Mit dem Ruhm im Rücken lässt sich leicht über den Weg dorthin philosophieren. Die Entbehrungen, die beharrliche Arbeit, das Weitermachen trotz allem. Dann die Anerkennung, die stetig wächst, bis der Gemeinplatz daraus wird, es mit einem Meister seines Fachs zu tun zu haben. Tatsächlich gibt es über wenige Schauspieler so tiefsinnige Sätze wie über Robert Duvall, manche von ihm selbst gesprochen, die meisten jedoch von anderen, fast alle inspiriert von einem expressiven Minimalismus, den Duvall über eine Filmkarriere von mehr als sechzig Jahren hinweg verfeinert hat. Der entscheidende Begriff darin: Wahrheit. Getarnte Essenz. Nach außen wenden, was drinnen verborgen lag. In jedem Fall: das Gegenteil von Show. Er selbst hat gesagt, man „spiele“ keinen traurigen Menschen – der traurige Mensch ringe um Haltung, und darin liege der Ausdruck seiner Traurigkeit. Wieder so ein kluger Satz. Geboren 1931 in San Diego, erwarb Duvall schon im elterlichen Haushalt Disziplin und Beobachtungsgabe. Der Vater war Militär, die Mutter Amateurschauspielerin. Duvalls Weg führte über die New Yorker Schauspielschule von Sanford Meisner, wo auch Dustin Hoffmann und Gene Hackman studierten – zwei seiner engen Freunde, mit denen er zeitweise die Wohnung teilte, deren Karrieren aber viel früher abhoben als seine. Die Freundschaft zu beiden hat es nicht geschwächt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren musste er allerdings neben der Theaterarbeit Jobs als Tellerwäscher, Botenjunge und Lkw-Fahrer verrichten, um leben zu können. Dem Postamt, wo er sich für ein halbes Jahr anstellen ließ, entging er gerade noch, sonst wäre er Postmensch geworden und hätte darüber ein Buch schreiben können wie Charles Bukowski. Jedes Zucken des Mundwinkels zählt Er war 31 Jahre alt, als er in „Wer die Nachtigall stört“ (1962) sein Kinodebüt gab. Die wenigsten würden ihn darin auf den ersten Blick wiedererkennen. Seine Figur, Boo Radley, sagt keinen Ton und vermittelt alles durch sparsame Gesten und modulierte Stille. Statt zu lächeln, lässt er die Schultern 1,3 Zentimeter sinken. „Beredtes Schweigen“ lautet das Wort dafür. Schon hier bringt Duvall das Publikum dazu, jeden Augenaufschlag, jedes Zucken der Mundwinkel zu beobachten, weil sich sein Spiel in mikroskopischen Regungen ausdrückt. Der spätere Duvall entwickelte diese Technik zu solcher Meisterschaft, dass man über dem Vergnügen, sein Mienenspiel zu beobachten, manchmal vergisst, dem Film zu folgen. Der abgestürzte Countrysänger in „Tender Mercies“ (1983, deutsch mit dem albernen Verleihtitel „Comeback der Liebe“) trägt sein Leben auf den Schultern, doch seine Gesichtszüge strahlen Disziplin und Haltung aus. Die Rolle brachte Duvall einen Oscar als bester Hauptdarsteller ein. Zur Vorbereitung ging er mehrere Monate nach Texas, um das Leben von Countrysängern zu studieren – offenbar waren seine Freunde Johnny Cash und Willie Nelson mit seiner Interpretation einverstanden. Der Geruch nach Napalm Der klassische Duvall ist kahl, und weil da kein Haarschopf ist, schaut man nur in seine Augen und alles drum herum, ob in das schlaue Anwaltsgesicht in „A Civil Action“ (Zivilprozess, 1998), wo er den idealistischen John Travolta vor sich hertreibt, oder die herben Cowboy-Züge in seinen Spätwestern. „Populär“ im Blockbuster-Sinn war er wohl nie, schon die Kühle seiner listig-ironischen Ausstrahlung spricht dagegen. Stattdessen wurde er einer der größten Nebendarsteller des Jahrhunderts und sammelte Oscar-Nominierungen ein. „I love the smell of Napalm in the morning“ – die ikonische Zeile aus dem Mund von Oberstleutnant Bill Kilgore, der in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) ohne Hemd, aber mit schwarzem Stetson, Sonnenbrille und rätselhafter Nachdenklichkeit durch den Kugelhagel im Vietnamkrieg läuft, ist als Ausdruck des amerikanischen Zynismus im imperialen Bombenkrieg gedeutet worden, aber Duvalls Spiel ist viel komplexer. Denn obwohl Napalm für den unerschrockenen Kilgore nach „Sieg“ duftet, drückt seine Körpersprache in den folgenden Sekunden die Sinnlosigkeit und Leere des ganzen Abenteuers aus. Bei der Gage war Hollywood knauserig Ein Könner wie er konnte selbst das Böse enigmatisch erscheinen lassen. Seine Verkörperung des Anwalts Tom Hagen, treuer Freund des Corleone-Clans in den ersten beiden Teilen von Coppolas „Pate“-Trilogie (1972 und 1974) an der Seite von Schwergewichten wie Marlon Brando, Al Pacino und James Caan, wirkt auch fünfzig Jahre später noch wie ein Denkmal für eher unfilmische Tugenden: Grübelei, Understatement und Diskretion in einem unauslotbaren Charakter. Der aber – siehe das Vorspiel zur grausigen Pferdekopf-Szene – genauso konsequent böse handeln kann wie die Clan-Häuptlinge selbst. Im dritten „Paten“ machte Duvall nicht mehr mit, weil seine Forderung nach einer höheren Gage – er wollte halb so viel wie Al Pacino, nicht ein Viertel – abgelehnt wurde. „I’ve always been a late bloomer“, hat Duvall über seine Entwicklung gesagt: Er sei eine spät erblühende Pflanze. Konsequenterweise wollte er keine seiner Rollen als die beste bezeichnen, hoffte nur, mit dem Alter immer besser zu werden. In „Falling Down“ (Ein ganz normaler Tag, 1993) spielt er den leisen Ermittler, der in den letzten Stunden vor der Pensionierung noch einmal ranmuss, während er telefonisch seine seelisch instabile Frau betreut. Dieser Mann ist vom Leben selbst beschädigt; zum Lunch zieht er sich in einen Winkel zurück, hört Radio, verzehrt sein Sandwich und schafft sich eine Schutzhülle, die ihn vor seinem vulgären Boss und dem Rest der Welt abschirmt. Michael Douglas liefert in diesem Film den Zorn, die große Geste und die Pyrotechnik – Duvall ein Seelendrama in Sekundenportionen, das mit einem Minimum an Worten auskommt. Dabei entsteht das Seltene: Man fühlt sich als Zuschauer getröstet, weil eine Welt, in der es solche Menschen gibt, nicht ganz so schlimm sein kann, wie sie manchmal wirkt. Am vergangenen Sonntag ist Robert Duvall im Alter von 95 Jahren auf seiner Farm im US-Bundesstaat Virginia gestorben.
