FAZ 19.12.2025
10:35 Uhr

Turner Pascal Brendel: Ein Fall Hambüchen 2.0?


Pascal Brendel, eines der größten Turntalente des Landes, wird von seinem Vater trainiert. Das will der Fachverband nicht mehr finanzieren. Der Fall weckt Erinnerungen an einen der erfolgreichsten Athleten.

Turner Pascal Brendel: Ein Fall Hambüchen 2.0?

Große Sprünge sind wieder möglich. Seit ein paar Wochen in der Trainingshalle, und wenn alles gut geht, ab März auch auf der internationalen Bühne. Beim DTB-Pokal in Stuttgart würde Pascal Brendel gerne sein Comeback an den Geräten geben. Im zu Ende gehenden Jahr 2025 war der Kunstturner aus Wehrheim an Barren und Pauschenpferd nicht zu sehen gewesen. Nach seiner Olympiapremiere 2024 in Paris wollte er erst mal die Schule abschließen. Doch noch bevor er die notwendigen Prüfungen hinter sich gebracht hatte, katapultierte den deutschen Mehrkampfmeister von 2023 im Februar ein komplizierter Fußbruch für deutlich längere Zeit aus dem sportlichen Alltag heraus. Bei einem Flugelement am Reck, einem Tkatchev mit ganzer Drehung, hatte er kurzzeitig die Orientierung verloren und war mit dem rechten Fuß auf hartem Boden aufgeschlagen, wie Vater und Trainer Matthias Brendel erzählt. Der Knochen sei „explodiert“, die Fragmente seien mithilfe von Metall zusammengesetzt worden, die Karriere des 22 Jahre alten Sohnes stand auf der Kippe. „Vor allem nach dem Abitur war das vom Kopf her schwer für mich“, erzählt Pascal Brendel. So gut wie nichts tun zu können und gleichzeitig nicht zu wissen, ob der Knochen wieder voll belastbar zusammenwächst, das machte ihm zu schaffen. In physischer Hinsicht ist jetzt wieder alles in Ordnung: In diesem Monat hat der Sportler einen ersten Nationalmannschaftslehrgang in Stuttgart absolviert. Wieso darf Brendels Vater seinen Sohn nicht weiter trainieren? Im Kopf schwirren aber schon wieder neue Sorgen herum: Der Hessische Turnverband hat den Trainervertrag seines Vaters nicht verlängert. „Ich bin momentan bei der Arbeitsagentur angestellt“, verrät Matthias Brendel mit bitterem Humor. Im September hatte er an der Trainerakademie in Köln sein Diplom abgelegt; während des Studiums sicherte ein Ausbildungsvertrag sein Einkommen, der, weil es etwas länger dauerte, nach drei Jahren um ein weiteres verlängert wurde. Für die Zeit danach, sagt Matthias Brendel, habe man ihm eine feste Stelle zugesagt. Dem widerspricht Torsten Minninger. „Wir haben frühzeitig kommuniziert, dass das schwierig werden würde“, sagt der HTV-Geschäftsführer. Mittlerweile gebe es einen Präsidiumsbeschluss, Brendel nicht weiterzubeschäftigen. „Eine 1:1-Situation, wie sie mit Pascal und seinem Vater besteht, ist für uns keine Lösung“, sagt Minninger. Nicht nur, weil es im Sinne des Kindeswohls nicht erlaubt sei, dass sich Trainer allein mit einem Sportler in der Halle befinden, und man keine „Lex“ schaffen wolle, die weitere Forderungen nach Einzeltraining nach sich zieht. „Für Pascals Leistungsentwicklung wäre eine Trainingsgruppe wichtig“, sagt der ehemalige Schwimmer. Aber es gebe keine anderen Athleten in Hessen, die sich auf einem ähnlichen Niveau wie der Europameisterschaftsfinalist bewegten. Der Bundeskaderathlet könnte an einen anderen Stützpunkt wechseln. Das würde man auch beim Deutschen Turner-Bund (DTB) gerne sehen. Pascal Brendel selbst schließt das für sich aus. „Wenn ich nicht überzeugt davon wäre, dass ich bei meinem Vater am besten aufgehoben bin, wäre ich schon woanders“, sagt er. Bis 2017 hatte das Talent im Frankfurter Leistungszentrum trainiert, dabei kam es zunehmend zu „unschönen Szenen“ mit dem dortigen Landestrainer. Pascal Brendel wechselte nach Wetzlar zu Wolfgang Hambüchen, der seinen eigenen Sohn Fabian 2016 zum Olympiasieg am Reck geführt hatte, bis Matthias Brendel seine Arbeit im Rettungsdienst aufgab und die Betreuung des Nachwuchses selbst übernahm. Schon früh wurde Pascal Brendel ob seines außerordentlichen Bewegungstalentes mit Fabian Hambüchen verglichen, die Vater-Sohn-Trainingskonstellation verstärkte diese Tendenz. Auch der Überflieger hatte nie den Standort wechseln wollen, obwohl man beim DTB heftig darum warb. Dass der HTV sich nun von Brendel trennt, ruft weitere Erinnerungen wach. Hinter verschlossenen Türen wird schon über den Fall „Hambüchen 2.0“ geredet. Wie damals bei den Hambüchens „Wolfgang war als Landestrainer beim HTV irgendwann nicht mehr wohlgelitten“, erzählt Werner Schaefer, der damalige Leiter des Olympiastützpunktes (OSP) Hessen. Es hatte Diskussionen um Trainingsmethoden gegeben und Probleme in der Halle in Wetzlar. „Der HTV hat sich bemüht, die Anstellung zu beenden“, sagt Schaefer. Hambüchen schlüpfte unter das Dach des OSP, was eigentlich nicht vorgesehen war und heute auch nicht mehr möglich ist. „Aber es musste sich etwas ändern.“ Auch jetzt machen sich der OSP und sein Träger, der Landessportbund, für Brendel stark. Sie bemühen sich darum, eine Lösung zu finden, die es dem Turner ermöglicht, zusammen mit seinem Vater den Übergang aus der Verletzungssituation zurück auf internationales Niveau zu schaffen. Diese soll bestenfalls ab 1. Januar greifen und einmalig für ein Jahr gelten. Offizieller Arbeitgeber könnte dann Pascals Verein, die KTV Wetzlar, sein. Die Entscheidung des HTV kann der heutige OSP-Chef Markus Kremin schwer nachvollziehen, sie harmoniere nicht mit dem „hessischen Weg“, der vorsieht, „solche Situationen zu klären“ und Spitzenathleten im eigenen Land bestmögliche Bedingungen zu bieten, damit es sie gerade nicht woanders hinzieht. Auch wenn die Länder im Allgemeinen, was die Finanzierung angeht, nur für den Nachwuchs zuständig sind. Auf diesen Punkt weist auch Minninger hin. „Wer finanziert diesen hessischen Weg?“, fragt er, die Möglichkeit nicht berücksichtigend, zusammen mit dem Landessportbund eine Lösung zu finden. \"Und was passiert, wenn Pascal irgendwann aufhört?“ Der HTV habe drei Planstellen für Kunstturnen männlich, und die seien besetzt. Die Befristung eines Vertrages sei „aus arbeitsrechtlichen Gründen ein schwieriges Thema“, man würde Matthias Brendel also nicht mehr so einfach loswerden. Brendel trainiert überwiegend in Wetzlar Minninger führt weitere Gründe an, die gegen ein Engagement Brendels sprechen, auch wenn qualifizierte Trainer Mangelware sind: Etwa dass er keine zusätzliche Gruppe übernehmen könne, weil er mindestens zehn Tage im Monat mit Pascal auf Lehrgängen und Wettkämpfen sei. Oder dass die Zuschüsse, die man seitens des DTB 2023 und 2024 an den HTV weitergeleitet hatte und die jetzt nicht mehr fließen, an den Bundesstützpunkt Frankfurt gebunden seien, Pascal jedoch überwiegend in Wetzlar trainiere. Die Brendels begründen dies damit, dass es dort leerer sei und sie ihr Training genau auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden könnten. Die Zugangskarte für das Frankfurter Zentrum musste der Vater eigenen Angaben nach bei seinem Vertragsende abgeben. Der DTB, der die Zentralisierung favorisiert, hat seine Bereitschaft signalisiert, „eine mögliche temporäre Lösung“ zu unterstützen. Bundestrainer Jens Milbradt will keinen Athleten zu einer Ortsveränderung zwingen, würde sich aber wünschen, dass Brendel auch außerhalb der Lehrgänge öfter mit anderen Mitgliedern der Nationalmannschaft zusammen trainiert. Vater Matthias Brendel schätzt das Engagement für die familiären Interessen, „aber ich würde gerne Sicherheit für den Olympiazyklus bis 2028 haben“, sagt er. Um mit Blick auf die unsichere Zukunft die eigene Kasse aufzubessern, will er ab Januar wieder zweimal im Monat Nachtschichten im Rettungsdienst übernehmen, „dann wäre Pascal der einzige Turner, der mit Blaulicht zu den Lehrgängen nach Kienbaum gefahren wird“, witzelt er. Der Sportler selbst hat einen Minijob in einem Frankfurter Sportpark angenommen, um sich mit seiner Freundin zusammen eine Wohnung leisten zu können. In der Bundesliga gab es für ihn in diesem Jahr kein Geld zu verdienen, und für eine Aufnahme in die Sportförderkompanie habe der DTB seinem Vater nach zu verstehen gegeben, dass er ihn früher oder später an einem anderen Stützpunkt erwarte. „Wenn Pascal etwas braucht, kann er sich immer an uns wenden“, sagt Minninger. HTV-Präsident Ulrich Müller schließt nicht aus, dass man die jetzt getroffene Entscheidung „irgendwann noch mal überprüft und zu einem anderen Urteil kommt“. Doch der Sportler zeigt sich enttäuscht: „Ich verstehe nicht, warum man so handelt.“ Er repräsentiere den Verband und das Bundesland. „Aber ich spüre dafür keine Dankbarkeit.“