Herr Wittig, Sie haben als deutscher UN-Botschafter in New York 2010 gegen starke Konkurrenz eine Wahl von Deutschland als nicht ständiges Mitglied in den Sicherheitsrat gewonnen. Wie ist das gelungen? Das war keine leichte Aufgabe. Ich habe ein ganzes Jahr in New York damit verbracht, für Deutschland zu werben. Ich bin zu allen 191 anderen UN-Botschaftern ins Büro gegangen und habe den persönlichen Kontakt gesucht. Dabei habe ich viel gelernt und sicherlich auch die Sympathien mancher Kollegen für unsere Kandidatur gewonnen. Am Ende haben wir im ersten Wahlgang gegen unsere Mitbewerber Kanada und Portugal die nötige Zweidrittelmehrheit erzielt. Das war zusammen mit dem Auswärtigen Amt ein Teamerfolg, auf den ich ein bisschen stolz bin. In diesem Juni unterlag Deutschland bei der Wahl als nicht ständiges Sicherheitsratsmitglied hingegen im ersten Wahlgang deutlich, zum ersten Mal überhaupt – waren Sie überrascht? Ich war vor allem überrascht, dass Deutschland so weit abgeschlagen hinter Portugal und Österreich gelandet ist. Das ist ein Debakel für ein Land, das den Multilateralismus zum Kernbestand seiner Außenpolitik rechnet. Es zeugt vom Ansehensverlust Deutschlands, und das, obwohl wir so ein wichtiger finanzieller Unterstützer sind. Deshalb muss die Niederlage Anlass sein, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft unsere Politik in den Vereinten Nationen aufstellen wollen. Wie erklären Sie sich diese Niederlage? Es gibt ein Bündel von Gründen. Aufgezählt wurde die israelfreundliche Haltung im Gazakrieg, ebenso wie der späte Einstieg in diesen Wahlkampf, eine russische Kampagne gegen uns gab es ebenso. Auch der Einsatz der politischen Spitze war nicht so leidenschaftlich wie bei unseren Konkurrenten. Aber ich glaube, das Entscheidende ist, dass es Deutschland nicht gelungen ist, die Mehrheit der kleinen und mittelgroßen Staaten, besonders im globalen Süden, für sich zu gewinnen. Warum? Verantwortlich dafür ist eine Europa-Zentriertheit unserer Weltsicht. Die führte dazu, diese Länder eher belehren und bekehren zu wollen, im Sinne deutscher und europäischer Standards. So gewinnt man keinen Respekt und keine Sympathie in diesem besonderen Umfeld der Vereinten Nationen. Wichtig ist dort die Begegnung auf Augenhöhe! Hinzu kam vielleicht eine überzogene Selbstgewissheit der deutschen Seite zur eigenen Bedeutung, die schließlich die Sicht auf die tatsächliche Lage trübte. An wen richtet sich dieser Vorwurf? Das ist vergossene Milch! Außenminister Johann Wadephul hat zu Recht von einem Staffellauf gesprochen, als er den jahrelangen Wettbewerb für den nicht ständigen Sitz beschrieb. Deshalb muss man auch seine Vorgänger für solche Ergebnisse mit in die Verantwortung nehmen. Jetzt steht die Generaldebatte der UN-Generalversammlung an – Bundeskanzler Friedrich Merz hat seine Reise dorthin gerade abgesagt. Welche Konsequenzen muss Deutschland aus Ihrer Sicht ziehen aus der Niederlage bei der Sicherheitsratswahl? Die Frage ist, ob Deutschland nach einer so schmerzlichen Niederlage noch glaubwürdig den Anspruch erheben kann, ständiges Mitglied im Sicherheitsrat zu werden. Ich glaube nicht. Deutschland sollte diesen Anspruch auf einen ständigen Sitz aufgeben. Dieses Ziel gehört zum außenpolitischen Selbstverständnis Deutschlands. Dieser Anspruch wirkt doch aber aus der Zeit gefallen. Europa ist mit Frankreich und Großbritannien ohnehin im Sicherheitsrat überrepräsentiert, gemessen am Anteil der Weltbevölkerung und an der globalen Wirtschaftskraft. Außerdem ist eine tiefgreifende Reform des Sicherheitsrates für absehbare Zeit absolut ausgeschlossen. Diese werden die Großmächte unter den ständigen Mitgliedern, Russland, China und auch die USA, nicht mitmachen. Insofern gilt es nach meiner Ansicht, die europäische Stimme im Sicherheitsrat zu stärken und nicht dieser Chimäre eines ständigen Sitzes Deutschlands nachzuhängen. Gerade weil Deutschland so viel für das UN-System zahlt, gibt es diesen Anspruch auf den ständigen Sitz. Die anderen Mitglieder der Vollversammlung sehen das nicht so. Wir tragen das zwar immer gerne vor. Aber die Mitgliedsländer der Vereinten Nationen entscheiden nicht nur nach der Höhe der Beitragszahlung. Die Niederlage bei der Wahl im Juni hat das doch deutlich gezeigt. Die nächste Kandidatur für einen nicht ständigen Sitz hat Berlin bereits angekündigt. Kann es nicht sein, dass Deutschland es in dieser Weltlage und mit seinen klaren Positionen zu Israel oder als Unterstützer der Ukraine automatisch schwerer hat, Mehrheiten hinter sich zu versammeln, weil es mehr polarisiert? Es wird möglicherweise schwieriger, Mehrheiten zusammenzubekommen. Dennoch hatten wir lange gerade bei den kleinen und mittelgroßen Ländern im globalen Süden einen hervorragenden Ruf. Deutschland hat sehr viel für sie getan, zum Beispiel beim Klimaschutz oder der Entwicklungszusammenarbeit. Sollte Deutschland sich dann weniger engagieren in den Vereinten Nationen? Nein, das würde ich für falsch halten. Wir sollten nicht schmollen und die Vereinten Nationen bestrafen, weil die Mitgliedstaaten uns nicht gewählt haben. Das wäre ein Fehler. Das sage ich auch im Hinblick auf die jetzt anstehenden Haushaltsberatungen im Bundestag. Angesichts der vielen Kriege und humanitären Krisen in der Welt wäre es fatal, die Unterstützung radikal zu kürzen. Außerdem sind die Vereinten Nationen mit ihren vielen Unterorganisationen immer noch das Zentrum für die regelbasierte globale Ordnung, die durch die Großmächte jetzt so stark unter Beschuss steht. Es liegt im deutschen und europäischen Interesse, zusammen mit anderen Partnern der Welt Teile dieser Ordnung aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat brauchen wir dafür nicht.
