Der Wahlkampf um die Vergabe der Frauen-Europameisterschaft hat vor 15 Monaten begonnen, und bis zur letzten Minute der Abstimmung suchten die verbliebenen Kandidaten, die sich gleichermaßen Hoffnungen machen, den Zuschlag zu erhalten, nach Gelegenheiten, um für die nötigen Stimmen zu werben. Dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) spielte dabei der Erfolg der Auswahl von Bundestrainer Christian Wück in die Karten, auch wenn die DFB-Auswahl am Dienstagabend das Finalrückspiel der Nations League gegen Spanien verlor. Verbandspräsident Bernd Neuendorf nutzte die Partie im Metropolitano-Stadion, um seinen Aufenthalt als Zuschauer des Showdowns in Madrid mit einem Treffen mit seinem Amtskollegen Rafael Louzán zu verbinden, der der Real Federación Española de Fútbol vorsteht. Louzán gehört zu den 18 Männern und Frauen, die als Mitglieder im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) an diesem Mittwoch am Sitz des Verbandes im schweizerischen Nyon bestimmen werden, wer mit der Ausrichtung der prestigeträchtigen Großveranstaltung bedacht wird – ein Gespräch unter vier Augen kann da gewiss nicht schaden. Drei Bewerbungen noch im Rennen Im Rennen sind nach dem Rückzug Portugals und Italiens noch drei Bewerbungen: Deutschland, Dänemark gemeinsam mit Schweden sowie Polen. Eigentlich umfasst das UEFA-Gremium, das den Wettstreit per Mehrheitsbeschluss entscheiden wird, 20 Angehörige. Doch sowohl der Deutsche Hans-Joachim Watzke als auch der Däne Jesper Møller dürfen nicht votieren, weil sie aufgrund ihrer Rollen als Vertreter zweier Bewerbernationen als befangen gelten. Der DFB wähnt sich in einer aussichtsreichen Position. Wenn von 15 Uhr an alle drei Aspiranten hintereinander jeweils in einer achtminütigen Präsentation ihre Vorzüge darlegen können, ehe die Exekutivmitglieder sieben Minuten Zeit erhalten, um Fragen zu stellen, wird Alexandra Popp an der Seite von Neuendorf auf der Bühne stehen. Vom Auftritt des langjährigen Gesichts des Nationalteams, das in 145 Länderspielen maßgeblich zu dessen Renommee beitrug, siebenmal mit dem VfL Wolfsburg Meister wurde und zweimal die Champions League gewann, erhoffen sich die DFB-Strategen einen starken Eindruck auf die Entscheider. Der Aufwand, der in Frankfurt am DFB-Campus bis zuletzt betrieben wurde, um nicht wie bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2027 – die in Brasilien stattfinden wird – leer auszugehen, war beträchtlich. Phasenweise unterstützten das „Kernteam“, das aus einem halben Dutzend Mitarbeitern bestand, bis zu 30 Personen. Die Bewerbungsmappe umfasste 2500 Seiten; sie beschrieb neben den Städten, in denen der Ball in vier Jahren rollen soll, unter anderem den Zustand der Stadien, die Verkehrsanbindung, Hotelkapazitäten und den Boom des Frauenfußballs hierzulande, der auch Auswirkungen an der Basis hat. Jüngst stieg die Zahl der Mädchen, die sich in einem Verein anmeldeten, um 7,5 Prozent auf 107.000. „Das Potential im Frauen- und Mädchenfußball ist weiterhin gewaltig. Mit unserer Bewerbung möchten wir der zuletzt überaus positiven Entwicklung weiteren Schub verleihen“, sagte Neuendorf der F.A.Z. „2029 wollen wir neue Maßstäbe setzen.“ Ziel sei es, „eine Million Menschen“ in die Stadien zu bringen. Der DFB beabsichtigt, damit den Beweis anzutreten, dass eine Frauen-EM auch wirtschaftlich tragfähig sein kann. „Es wäre ein wichtiger Schritt für den Frauenfußball, wenn dieses Turnier nicht mehr subventioniert werden müsste, sondern aus sich heraus Gewinn abwerfen würde.“ Zuletzt ein Minus von 25 Millionen Euro Neuendorf hofft, dass diese Argumentation das Exekutivkomitee überzeugt, nachdem unlängst die ehemalige deutsche Nationalspielerin Nadine Kessler, die mittlerweile die Abteilung Frauenfußball der UEFA leitet, anmerkte, dass die kommende Endrunde nicht noch einmal ein Zuschussgeschäft sein dürfe. Die EM im vergangenen Sommer in der Schweiz war dank des Rekords von mehr als 650.000 Zuschauern atmosphärisch ein Stimmungshöhepunkt; am Ende musste die UEFA dennoch die Zeche zahlen: Ein Minus von 25 Millionen Euro stand zu Buche, das als Investitionskosten deklariert wurde. Von ursprünglich 31 deutschen Städten, die beim DFB ihr Interesse angemeldet hatten, als „Host City“ berücksichtigt zu werden, blieben nach einem DFB-internen Ausscheidungswettbewerb Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, Köln, Leipzig, München und Wolfsburg übrig. Sie alle erklärten ihre Bereitschaft, finanzielle Aufwendungen für Sicherheitskonzepte und Fan-Feste in Höhe von 100 Millionen Euro zu tragen. „Wir möchten bis zuletzt gegen starke Konkurrenz alles geben, um nach mehr als 25 Jahren erneut eine Frauen-Europameisterschaft nach Deutschland zu holen“, kündigte Neuendorf an. Sein Verweis auf die EM 2001, die noch in kleinem Rahmen stattfand, spielte gezielt auf Vorbehalte an. Sie waren vor allem aus dem skandinavischen Lager zu hören und von wenig Verständnis gekennzeichnet, dass nach der Männer-EM 2024 demnächst abermals ein Fußballturniersommer maßgeblich mit schwarz-rot-goldenem Anstrich versehen sein solle. Spätestens bis 17 Uhr an diesem Mittwoch soll feststehen, wer mit seiner Argumentation am meisten überzeugen konnte.
