Kommen wir zur Sportfrage des kommenden Jahres: Wie attraktiv wird eine Fußball-Weltmeisterschaft bei Donald Trump? Oder anders, möglichst harmlos, formuliert: Kann der World Cup, der WM-Pokal, funkeln in einem Land, dessen Präsident den einen Teil seines eigenen Amtssitzes abreißen lässt und den anderen mit Goldornamenten tapeziert, die ebenso viel über den Geschmack des Hausherrn aussagen wie dessen unstillbarer Durst nach Diet Coke? Nein? Womöglich wird Ihnen der Mangel an Vorfreude präsentiert von den Häschern der United States Immigration and Customs Enforcement. Allein: Es gibt keinen Grund, diese Klage um den Hals zu tragen wie Trump seine Friedenspreismedaille. Nichts und niemand zwingt uns dazu, die weite Welt des Sports zu reduzieren auf Doppelpässe zwischen Egomanen und Geschäftspartnern. Für kein Geld der Welt lässt sich die Freude von Kindern kaufen, die auf dem Schulhof ein Tor geschossen haben. Sie mögen dabei Trikots tragen, die für Abu Dhabi oder Qatar werben, und Vorbildern nacheifern, die sie auf mobilen Endgeräten sehen, nachdem sie das dem Highlight-Video vorgeschaltete Werbegift der Wettanbieter über sich haben ergehen lassen. Aber tatsächliche Vorbilder sind sie: die Kinder, die sich einfach freuen. Unerreichbar. Perpetuum mobile der Unterhaltungsbranche Derweil versteht sich die Fußballindustrie zunehmend als Perpetuum mobile der Unterhaltungsbranche. Ihr Geschäftsmodell funktioniert nach einem Drehbuch ohne Ende. Fußball ist die alles vereinnahmende, global aufgespannte Seifenoper des 21. Jahrhunderts, die digitale Revolution erweitert die Geschäftsgrundlage zudem auf 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Alles ist immer abrufbar. Alles ist nur einen Abo-Klick entfernt. Und morgen ist es noch mehr. X-mas-Specials werden zu Winterdeals. In der Logik der Fußballindustrie darf das Spiel nie enden. In der Logik der Kinder endet das Spiel mit dem Ende der Unterrichtspause, dem Ende des Trainings, dem Abpfiff des Schiedsrichters. Die Erkenntnis, dass die gedankliche Entkoppelung vom allgegenwärtigen Fußball-Content einen Weg zur Wiederentdeckung des Sports zeichnet, ist ein gewisses Paradoxon, zumal in einer journalistischen Form. Dass die Fußballindustrie den immensen Geld- und Nachrichtenwert dazu nutzt, vermeintlich journalistische Formate immer aufwendiger selbst zu produzieren und zu verwerten, bedeutet im Umkehrschluss, dass Journalisten sicher mehr denn je, vielleicht genauer denn je beobachten, beschreiben und bewerten müssen, wie das Spiel läuft – und zwar möglichst, ohne als Rechteinhaber Teil desselben zu sein. Der Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird deshalb immer auch auf das beklemmende Machtspiel fallen, das in ihr zur Aufführung kommt. Umso beglückender ist es, Sport zu entdecken, der davon frei ist.
