FAZ 23.01.2026
16:30 Uhr

USA setzen ÖlTanker fest: Versteckspiel auf hoher See


Die USA nehmen zusammen mit Venezuelas Interimsbehörden Öltanker ins Visier, die Sanktionen umgehen. Mit falschen Signalen und wechselnden Identitäten versuchen die Schiffe, sich unsichtbar zu machen.

USA setzen ÖlTanker fest: Versteckspiel auf hoher See

In den vergangenen Monaten waren es angebliche Drogenboote, die Washington als Trophäen seiner militärischen Offensive in der Karibik präsentierte. Seit einigen Wochen sind es Öltanker der sogenannten Schattenflotte. Am vergangenen Dienstag übernahmen amerikanische Streitkräfte die Kontrolle über den Öltanker Sagitta. Das Schiff fährt unter liberianischer Flagge und wird von einer Firma in Hongkong gemanagt. Es stand bereits wegen mutmaßlicher Verbindungen zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine auf der Sanktionsliste Washingtons. Zuletzt wurde es vor zwei Monaten beim Verlassen der Ostsee geortet. Nun soll es sanktioniertes venezolanisches Öl geladen haben. Der Tanker habe sich der von US-Präsident Donald Trump verhängten Blockade für sanktionierte Tanker in der Karibik widersetzt, teilte das Südliche Kommando der Vereinigten Staaten (Southcom) mit. Die USA seien entschlossen, sicherzustellen, dass nur ordnungsgemäß und rechtmäßig koordiniertes Öl das südamerikanische Land Venezuela verlässt, hieß es weiter. Wie die Schiffe die Positionen verschleiern Es ist bereits die siebte Beschlagnahmung seit der im Dezember von Trump angekündigten Blockade aller Öltanker von und nach Venezuela. Bei der von den Vereinigten Staaten ins Visier genommenen Schattenflotte handelt es sich um ein loses Netzwerk aus oft überalterten Tankern, die darauf spezialisiert sind, westliche Sanktionen zu umgehen. Die Schiffe dienen als wirtschaftliche Lebensader für Staaten wie Venezuela, Iran und Russland, die mit Sanktionen belegt sind, aber auch für kriminelle nichtstaatliche Akteure. Kürzlich festgesetzte Schiffe wie die Skipper oder die Marinera wurden bereits vor Jahren auf Sanktionslisten gesetzt, weil sie iranisches Öl für Netzwerke der Hizbullah oder der Quds-Brigaden transportiert hatten. Laut Schätzungen des auf maritime Daten und Analysen spezialisierten Unternehmens Lloyd’s List operieren mittlerweile bis zu 20 Prozent der weltweiten Tankerkapazitäten in diesem Markt. Die Schiffe wenden verschiedene Manöver zur Täuschung und Tarnung an. Sie senden etwa gefälschte Transpondersignale, um die tatsächliche Position zu verschleiern. Eines der in der Karibik beschlagnahmten Schiffe gab beispielsweise vor, sich in der Ostsee zu befinden, während es tatsächlich in Venezuela Öl lud. Auch wechseln die Schiffe häufig ihre Identitäten: So werden Schiffsnamen übermalt oder solche bereits verschrotteter Schiffe benutzt. Gleiches geschieht mit den Flaggen und Registrierungen der Schiffe. Einige Schiffe, die ins Visier der US-Streitkräfte gerieten, wechselten mitten auf hoher See ihre Regis­trierungen. Mindestens 16 Tanker liefen gleichzeitig aus Die Jagd des amerikanischen Militärs auf die Öltanker ist Teil der Bemühungen der Trump-Regierung, die Kontrolle über das venezolanische Öl zu übernehmen. Am Tag nach dem Militärschlag gegen Venezuela und der Gefangennahme von Staatschef Nicolás Maduro am 3. Januar kündigte Trump an, amerikanische Ölkonzerne würden Milliarden investieren, um die zerstörte Infrastruktur zu reparieren und die Produktion wieder hochzufahren. Energieminister Chris Wright und Außenminister Marco Rubio erklärten, dass die USA die Ölverkäufe Venezuelas „auf unbestimmte Zeit“ beaufsichtigen würden. Und Trump drohte Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, ihr werde ein noch schlimmeres Schicksal als Maduro blühen, sollte sie nicht kooperieren. Die Blockade sanktionierter Öltanker hat die Erdöllogistik des Maduro-Regimes auf den Kopf gestellt. Das zeigte sich besonders deutlich nach dem amerikanischen Militärschlag in Venezuela. So kam es unmittelbar darauf zu einer Art Massenflucht der Schattenflotte aus venezolanischen Gewässern. Mindestens 16 Tanker verließen gleichzeitig die venezolanischen Ölhäfen, wie Daten der Analyseplattform Tankertrackers.com zeigten. Indem sie in verschiedene Richtungen fuhren und die besagten Täuschungsmanöver anwandten, versuchten sie die Blockade zu überwinden. Laut einem Bericht der „New York Times“ liefen die Schiffe nicht auf Befehl von Rodríguez aus, sondern im Auftrag von Unternehmern aus dem näheren Umfeld Maduros. Dutzende Tanker liegen still auf hoher See Seit dem Militärschlag verharrt die Schattenflotte in einer Art Schwebezustand, wie eine Analyse von Lloyd’s List zeigt. Von rund 50 untersuchten Schiffen liegen viele auf hoher See still, weil ihre Betreiber nicht wissen, ob sie das Risiko einer Einfahrt in venezolanische Gewässer noch eingehen sollen. Andere Schiffe haben abrupte Kurswechsel vollzogen. Schiffsdaten und Aussagen von Händlern zufolge ist China weiterhin bereit, Ladungen von Tankern anzunehmen, die sich bereits vor der Blockade auf See befanden. Offenbar versuchen Händler angesichts des sich abzeichnenden Engpasses, höhere Preise von chinesischen Raffinerien zu fordern. Gleichzeitig wird abgewartet, ob die USA das beschlagnahmte Öl zu Dumpingpreisen auf den Markt werfen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag unter Berufung auf einen amerikanischen Regierungsbeamten berichtete, soll China weiterhin venezolanisches Öl kaufen können, jedoch nicht zu „unfairen, untergrabenen“ Preisen, wie dies noch unter Maduro der Fall gewesen sei. In Caracas hat man schnell begriffen, dass kaum noch ein Weg an den USA vorbeiführt: Bereits Ende Dezember hat der staatliche Erdölkonzern PDVSA damit begonnen, Öl auf Tankern zu lagern und die Produktion im Orinoco-Gürtel zu drosseln und teilweise einzustellen, wie die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg mit Verweis auf interne Dokumente des Unternehmens berichteten. Amerikanische Blockade zeigt offenbar Wirkung Mittelfristig droht der venezolanischen Erdölindustrie der Kollaps. Rodríguez weiß das – sie war nicht nur Maduros Vizepräsidentin, sondern seit 2018 auch Wirtschafts- und später Erdölministerin des Landes. Das Regime, das die Blockade zunächst noch als „Piraterie“ bezeichnete, hat nach dem Sturz Maduros und der Übernahme durch Rodríguez rasch den Ton gewechselt und ist gezwungenermaßen zur Zusammenarbeit übergegangen. Ein Beispiel ist die Rückführung des abgefangenen Tankers Olina am 9. Januar, was laut PDVSA eine „erfolgreiche gemeinsame Operation“ der beiden Länder war. Das Schiff war zuvor ohne offizielle Genehmigung ausgelaufen und vom US-Militär mithilfe eines Hubschrauber gestoppt worden. Trump sprach von einer Aktion „in Abstimmung mit den Interimsbehörden Venezuelas“. Der Öltanker sei jetzt auf dem Rückweg nach Venezuela, das Öl werde über den „Great Energy Deal“ verkauft, teilte Trump mit. Zwei weitere der sieben beschlagnahmten Tanker wurden am Mittwoch in der Nähe von Puerto Rico geortet, wie Tankertrackers.com am Mittwoch zeigte. Einer der beiden Tanker ist ebenfalls mit Öl beladen. Über das Ziel der Tanker machten die US-Behörden zunächst keine Angaben. Hinweise mehren sich, dass die von den Vereinigten Staaten durchgesetzte Seeblockade Wirkung zeigt. Venezolanisches Öl kann nur noch über von den USA kontrollierte Handelskanäle exportiert werden. Damit verfügen die Vereinigten Staaten über ein zentrales Druckmittel für die politische und wirtschaftliche Zukunft Venezuelas und verschaffen sich einen Vorteil im geopolitischen Wettbewerb.