FAZ 19.12.2025
11:00 Uhr

UNICEF-Foto des Jahres: Der ungebrochene Wille der Mädchen zu lernen


Seit die Taliban in ­Afghanistan zurück an der Macht sind, haben sich die Chancen von Mädchen auf Bildung drastisch verschlechtert. Das UNICEF-Foto des Jahres zeigt ihren Widerstand.

UNICEF-Foto des Jahres: Der ungebrochene Wille der Mädchen zu lernen

In den Händen Stift und Papier, der Blick konzentriert auf dem aufgeschlagenen Schulbuch am Boden. Die zehn Jahre alte Hajira aus der afghanischen Provinz Nangarhar lernt. Dieser Moment, von der französischen Fotojournalistin Elise Blanchard in einem Foto eingefangen, zeigt aber noch mehr als ein lernendes Mädchen: Er zeigt die stille, aber unbeirrbare Widerstandskraft von Millionen afghanischer Mädchen, denen seit mehr als vier Jahren der Zugang zur weiterführenden Schulbildung verwehrt bleibt. Dafür wurde das Bild von einer Jury (der auch Henner Flohr angehört, der Leiter der F.A.Z.-Bildredaktion) einstimmig zum UNICEF-Foto des Jahres 2025 gewählt. Die Preisverleihung fand am Freitag in Berlin statt. „Das diesjährige Siegerbild führt uns vor Augen, was Kindheit für viele Mädchen in Afghanistan bedeutet: Sie müssen um etwas kämpfen, das selbstverständlich sein sollte – das Recht zu lernen“, sagt ­Elke Büdenbender, Schirmherrin von UNICEF Deutschland. „In Blanchards Bild des Mädchens Hajira wird ein oft so ab­strakter Begriff ganz konkret: Menschenwürde“, sagt Peter-Matthias Gaede, Juryvorsitzender und Mitglied des Deutschen Komitees von UNICEF. „Es ist ein Bild voller Empathie, Respekt und Nähe.“ Mit dieser Einstellung der Fotografin sei es entstanden, und diese Gefühle wecke es auch in den Betrachtern. „Gute Bilder brennen sich ein. Gerade wenn sie ohne großen Lärm auskommen.“ Die Geschichte hinter dem UNICEF-Foto des Jahres 2025 Das Foto von Hajira ist spontan entstanden. Die inzwischen 34 Jahre alte Elise Blanchard war im Jahr 2024 mit der Nichtregierungsorganisation Terre des Hommes unterwegs und lernte Hajira in einer mobilen Klinik kennen. In der Gegend, wo das Mädchen lebt, gibt es keine dauerhafte Gesundheitsversorgung, erzählt Blanchard im Gespräch mit der F.A.Z. Sie beschloss, Hajira nach Hause zu begleiten, um zu sehen, wie ihr Alltag aussieht. „Wir reden viel darüber, was Frauen und Mädchen nicht machen, aber ich möchte dokumentieren, wie ihr Leben aussieht“, sagt Blanchard. „Denn sie leben noch.“ Sie habe das Mädchen beim Wasser­holen und beim Kochen begleitet. Nach dem Mittagessen habe Hajira dann ihre Schulsachen herausgeholt. „Auf einmal hat sie mich nicht mehr beachtet, so vertieft war sie in ihre Arbeit“, sagt Blanchard. Das Mädchen und die Szene seien so schön, und dennoch sei es auch ein schreckliches Bild, weil Hajira wisse, dass es so nicht weitergehen werde. Statt in die Schule zu gehen, wird Hajira wahrscheinlich heiraten, Kinder bekommen, auf dem Feld arbeiten. „Und sie genoss das Lernen trotzdem“, sagt Blanchard und lacht leicht. Dann entschuldigt sie sich. „Ich finde das nicht lustig, aber nach ­sieben Jahren in Afghanistan … Ich habe diese Geschichte schon so oft gesehen, dass ich nicht mehr traurig sein kann, wenn ich davon erzähle.“ Inzwischen arbeitet Blanchard auch in anderen Ländern wie Myanmar und der Ukraine als Fotografin. Nach Afghanistan wolle sie aber immer wieder zurück­kehren. Auch wenn es keine neuen Schlagzeilen gibt, sei es wichtig, dass wenigstens dokumentiert werde, was in Afghanistan passiere. „Es gibt Menschen, die weiter­leben und Aufmerksamkeit verdienen“, sagt Blanchard, „insbesondere jetzt, da es durch die Kürzungen der USA zu erheblichen Einbußen bei der humanitären Hilfe gekommen ist.“ Nach Einschätzung von UNICEF werden 2026 etwa 21,9 Millionen Menschen in Afghanistan, darunter 11,6 Millionen Kinder, humanitäre Hilfe benötigen. Insbesondere Frauen, Kinder und marginalisierte Gruppen seien einem zunehmenden Risiko ausgesetzt. Das Leben der Kinder im Fokus Seit 26 Jahren prämiert UNICEF Deutschland Fotos und Fotoreportagen, „die die Persönlichkeit und Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentieren“. Der zweite Preis ging in diesem Jahr an ein Bild aus der Reportage „Mongolia’s Children at Risk: The Devastating Impact of Air Pollution“ von der Fotografin Natalya Saprunova. Das Bild zeigt 13 schlafende Kinder in einem Kindergarten in Ulan-Bator. In der Mitte des bunt dekorierten Raums steht ein Luftfilter. Ulan-Bator hat ein gravierendes Umweltproblem. Durch das Verbrennen von Kohle ist die Feinstaubbelastung sehr hoch. Laut UNICEF sterben jährlich Dutzende Menschen an Kohlenmonoxidvergiftungen. Mit dem dritten Preis wurde ein Bild des indischen Fotografen Sourav Das über eine Kindheit in den Kohlefeldern von Jharia im indischen Bundesstaat Jharkhand ausgezeichnet. Auf seinem Bild sind drei Kinder, deren Gesichter, Kleidung und nackten Gliedmaßen durch den Kohlestaub schwarz gefärbt sind, vor einer Hütte und Rauch zu sehen. Laut UNICEF ist Kinderarbeit in Indien unter 14 Jahren verboten. Geahndet würden Verstöße dagegen jedoch noch immer selten. Kinder stünden selten im Scheinwerferlicht der medialen Berichterstattung, obwohl sie häufig am meisten von den Kriegen und Krisen unserer Zeit betroffen seien, so eine Sprecherin von UNICEF. Die Fotos des Jahres sollen darauf aufmerksam machen, dass die weltweit gültigen Kinderrechte, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieft sind, täglich auf vielfache Weise verletzt werden. „Die ausgezeichneten Fotos und Reportagen beleuchten einzelne Schicksale und bringen uns damit die großen Herausforderungen, vor denen Kinder stehen, fühlbar nah.“ ­Angesichts der sich überlagernden Krisen dürften wir nicht gleichgültig sein. „Kinder weltweit brauchen unsere Unterstützung.“ Hajira weiß noch nicht, dass ein Foto von ihr prämiert wurde. Internetzugang hat ihre Familie nicht. „Aber sobald ich wieder in Afghanistan bin, werde ich ­dafür sorgen, dass sie es erfährt“, sagt Elise Blanchard. Ihre Arbeit sei dort auf jeden Fall noch nicht getan.