An drei Tischen sitzen jeweils zwei Paare, und vor jedem Spieler liegen exakt 13 Karten. Dann beginnt das Spiel: Karten gleiten über den Tisch, Blicke werden gewechselt, die Nerven liegen blank. Gesprochen wird nur, wenn es die Regeln verlangen. An einem Dienstagabend spielt sich im Frankfurter Turnierbridge-Club ein Bridgeturnier ab. „Ich bin süchtig“, bekennt Petra Wolff, eine der Spielerinnen des Abends. Sie brauche regelmäßig ihre Dose Bridge am Abend, sonst fehle ihr etwas. Seit knapp 30 Jahren spielt die Rechtsanwaltsfachangestellte das Spiel. „Ich habe schon als Jugendliche jedes Kartenspiel gespielt, das mir in die Hände gefallen ist“, sagt sie. Ihre wahre Berufung habe sie jedoch im Bridge gefunden. Ähnlich geht es Michael Höhn. Er spielt seit 40 Jahren Bridge. Ein Leben ohne das Spiel kann er sich nicht vorstellen. „Wenn man einmal infiziert ist, dann macht man das lebenslänglich“, sagt er. Bridge ist ein hochkomplexes Spiel Gespielt wird zu viert, in festen Partnerschaften: Zwei Spieler bilden ein Team und treten gegen ein weiteres Paar an. Jeder erhält 13 Karten. Ziel ist es, mehr Stiche zu machen als die Gegner, also möglichst oft mit der höchsten Karte eine kleine Spielrunde zu gewinnen. Noch bevor die erste Karte aufgedeckt wird, beginnt schon das Spiel. In der sogenannten Reizphase verständigen sich die Partner darüber, wie gut ihre Karten sind und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Frei darüber sprechen dürfen sie nicht. Stattdessen benutzen sie festgelegte Gebote aus Zahlen und Farben, die jeweils eine bestimmte Bedeutung haben. Diese Gebote bilden eine eigene Sprache, die gründlich erlernt werden muss. Was für den Laien wie eine Folge beliebiger Ansagen klingt, ist für die Eingeweihten ein präziser Austausch von Informationen – eine stille Verständigung, die darüber entscheidet, wie das Spiel verlaufen wird. Anfangs sei es wirklich mühselig, sagt Höhns Spielpartnerin Gabi Semrau. „Das erste Jahr ist harte Arbeit, das muss man durchstehen. Erst danach fängt es an, Spaß zu machen.“ Semrau, Lehrerin im Ruhestand, unterrichtet selbst Bridge. Sie betreut sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene. „Viele Bridgelehrer wollen keine Anfänger unterrichten“, sagt sie. Das Erlernen der Grundlagen sei sehr aufwendig, und man müsse als Lehrer dabei die gesamte Gruppe zusammenhalten. Vielen sei das Spiel zu komplex, zu anstrengend, zu nervenaufreibend – und werde deshalb wieder aufgegeben. Bridge, sagt Semrau, sei vor allem eine Übung in Geduld.„Sieben Jahre lang ist man Anfänger“, sagt sie. Ihr Spielpartner ergänzt trocken: „Mindestens.“ Man muss erst auf den Geschmack kommen „Bridge spielen ist wie Whiskey trinken. Es ist etwas für Kenner“, sagt Volkhard Kantner. Bridgespieler sei er gegen seinen Willen geworden. Sowohl seine Großmutter als auch seine Mutter seien begeisterte Spielerinnen gewesen; er selbst habe sich lange gesträubt. Am Ende jedoch, sagt Kantner, sei auch er „infiziert“ worden. Die Weitergabe von einer Generation zur nächsten ist ein Motiv, das in der Bridgeszene immer wieder auftaucht. Auch das Lorenz-Duo kennt diese Form der Ansteckung. Jens-Holger Lorenz und sein Sohn Julian Lorenz blicken beide auf lange Karrieren im Kartenspiel zurück. Jens-Holger Lorenz ist Seniorprofessor für Mathematik und spielt seit mehreren Jahrzehnten Karten. Schon während des Studiums habe er sich mit Skat und Doppelkopf finanziert. Mit Bridge begann er nach dem Abschluss. Seither lasse ihn das Spiel nicht mehr los. „Im Vergleich zu Bridge sind alle anderen Spiele langweilig“, sagt er. Sein Sohn Julian ist den Fußstapfen des Vaters gefolgt, sein Studium finanzierte er aber mit Poker statt mit Skat und Doppelkopf. „Besonders spannend fand ich Poker nie“, sagt er. „Es war für mich vor allem ein Weg, Geld zu verdienen.“ Mit Bridge begann er während des Studiums. Besonders ansprechend sei für ihn der psychologische Aspekt, den er vom Pokern kenne. Man müsse lernen, den Gegner zu lesen. Hinzu komme das Tempo. Siebeneinhalb Minuten – dann ist die Runde vorbei. Schach, das aus seiner Sicht eine vergleichbare kombinatorische Tiefe habe, sei ihm dagegen zu langatmig. Eine Partie könne zwei bis drei Stunden dauern. „Wenn überhaupt“, sagt Julian Lorenz, „dann würde ich Blitzschach spielen.“ „Ich wollte nicht, dass Julian zu früh mit dem Spielen anfängt“, sagt sein Vater, „Ich wusste, wie süchtig Bridge macht, und ich wollte, dass er sich erst mal auf sein Studium konzentriert.“ Das Studium hat sein Sohn trotz der Bridge-Sucht gut bewältigt und promoviert an der Goethe-Uni in Mathematik. Das Lorenz-Duo spielt Bridge in fester Partnerschaft; die beiden treten stets gemeinsam an. Den richtigen Partner zu finden, sagt Jens-Holger Lorenz, erfordere Zeit und Verbindlichkeit. Man müsse einander gut kennen, die Denkweisen des anderen verstehen und sich aufeinander verlassen können. Was macht einen guten Spielpartner aus? „Ein guter Partner ist ein ruhiger Partner“, sagt Jens-Holger Lorenz. Bei einem derart komplexen Spiel ließen sich Fehler nicht vermeiden. Entscheidend sei, dann nicht die Fassung zu verlieren. Förderlich sei auch ein ähnliches Spielniveau. Dann mache das Spiel wirklich Spaß. Im besten Fall, sagt Lorenz, wachse man gemeinsam. Wie in allen Beziehungen lassen sich auch am Bridgetisch Konflikte nicht vermeiden. Es gebe Partnerschaften, in denen sich die Spieler immer wieder stritten, sagt Gabi Semrau. Bridge sei ein Sport, und jeder wolle gewinnen. Mache der Partner einen Fehler, berge das erhebliches Konfliktpotential. „Ehepaaren rät man davon ab, zusammen zu spielen“, sagt Semrau. Die Spannungen aus dem Spiel wolle man nicht auch in der Ehe austragen. Tatsächlich seien wegen Bridge schon ganze Ehen zerbrochen – aber auch geschlossen worden, fügt sie hinzu. Es sei leicht, über Bridge neue Menschen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Die Bridgegemeinschaft in Deutschland ist überschaubar, zumindest dort, wo das Spiel mit größerem Ernst betrieben wird: bei Meisterschaften, Turnieren und auf organisierten Bridgereisen. Von den besonders aktiven Spielern gebe es, so Höhn, einen relativ festen Kern von etwa 500 Personen, denen man immer wieder begegne. Bridge: ein Seniorensport? Auf Bridgereisen treffe man vor allem ältere, alleinstehende Frauen, sagt Höhn. „Wenn ich auf so eine Reise fahre, dann senke ich den Altersdurchschnitt deutlich.“ Er selbst ist noch berufstätig und einige Jahre vom Rentenalter entfernt. Den kommenden Jahreswechsel wird er dennoch ganz im Zeichen des Spiels verbringen – auf einer Bridgereise, gemeinsam mit seiner Mutter. Der Tagesablauf ist dort klar strukturiert. Am Vormittag können Interessierte in der Regel Bridgeunterricht nehmen, am Nachmittag und am Abend stehen Turniere auf dem Programm. Auch Jens-Holger Lorenz war schon zweimal auf Bridgereisen. „Für mich und meinen Sohn ist Bridge ein Sport. Für die älteren Damen, die auf Bridgereisen gehen, ist vor allem der soziale Aspekt wichtig“, sagt er und fasst seine Beobachtung zusammen: „Ich kenne Witwen, die kommen von einer Bridgereise zurück und packen den Koffer für die nächste.“ Auch im Frankfurter Bridgeclub liegt der Altersdurchschnitt irgendwo im Rentenalter. Mit 40 Jahren ist Julian Lorenz dort einer der jüngsten Spieler. „Im Schnitt sind die übrigen Spieler 30 Jahre älter als ich“, sagt er. „In den Clubs sind die Spieler alle sehr alt, ja“, stimmt Petra Wolff zu. „Es gibt leider auch einen großen Schwund wegen des Alters.“ Auch die Corona-Pandemie habe sich auf die Bridgeclubs ausgewirkt. So erzählt Wolffs Spielpartner Jürgen Grundstein: „Während Corona, als es nicht möglich war, in Person zu spielen, haben viele Spieler angefangen, online zu spielen – und so ist das auch nach Corona leider geblieben.“ In Polen floriert Bridge auch unter jungen Menschen Dass Bridge nur etwas für alte Menschen sei, sei ein Trugschluss, sagen Maria Kroppa und Lech Zwirello, die vor vierzig Jahren gemeinsam von Polen nach Deutschland emigriert sind. Die beiden sind feste Spielpartner und haben Bridge in Polen gelernt. „Wir spielen Bridge auf die polnische Art“, sagt Kroppa. „So kennen die Deutschen das nicht.“ Deshalb träten sie grundsätzlich im Team an. „In Deutschland wird Bridge in den Clubs und auf Bridgereisen von älteren Frauen dominiert“, sagt Zwirello. „In Polen ist das anders. Dort spielen auch viele junge Menschen, insbesondere junge Männer.“ Er selbst habe Bridge bereits zu Schulzeiten gelernt, nach seinem Umzug nach Deutschland jedoch lange nicht mehr gespielt. Erst 2017 habe er das Spiel neu für sich entdeckt. Seitdem sind er und Kroppa feste Mitglieder der Bridgeszene und machen gemeinsam Bridgereisen nach Frankreich und Polen. Für beide ist Bridge heute vor allem eine Beschäftigung im Rentenalter. Früher habe Zwirello seinen Urlaub am liebsten in den Bergen verbracht, erzählt Kroppa. Heute zieht es die beiden eher ins Flache. „Wenn man älter wird, kann man nicht mehr den ganzen Tag durch die Berge wandern“, sagt Zwirello. „Bridge ist ein schöner Zeitvertreib – und eine gute Übung für die Gehirnzellen.“ Besonders reizvoll sei, dass man das Spiel niemals auslerne. Je mehr man über Bridge wisse, desto deutlicher werde, wie begrenzt das eigene Wissen eigentlich sei, sagt Zwirello. Auch nach vielen Jahren Spielpraxis werde man immer wieder überrascht. Großes Turnier zum Jahreswechsel Der Frankfurter Bridgeclub richtet in jeder Woche drei Turniere aus: eines am Dienstagvormittag, eines am Dienstagabend und eines am Freitagnachmittag. Zudem findet Donnerstagvormittag ein freies Spielen statt, bei dem Spieler auch ohne Partner erscheinen können. Es wird in vertrauter Runde gespielt, mit weitgehend bekannten Gesichtern. Ein Höhepunkt steht zu Beginn des Jahres an. Beim überregionalen Jahreswechselturnier am 3. Januar werden bis zu 60 Spielpaare aus ganz Deutschland erwartet. Die Veranstalterin und Vorsitzende des Clubs, Ute Sacksofsky, blickt dem Termin mit Vorfreude entgegen. Ihre Konventionskarte hat sie bereits vorbereitet. Die Konventionskarte ist im Bridge so etwas wie die Visitenkarte eines Paares. Auf ihr halten die Partner fest, welche Absprachen sie beim Reizen treffen und welche Konventionen gelten. Damit wird für Transparenz gesorgt – die Karte macht die stille Sprache eines Paares für Gegner und Schiedsrichter nachvollziehbar. Für Sacksofsky ist das Spiel trotz seiner Komplexität vor allem eines: Entspannung. Tagsüber ist sie Professorin für Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität, abends und an den Wochenenden Bridgespielerin. Nach einem Tag in ihrem stressigen Beruf tue nichts so gut wie eine Runde Bridge, sagt sie. Die Spieler des Clubs sind sich einig: Wie ein guter Whiskey entfaltet auch Bridge seinen Reiz nicht sofort. Man muss sich Zeit nehmen, Geduld aufbringen, die Nuancen erkennen lernen. Aber: Wer einmal Geschmack daran gefunden hat, kehrt immer wieder zurück.
