Der Sieger ist Donald Trump. Das hat Niall Ferguson als Sonderkorrespondent von „The Free Press“ aus Davos vermeldet. „The Free Press“ ist die Internetzeitung, die 2021 von Bari Weiss gegründet wurde, der durch ihre Kündigung bei der „New York Times“ bekannt gewordenen Meinungsjournalistin. Das Gründungsversprechen des Online-Blatts war, die Freiheit einer nur der Wahrheit verpflichteten Presse wiederherzustellen, die in den Traditionsmedien angeblich einer woken Machtübernahme zum Opfer gefallen war. Im vergangenen Jahr wurde „The Free Press“ von der Fernsehgesellschaft CBS gekauft. Bari Weiss ist jetzt Chefredakteurin von CBS News. Laut Ferguson war Trump in Davos Sieger aller Klassen und aller Jahrgänge. Noch nie habe jemand die anderen Teilnehmer in dieser Weise dominiert, also so klein aussehen lassen, berichtet Ferguson mit der doppelten Autorität des vielverkauften Historikers der Staaten- und Finanzwelt und des Dauergasts in Davos. Der in Oxford ausgebildete Historiker gehört zum Führungspersonal eines weiteren anti-woken Unternehmens von Bari Weiss, der University of Austin, und möchte gleichzeitig Außenseiter und Insider sein. Der Konsens der in Davos versammelten Reichen und Mächtigen, schreibt Ferguson, liege immer falsch – diese als Erfahrungsregel ausgegebene Maxime ist ein kurioses Beispiel für globalelitären Selbsthass. Der oberste Komiker lieferte seine Routinenummer ab Der historisch singuläre Triumph soll dem amerikanischen Präsidenten gelungen sein durch eine Rede, die bloße Performanz war, und zwar im professionellen Sinne der Fernsehunterhaltung. Mit den großsprecherischen Forderungen und maßlosen Angebereien habe Trump seine Routinenummer eines nur scheinbar improvisierenden Stand-up-Komikers abgeliefert, die amerikanischen Zuschauern wohlvertraut sei. Doch wo war der Erfolg? Trump hatte bei der Heimreise Grönland nicht im Gepäck. Ferguson, der seinerseits etwas von Unterhaltung versteht, wartet mit einer frappanten Pointe auf: Trump sei es von Anfang an gar nicht um Grönland gegangen, die Verkündung und Ausmalung der Annexionsabsicht sei eine Finte gewesen. Er zwang demnach die europäischen Regierungschefs zu präventiver Abwehr eines fingierten Angriffs – um freie Hand zu bekommen für die Vorbereitung eines Angriffs auf Iran und für Absprachen mit Putin über die Ukraine. Fergusons Trump hat’s den arroganten alteuropäischen Eliten gegeben, zum mutmaßlichen Vergnügen von Lesern, die „The Free Press“ wegen des gegenkulturellen Exzeptionalismus dieses Start-Ups abonniert haben. Doch nachdem der in Oxford ausgebildete vormalige Harvard-Professor sich zunächst am Irrationalismus von Trumps Rhetorik zu delektieren scheint, an der Verachtung für Sachlichkeit und Konvention, holt er ihn heim in die rationale Welt der klassischen Historie: Die Grönland-Aktion soll ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, ein Bluff. Das Internet-Nachrichtenmagazin „Politico“ veröffentlichte unlängst eine detaillierte Recherche zu personellen Verwerfungen an der texanischen Gegenelitehochschule. Die letzten Liberalen, die sich die University of Austin als Festung eines absoluten Begriffs von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit vorgestellt hatten, wurden demnach herausgedrängt, und unter den Konservativen in der Hochschulverwaltung sollen sich „Straussianer“ durchgesetzt haben, Jünger des Philosophen Leo Strauss, die einen speziellen Begriff metaphysischer Wahrheit mit Misstrauen gegenüber den Institutionen der politischen Öffentlichkeit verbinden. Ferguson blieb bei der Fahne. Auch wenn diese Auseinandersetzungen sektenhaft anmuten, wird sich an solchen Orten entscheiden, auf welche intellektuellen Unterstützer der Trumpismus bauen kann. Beim „gunman“ denkt man an eine gezogene Waffe Wie will man es in den Kreisen um Bari Weiss mit der Wahrheit halten, von der so oft verlautet, dass die Postmodernen sie verraten hätten? Werden Kommentatoren wie Ferguson die jüngsten Botschaften Trumps vom Feldherrnhügel des heimischen Kriegsschauplatzes nach demselben Muster rationalisieren können wie sein angeblich nur scheinbar erratisches Agieren auf der Weltbühne? Bei Truth Social hat Trump das Foto der sichergestellten Pistole des in Minneapolis von ICE-Beamten erschossenen Krankenpflegers verbreitet, mit der Bildunterschrift: „This is the gunman’s gun“, geladen, „and ready to go“. Ein „gunman“ ist gemäß den Definitionen der Wörterbücher jemand, der eine Pistole verwendet, um ein Verbrechen zu begehen, insbesondere ein Berufskiller. Wer das Wort „gunman“ hört, sieht einen Mann mit Pistole in der Hand. Gregory Bovino, der Grenzpolizeioffizier, der das Kommando beim ICE-Einsatz in Minnesota führt, behauptete, der Erschossene habe „maximalen Schaden“ anrichten und Gesetzeshüter „massakrieren“ wollen. Stephen Miller, stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, bezichtigte den Toten des Mordversuchs. Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach wie Bovino von maximalem Schaden und wie Miller von inländischem Terrorismus. Laut Ferguson schwindelte Trump, als er seinen Willen zur Aneignung Grönlands bekundete. Man weiß nicht ganz genau, woher Ferguson seine Gewissheit nimmt, denn die Lüge, wenn sie eine war, betraf eine innere Tatsache. Die Tötung von Alex Pretti war eine Handlung in der äußeren Welt. Trump und seine Handlanger setzten darüber in der Wortwahl abgestimmte Behauptungen in die Welt, deren Unwahrheit entweder zum Zeitpunkt der Äußerung schon offensichtlich war oder sehr bald offenkundig wurde. Pretti hatte nicht seine Pistole, sondern sein Telefon in der Hand, als er einer von ICE-Agenten bedrängten Frau zu Hilfe kam, und die Waffe, die er gemäß der Verfassung der Vereinigten Staaten wie der Gesetze von Minnesota rechtmäßig am Körper trug, war ihm schon abgenommen worden, als die tödlichen Schüsse fielen. Die Unwahrheiten höchster Amtsträger in dieser Sache sind zwar auch mit viel ablenkender Kommunikation verbunden, insbesondere irreführenden Angaben zu den Behörden in Minnesota, aber einen Bluff kann man sie nicht nennen. Niemand soll getäuscht werden, die Unwahrheit ist gerade die Botschaft. Gesagt wird damit, dass die Täter unbestraft bleiben werden und Widerstand zwecklos ist. Dass die Tatsachen die Regierung widerlegen, wurde in allen wichtigen Nachrichtenmedien dargelegt, auch bei CBS News.
