„Dies ist ein bedeutender Sieg für amerikanische Interessen“, heißt in dem viel beachteten Leitartikel. Der Coup in Venezuela sende eine wichtige Botschaft an andere Diktatoren in Südamerika: „Trump zieht es durch.“ Sein Amtsvorgänger Joe Biden habe den abgesetzten Präsidenten Maduro hingegen mit seiner Schwäche ermutigt, „die Wahl von 2024 zu stehlen“. Zu lesen ist das nicht bei den üblichen Trump-Apologeten wie der „New York Post“ oder Fox News, sondern in der „Washington Post“, der Zeitung, die immer noch das dramatische Motto „Democracy Dies in Darkness“ im Titel führt. „Gerechtigkeit in Venezuela“ ist der Artikel der Redaktionsleitung überschrieben, der den Überfall in Caracas weder im Hinblick auf das amerikanische Recht noch das internationale Völkerrecht infrage stellt. Vielmehr feiert die „Post“ den „unbestreitbaren taktischen Erfolg“ des Angriffs und die „Erinnerung daran, dass die militärischen, geheimdienstlichen und Cyber-Kapazitäten Amerikas unerreicht sind“. New York Times: Trumps Angriff ist „illegal und unklug“ „,Washington Post‘ schockt mit Lob für Trumps Venezuela-Operation“, feixte Fox News prompt. Dortselbst zelebriert man die „Wiederherstellung von Amerika als einziger Weltmacht“ durch die „Donroe- Doktrin“ – Trumps Verballhornung der Monroe-Doktrin von 1823, die bekräftigte, dass die Vereinigten Staaten das Sagen in Nord- und Südamerika hätten. Aber auch anderswo kann man den Eindruck von weit verbreitetem, wenn schon nicht derart marktschreierischem, dann doch klammheimlichem Stolz auf die Präzision und Kompetenz amerikanischer Truppen gewinnen, die mitten in der Nacht das Staatsoberhaupt einer souveränen Nation entführten und in die USA ausflogen. Wie der Reporter Eric Schmitt im „New York Times“-Podcast „The Daily“ berichtet, hatte die CIA bereits im vergangenen August eine Gruppe von Agenten in Maduros Nähe eingeschleust, um seine Lebensgewohnheiten auszuspionieren; dazu hatte man einen Informanten in seinem engsten Kreis, der die CIA jederzeit über Maduros Aufenthaltsort auf dem Laufenden hielt und einen gezielten Zugriff ermöglichte, nachdem schlechtes Wetter den Einsatz zunächst verhindert hatte. In einem Leitartikel der Redaktionsleitung stellt die „New York Times“ indes klar die Legalität der Aktion infrage: „Trumps Attacke auf Venezuela ist illegal und unklug“, titelt das Blatt. Ohne die Zustimmung des Kongresses verstoße die Aktion nicht nur gegen US-Recht. „Indem er ohne jeden Anschein internationaler Legitimität, ohne juristische Autorität und ohne innenpolitische Unterstützung vorging, riskiert Mr. Trump die Rechtfertigung für Autokraten in China, Russland und anderswo, die ihre Nachbarn dominieren wollen.“ „Dreiste Rechtswidrigkeit“ Auch der „New Yorker“ spricht von „dreister Rechtswidrigkeit der Venezuela-Operation Trumps“. Im Interview stellt die Direktorin des Center for Global Legal Challenges an der Yale Law School, Oona Hathaway, fest, Trumps Angriff fehle „jede legale Basis“. Die Charta der Vereinten Nationen erlaube Staaten zwar, sich gegen einen bewaffneten Angriff selbst zu verteidigen, dies sei hier aber nicht gegeben. Trumps Aktion öffne vielmehr einer „neuen Regel“ Tür und Tor, die das Konzept der Selbstverteidigung auf allgemeine Bedrohungen – „was ist mit übertragbaren Krankheiten?“ – ausweite. Die Argumentation, das Militär habe bloß Strafverfolger bei der Festsetzung eines in den USA angeklagten Drogendealers unterstützt, der als nicht anerkannter Regierungschef keine Immunität genieße, sei ebenfalls unhaltbar, so Hathaway. Strafverfolgung rechtfertige keinen Militäreinsatz, und Trump dürfe nicht eigenmächtig bestimmen, wer legitimes Staatsoberhaupt ist und wer nicht: „Putin hat ein ganz ähnliches Argument gegen Selenskyj ins Feld geführt.“ Hathaway gibt zu bedenken, dass Trump keinerlei Skrupel habe, internationales und amerikanisches Recht zu brechen, und weitere Eingriffe in Aussicht stellte. Wenige andere Presseorgane analysierten die Lage mit ähnlichem Weitblick, und das Völkerrecht bleibt in den US-Medien erstaunlich oft außen vor. Fox News stellt rechtliche Probleme gleich ganz in Abrede: Das internationale Völkerrecht sei „frei erfunden, was wir wissen, weil kein Amerikaner je für internationales Recht gestimmt hat“. Auch die Proteste der Demokraten im Kongress, dass nach US-Recht Kriegseinsätze dort abgesegnet werden müsse, könne man getrost ignorieren: „In der realen Geopolitik ist Macht die eigentliche Autorität. Wir haben Maduro gestürzt, weil wir es vermochten, und Russland und China würden dasselbe tun, wenn sie ebenfalls Supermächte wären.“ Für viele US-Medien steht im Vordergrund, dass die Amerikaner einem üblen Diktator die Macht entrissen hätten. Man argwöhnt, wie es in Venezuela weitergegangen wäre und ob die Unterstützung Trumps für Maduros Vize – anstatt für den eigentlichen Wahlgewinner von 2024, Edmundo González, oder die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado – nicht bedeute, dass das Regime fortbestehe. Manche fragen sich, wie dieser außenpolitische Einsatz bei Trumps Maga-Gefolge ankommt. Die meisten dort beklatschen den Einsatz, mit Ausnahme von Dissidenten wie Marjorie Taylor Greene und der Verschwörungstheoretikerin Candace Owens. Die „New York Post“ bemerkt, Maduro sei „nicht nur Kopf eines Narco-Staats. Er war mit Amerikas fiesesten Feinden liiert.“ „USA Today“ meint, der Angriff in Caracas sei „moralisch und praktisch gerechtfertigt, auch wenn einige juristische Debatten bestehen bleiben“. Die „Free Press“ findet, die Verhaftung von Maduro und seine Vorführung vor einem Geschworenengericht sei eine „prima Idee“, indes scheine Donald Trump „weit mehr Interesse an venezolanischem Öl als an venezolanischer Demokratie zu haben“. Das gemeinnützige National Public Radio (NPR) verweist darauf, dass das US-Justizministerium zwar Maduro direkt wegen Drogenhandels angeklagt habe, aber Trump zuletzt andere verurteilte Drogenhändler begnadigte, darunter den früheren Präsidenten von Honduras. Der „Atlantic“ warnt vor Trumps „wachsenden imperialen Ambitionen“ und befindet: „Trumps Ego stellt eine deutliche Bedrohung für die amerikanische Demokratie und die Führungsstellung Amerikas in der Welt dar.“ Dass Trumps Leute die imperialen Ansprüche der US-Regierung voll und ganz unterstützen, demonstriert derweil Katie Miller, die Ehefrau vom Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller. Auf X postete die Podcasterin eine Karte von Grönland in den Farben der US-Flagge mit dem Wort „SOON“ – bald. Maga-Fans finden das richtig toll. „Ja, bitte“, kommentiert einer, „Donroe Doctrine! Let’s go!“ schreibt ein anderer zur Karikatur eines breitbeinig mit einem Baseballschläger über Nord- und Südamerika und Grönland aufgestellten Donald Trump. Ein Dritter jubelt mit dem Symbol einer US-Flagge: „America!“ So wird die „Donroe-Doktrin“ Common Sense. Und die „Washington Post“ macht mit, ihrem Titelmotto zum Trotz.
