollen. Es ist ein Stil, der dieses Team schwerer zu stoppen macht als viele seiner Vorgängerinnen. Dazu passt, wie groß die Basis inzwischen ist: Fast 100.000 Frauen sind in den USA im Eishockey organisiert, was unter anderem damit zu tun hat, dass die Hochschulleitungen die staatliche Sportförderung paritätisch für Männer und Frauen einsetzen müssen. Hinzu kommt, dass während der Corona-Pandemie das Amateurstatut für Collegesportler abgeschafft wurde. Seitdem können Collegesportler ihre Persönlichkeitsrechte vermarkten, was zu neuen Werbemöglichkeiten und Einnahmequellen führte. Schon vor Turnierbeginn schwärmte der kanadische Nationalcoach Troy Ryan über die Bedingungen im Nachbarland: „Wir haben aktuell nicht das Potential. Wenn uns diese Spielerinnen zur Verfügung stehen würden, dann würden wir sie verpflichten.“ „Man darf keine Angst vor Fehlern haben“ Ihre sechs Auftritte in Norditalien gewannen die Amerikanerinnen souverän mit einer Tordifferenz von 31:1. Verteidigerin Lee Stecklein sah als Trumpf die kollektive Tatkraft: „Wir haben Abwehrspielerinnen, die offensiv ihren Beitrag leisten. Und wir haben Stürmerinnen, die sich der Verteidigung verschrieben haben, die den Puck erzwingen und dafür sorgen, dass wir nicht so oft in unserer Zone spielen müssen.“ Auf kanadischer Seite rückte einmal mehr Marie-Philip Poulin in den Fokus. Sie wird wegen ihrer Fähigkeit, in entscheidenden Momenten die beste Performance zu erbringen, „Captain Clutch“ genannt. Die fünfmalige Olympiateilnehmerin traf in allen vier von Kanada gewonnenen Endspielen, dreimal war es der Siegtreffer. Nach einem harten Check der Tschechin Kristyna Kaltounkova krümmte sich die Kapitänin in der vergangenen Woche vor Schmerzen, hielt sich das Bein und musste vom Eis. Ihr Zustand wurde zum Dauerthema – auch weil der Verband Hockey Canada an der in der Szene üblichen Geheimhaltung festhielt und schablonenhaft nur von einer „Unterkörperverletzung“ sprach. Poulin meldete sich im Viertelfinale gegen Deutschland zurück und stellte mit ihrem Treffer beim 5:1 den Olympiarekord von Hayley Wickenheiser (18 Tore) ein. Und es ging weiter: Das Halbfinale gegen die Schweiz (2:1) entschied die 34-Jährige mit zwei Toren im zweiten Drittel. „Sie ist unsere Anführerin“, schwärmte Blayre Turnbull, „sie ist die beste Spielerin, die jemals dieses Trikot getragen hat. Das ist nicht nur Können, das ist Kampfgeist, Entschlossenheit und unermüdlicher Einsatz.“ Brianne Jenner blickte auch wegen Poulins Mitwirken selbstbewusst voraus: „Im Finale brauchen wir eine couragierte und entschlossene Leistung. Wir wissen, wie es geht. Wir müssen nur unser Können abrufen.“ Die jüngsten Resultate sprechen allerdings für die USA: In der „Rivalry Series“ gab es im Vorjahr Siege mit 4:1, 6:1, 10:4 und 4:1, dazu kam nun in Norditalien das 5:0 am dritten Vorrundenspieltag der Gruppe A – Kanadas höchste Niederlage in seiner Olympia-Historie. „Man darf keine Angst vor Fehlern haben“, sagte Trainer Ryan danach und formulierte, worauf es auch für ihn in dem Showdown hinausläuft: „Es geht um alles oder nichts.“ Darin herrscht zwischen den Lagern Einigkeit.