Aggressivität, Beleidigung, Deep-Fake-Pornos, Desinformation, Extremismus (links, rechts, islamistisch), Fake News, Hass, Hetze, Mobbing, Propaganda – die negativen Charakteristika von Social Media und Digitalplattformen lassen sich inzwischen nach dem ganzen Alphabet benennen. Ein Faktor, ein Grundübel, das zum Geschäftsprinzip der Plattformen zählt, wird seit Montag vor Gericht in Los Angeles verhandelt: Angeklagt sind Alphabet und Meta, die Mutterkonzerne von Youtube, Facebook und Instagram, weil sie Kinder in die Abhängigkeit treiben. Die Firmen „bauten Maschinen, die darauf angelegt sind, das Gehirn von Kindern süchtig zu machen, und das mit Absicht“, wird der Anwalt der Kläger zitiert. Vor Gericht geht es um den Fall einer Neunzehnjährigen, die vorträgt, die Social-Media-Netzwerke hätten bei ihr schwere psychische Schäden verursacht. Zuckerberg: Die Verweildauer auf Facebook muss gesteigert werden Nonsens, stimmt nicht, erwidern die Prozessvertreter der Konzerne, wenn die junge Frau Probleme habe, sei dies nicht auf ihre Dienste zurückzuführen, diese verfügten über alle möglichen Spielarten des Jugendschutzes. Der Klägeranwalt führt derweil interne Dokumente an, die das Gegenteil zeigen, etwa eine E-Mail von Mark Zuckerberg, in der er fordert, die Verweildauer auf Meta-Plattformen um zwölf Prozent zu steigern. Derweil haben, wie verschiedene Medien berichten, mehr als zwei Dutzend US-Staatsanwälte eine einstweilige Verfügung beantragt, der zufolge Meta gezwungen wäre, alle Informationen über Kinder unter 13 Jahren, die der Konzern über Facebook und Instagram gesammelt hat, und Algorithmen, die solche Informationen verarbeiten, zu löschen. So geht Jugendschutz, so geht Suchtprävention, die eine größere Aufgabe vor sich hat als seinerzeit bei der Aufklärung über die Gefahren des Rauchens. Darauf ist auch die Europäische Kommission gekommen und verlangt – nach zwei Jahren Untersuchung – von der chinesischen Plattform Tiktok, die Anmutung des Kurzvideodienstes substanziell zu verändern. Das „unendliche Scrollen“ (F.A.Z. vom 7. Februar) soll ein Ende haben. Was es damit auf sich hat, sieht jeder, der auf Tiktok geht – die Gehirnwäsche nimmt kein Ende, ein Videoflash folgt auf den nächsten. Die Vorwürfe seien vollkommen falsch und unhaltbar, sagt Tiktok und gibt sich der EU gegenüber genauso uneinsichtig wie die US-Konzerne Alphabet und Meta vor Gericht in Los Angeles. Kinder, Eltern, Jugendschützer und Suchtexperten werden der Jury dort sicherlich von Erfahrungen und Ergebnissen berichten, die sich nicht so leicht mit einer Alles-Quatsch-Attitüde wegwischen lassen. Die EU sollte Tiktok, das in der EU 170 Millionen Minderjährige in seinen Fängen hat, nicht nur mit einer Strafe von sechs Prozent des Jahresumsatzes drohen, sondern diese im Zweifel verhängen. Dass der Social-Media-Konzern nur diese Sprache versteht, zeigt der Prozess in Los Angeles ebenfalls. Um dort nicht auch am Pranger zu stehen, hat sich Tiktok mit den Klägern verglichen.
