Wer dem amerikanischen Vorgehen im Irankrieg folgen will, muss die Nachrichten aufmerksam verfolgen. Was gerade noch als Strategie bekannt gegeben wurde, kann nach wenigen Stunden schon wieder hinfällig sein. So gab Marco Rubio vor Journalisten am Dienstagnachmittag hehre Ziele aus. Mit dem amerikanischen „Project Freedom“ wolle man 23.000 Zivilisten retten, die im Persischen Golf „gefangen“ und vom iranischen Regime „dem Tod überlassen“ worden seien – damit meinte er die Seeleute auf den im Golf liegenden Schiffen. Das Eskortieren der Handelsschiffe durch die Straße von Hormus sei eine Defensivoperation, hob der Außenminister hervor. Aber man werde nicht zulassen, dass unbeteiligte Dritte von Iran als „Geiseln“ gehalten würden. Keine vier Stunden später war es Trump selbst, der Rubios Aussagen für hinfällig erklärte. Das „Projekt Freiheit“ werde „für kurze Zeit ausgesetzt“, schrieb er am Dienstagabend auf seiner Plattform Truth Social. Der Präsident nannte drei Gründe: Das geschehe auf Bitten Pakistans und anderer Länder, wegen des „enormen militärischen Erfolgs“, den man gegen Iran erzielt habe, und weil man „große Fortschritte“ bei einem Friedensabkommen mit Teheran mache. Das mag stimmen. Angriff auf ein französisches Schiff Das Nachrichtenmagazin Axios berichtete am Mittwoch unter Berufung auf amerikanische Beamte, im Weißen Haus rechne man mit einer baldigen Einigung auf eine Absichtserklärung, die den Krieg beende und einen Rahmen für detaillierte Atomverhandlungen schaffe. Demnach ist vorgesehen, dass Iran sich dazu bereitfindet, die Urananreicherung auszusetzen, Washington seine Sanktionen aufgibt und beide Seiten ihre Blockaden in der Straße von Hormus aufheben. Sollte es so kommen, wäre das ein großer Erfolg, für den sich Zurückhaltung mit dem „Projekt Freiheit“ lohnte. Doch der kommunikative Eiertanz, den die amerikanische Regierung angesichts des Irankriegs seit Wochen aufführt, wird immer skurriler. Der Dienstag hatte damit begonnen, dass Generalstabschef Dan Caine in einer Pressekonferenz darlegte, warum mehr als zehn Vorfälle zwischen dem iranischen und dem amerikanischen Militär während des Geleits von Handelsschiffen zu Beginn der Woche keine Verletzung der Waffenruhe darstellten. Die Angriffe blieben „unterhalb der Schwelle zur Wiederaufnahme von Kampfhandlungen“, so Caine. Sollte heißen: Trump hat wenig Interesse daran, die aktiven Kampfhandlungen in dem bei Amerikanern unbeliebten Krieg wieder aufzunehmen. Verteidigungsminister Pete Hegseth beharrte außerdem darauf, „Project Freedom“ sei „getrennt und unabhängig“ von der ursprünglichen Militäroperation zu betrachten – ohne die es eine Blockade der Straße von Hormus nicht gegeben hätte. Die Mission werde früher oder später „an die Welt“ übergeben, sagte Hegseth, noch brauche es jedoch wie „fast immer“ die amerikanische Führung. So nichtig wie Caine und Hegseth die Angriffe Irans auf das „Project Freedom“ darstellen wollten, waren sie nicht. Nach einer Attacke auf ein südkoreanisches Handelsschiff am Montag wurde am Dienstagabend trotz Geleits durch amerikanische Kriegsschiffe ein französisches Containerschiff angegriffen. Der Maschinenraum des unter maltesischer Flagge fahrenden Schiffes San Antonio sei in Brand gesetzt worden, teilte die Reederei CMA CGM mit Sitz in Marseille am Mittwoch mit. Zudem seien bei dem Angriff mehrere Besatzungsmitglieder verletzt worden, die „evakuiert und medizinisch versorgt“ worden seien. Begleitet wurde die San Antonio demnach von Schiffen der amerikanischen Marine und Flugzeugen der amerikanischen Luftwaffe. Das Frachtschiff passierte die Straße von Hormus, als es vom iranischen Festland aus von einer Drohne oder einem Marschflugkörper getroffen wurde, hieß es. Dem iranischen Beschuss waren Drohungen des iranischen Parlamentspräsidenten vorangegangen. Ist die Militäroperation beendet oder nicht? Den Vereinigten Staaten könnten Situationen wie diese zu viel Eskalationspotential geboten haben. Schließlich hatte Rubio noch hervorgehoben, die Mission sei nur zustande gekommen, weil Trump von mehreren Ländern um Hilfe gebeten worden sei. Der Präsident habe darauf „wie üblich“ reagiert und sei in die Bresche gesprungen. Aus Washington ist grundsätzlich kein kritisches Wort über die Vorgänge im Nahen Osten zu hören. Die Blockade der Straße von Hormus sei „großartig“, schwärmte Trump in dieser Woche, das bestreite niemand. In der französischen Presse hieß es dagegen, Trump habe das „Projekt Freiheit“ nach dem Angriff auf das Containerschiff abgebrochen. Die französische Regierungssprecherin Maud Bregeon sagte am Mittwoch, Frankreich sei nicht das Ziel des iranischen Angriffs gewesen. Das Schiff habe keine französischen Seeleute an Bord gehabt. Präsident Macron wollte am Mittwoch mit dem iranischen Präsidenten telefonieren. Die amerikanische Regierung hatte schon Ende vergangener Woche die Losung ausgegeben, der Krieg – Operation „Epic Fury“ – sei beendet. Trump schrieb das in einem Brief an den Kongress, der einer Militäroperation nach 60 Tagen sonst zustimmen müsste; Außenminister Rubio bestätigte das in seiner Pressekonferenz am Dienstag. Doch auch diese Aussage hielt nicht lange. Am Mittwochmorgen schrieb Trump auf seiner Plattform, sollte Iran sich auf die jüngsten Forderungen einlassen, werde die „bereits legendäre“ Operation „ein Ende finden“. Werde das nicht passieren, würden die Bombardements mit „weitaus größerer Intensität“ wieder aufgenommen.
