In Kopenhagen und Nuuk schrillen die Alarmglocken. Venezuela müsse nicht das letzte Land sein, das Ziel einer amerikanischen Intervention gewesen sei, sagte Donald Trump am Wochenende, um dann anzufügen, die USA bräuchten Grönland, „absolut“. Später erneuerte er beim Gespräch mit Journalisten an Bord des Präsidentenflugzeugs die Forderung. Grönland sei strategisch enorm wichtig, aber derzeit von russischen und chinesischen Schiffen umgeben. „Dänemark wird das nicht schaffen.“ Doch gelte es zunächst, über Venezuela, Russland und die Ukraine zu sprechen. „Wir werden uns in etwa zwei Monaten mit Grönland befassen. Lassen Sie uns in 20 Tagen über Grönland sprechen“, so der amerikanische Präsident. Aber was dann? Fliegen dann amerikanische Armeehubschrauber über Nuuk? „Grönland zu erobern, ist nicht gerade schwer. Es wäre einfacher als die Militäroperation, welche die USA in Venezuela durchgeführt haben“, sagt Peter Viggo Jakobsen, Professor in der Abteilung für Strategie und Kriegsstudien am Königlich Dänischen Verteidigungskolleg. Das Königreich Dänemark, dessen weitgehend autonomer Teil Grönland ist, rüstet derzeit rasch auf, verfügt aber nur über vergleichsweise wenige Soldaten. Die Zahl der Armeemitarbeiter auf Grönland ist eher symbolischer Natur. Viele davon sind Zivilisten, und die Aufgaben, die sie übernehmen, sind oft polizeilich. Frederiksen: Ein US-Angriff wäre das Ende der NATO Für eine Eroberung der Insel wäre es lediglich erforderlich, dass US-Beamte im Konsulat in Nuuk die amerikanische Flagge hissten und Grönland zu einem Teil der USA erklärten, sagt Jakobsen. „Ich würde dann erwarten, dass die dänischen Beamten einfach gehen, anstatt eine militärische Konfrontation mit den USA zu riskieren.“ Grönland zu übernehmen und zu regieren, sei leicht, sagt Jakobsen auch mit Blick auf die nur rund 50.000 Einwohner, die überwiegend in oder in der Nähe der Inselhauptstadt Nuuk leben. Doch die Kosten einer solchen Intervention wären für die USA sehr hoch, so Jakobsen. Schließlich gebe es anders als im Falle Venezuelas keine legitimen Gründe, die Insel zu übernehmen. Anders als Trump nun wieder behauptet hat, gebe es keine russischen und chinesischen Schiffe, welche die Region derzeit bedrohten. Das amerikanische Militär habe seine Präsenz dort auch anders als in der Barentssee und vor der Küste Norwegens nicht verstärkt. Zudem erlaube das bestehende Abkommen über Militärstützpunkte mit Dänemark den Bau weiterer US-Stützpunkte über die bestehende Pituffik-Base im Norden der Insel hinaus. Auch hat sich die Regierung in Nuuk wiederholt offen gezeigt in Bezug auf mögliche Rohstoffgeschäfte. „Das Problem, das Trump zu lösen vorgibt, existiert nicht. Die Übernahme Grönlands wäre sehr schwer zu rechtfertigen“, sagt Jakobsen. Aus seiner Sicht würde eine feindliche Übernahme Grönlands die NATO zerstören und die europäischen Regierungen dazu veranlassen, alle verfügbaren Ressourcen einzusetzen, um ihre wirtschaftliche, militärische und technologische Abhängigkeit von den USA zu verringern. Auch die Alliierten der USA in Asien würden wohl so handeln. Somit sei schwer zu glauben, dass Trump Grönland wie Venezuela übernehmen werde. „Ich werde es aber nicht ausschließen, schließlich handelt es sich um Trump.“ Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen erklärte derweil, Trumps Aussagen ernst zu nehmen. „Wenn die USA beschließen, ein anderes NATO-Land anzugreifen, ist alles vorbei“, sagte sie am Montag mit Blick auf das transatlantische Bündnis. Auf die Frage eines Fernsehsenders, ob sie eine Garantie geben könne, dass das nicht passieren werde, antwortete Frederiksen: „Ich kann nicht für das Verhalten der Amerikaner sprechen, sondern nur für das, was wir auf dänischer und europäischer Seite tun. Und Europa unterstützt uneingeschränkt die Einhaltung der Grenzen.“ Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen schrieb zuvor auf Facebook, es reiche jetzt. „Kein weiterer Druck. Keine weiteren Andeutungen. Keine weiteren Annexionsphantasien.“ Grönland sei offen für Dialog, aber dieser müsse über angemessene Kanäle und unter Achtung des Völkerrechts erfolgen. Trump könnte Grönländer gegeneinander ausspielen Bisher hatte man in Kopenhagen und Nuuk erwartet, dass die Amerikaner weiter versuchen werden, sich Grönland mit einer Art Charmeoffensive einzuverleiben. Die riesige Insel strebt seit Langem die Unabhängigkeit vom dänischen Königreich an. Dabei spielen Kopenhagens frühere Vergehen gegenüber der einstigen Kolonie, etwa die Zwangsverhütung Tausender Grönländerinnen, eine zentrale Rolle. Diesen Spalt hatten die USA wiederholt zu vertiefen versucht, etwa bei Besuchen von Trumps Sohn Donald Trump Jr. sowie von Vizepräsident J. D. Vance auf der Insel. Auch die Ernennung des Sondergesandten für Grönland, Jeff Landry, ist wohl in diesem Licht zu sehen. Der hatte angekündigt, es gehe um eine „langfristige Integration“ Grönlands, nicht um eine sofortige Annexion. Wiederholt hatten die Amerikaner dabei das Narrativ vorgetragen, Dänemark habe die Grönländer schlecht behandelt und die Sicherheit der Insel vernachlässigt. Allerdings war das Vorgehen bisher wenig erfolgreich. Der Druck Washingtons hat die Grönländer wieder näher an Kopenhagen gerückt. Eine rasche Unabhängigkeit strebt nun kaum einer in Nuuk mehr an. Auch in der Frage der Zukunft der Insel könnte die US-Regierung bei einer weiteren Eskalation ansetzen. „Die Trump-Regierung könnte argumentieren, dass die Zukunft der Insel unklar ist und dass dies ein nationales Sicherheitsproblem darstellt, mit dem sich die USA befassen müssen“, sagt Mikkel Vedby Rasmussen, Professor für Verteidigungsstudien an der Universität Kopenhagen. Die Tatsache, dass die Frage der Souveränität – wenn nicht de jure, so doch de facto – zweifelhaft sei, böte den USA die Möglichkeit, die Regierung in Kopenhagen und vielleicht auch die politische Führung in Nuuk zu umgehen. Rasmussen sagt, die Amerikaner könnten „eine Art Abkommen mit handverlesenen Grönländern schließen und dies als den Willen des Volkes darstellen“. Wie in Venezuela seien für die USA wohl vor allem die Bergbaurechte und andere wirtschaftliche Fragen von Bedeutung, daher strebten sie eventuell eine „sanfte“ Übernahme auf der Grundlage von Geschäftsleuten und Geschäftsinteressen an. In dem Fall würden die USA Grönland dann auf die gleiche Weise „regieren“, wie Trump nun behaupte, Venezuela zu regieren – mit der Androhung militärischer Gewalt, in der Praxis jedoch über Ölkonzerne, so Rasmussen.
