FAZ 18.01.2026
17:02 Uhr

Trump und das alte Rom: Der erste Kaiser hatte ja noch Zeit, so viel Zeit


Donald Trump kann im Leben nicht einholen, was Kaiser Augustus ihm voraushat. Historische Vergleiche drängen sich den Zeitgenossen weltgeschichtlicher Umwälzungen auf, aber sie haben natürliche Grenzen.

Trump und das alte Rom: Der erste Kaiser hatte ja noch Zeit, so viel Zeit

Der Tübinger Althistoriker Mischa Meier hat im Feuilleton vom 8. Januar Parallelen zwischen Au­gustus, dem Begründer einer neuen Form von Monarchie in Rom, und Donald Trump aufgezeigt – erhellend, weil er sich nicht mehr mit den teils bizarren Selbstbildern der bisher meist herangezogenen Vergleichsfiguren Caligula und Nero aufhält, sondern zum Kern des Politischen durchstößt. Augustus hat in der Tat die wohl umfassendste Systemtransformation der gesamten römischen Geschichte ins Werk gesetzt und Rom das gegeben, was es zuvor nicht hatte, nämlich eine Regierung und eine konsistente Politik. Die neue Ordnung wurde auf den Trümmern einer aristokratischen Republik errichtet; unübersehbar waren zuvor handfeste Krisenphänomene, die nicht bloß Krisenkommunikation waren. Was von beidem für die Vereinigten Staaten heute zutrifft, mag strittig sein; das vom 45. Präsidenten in seiner Inaugurationsrede entworfene Nachtgemälde des Zustands der Nation hat damals viele irritiert. Doch die hektische Aktivität des 47. Präsidenten und seiner Regierung auf so vielen Feldern, wider die irreguläre Einwanderung, die Drogenschwemme, einen Komplex angeblich unkontrollierter bürokratischer Apparate („deep state“), die Sicherheitsprobleme in vielen Großstädten und die ideologisierten Eliteuniversitäten, ebenso auf mehreren Schauplätzen der Außenpolitik von Gaza bis Grönland oder in dem brachialen Versuch, mit Zöllen, Raids und Deals die Weltwirtschaft umzugestalten – all dies verweist auf einen Aspekt, der in Meiers Vergleich fehlen musste. Es ist dies der Faktor Zeit. Der Hof ist nicht die Welt Augustus erfreute sich seit seiner Jugend keiner übermäßig robusten Gesundheit und wurde doch für antike Verhältnisse ziemlich alt, fast 76 Jahre. Da er seinen Auftritt auf dem Kampfplatz um die politische Macht schon sehr früh, mit neunzehn Jahren hatte, war ihm eine lange Herrschaftsdauer beschieden, beinahe 45 Jahre, von 30 vor bis 14 nach Christus. Das war ein entscheidender Unterschied zu Caligula und Nero, die nur vier beziehungsweise vierzehn Jahre Kaiser waren, wovon bei Letzterem noch die frühe Regierungszeit abzuziehen ist, als er, geleitet von guten Beratern und seiner Mutter, im Rahmen der Prinzipatsordnung halbwegs funktionierte. Da mochte der eine den Senatsadel gegen sich aufbringen und der andere sein Künstlertum ausleben – auf die Geschicke des Reiches hatte das wenig Einfluss. Augustus hingegen nutzte die ihm beschiedene Lebensspanne für grundlegende Veränderungen, von denen Meier die wichtigsten aufzählt. Und die Dinge brauchten Zeit, zumal der neue Herr auch experimentierte, etwa mit der rechtlichen Definition seiner Stellung, manches verwarf, anderes auf Dauer stellte. Dreimal bereinigte er den Senat um ungeeignete Herren, geduldig lebte er vor und übte er ein, wie sich Eliten und Bürger seiner Ansicht nach künftig zu verhalten hatten, wie die Rollen zu spielen waren – nicht zuletzt auch von ihm selbst. Seine Allgegenwart, im Kalender, auf Münzen, in Bildnissen, war ebenfalls nicht Produkt eines Tages oder Jahres. Die neue Ordnung einwurzeln zu lassen, dazu brauchte es der Gewöhnungen – und eines Vergessens. Der Geschichtsschreiber Tacitus hat das auf den Punkt gebracht, als er in seiner Bilanz der Umwälzung durch Augustus rhetorisch fragte: Wie viele lebten überhaupt noch, die noch die alte res publica gesehen hatten? Wie viel Zeit haben Donald Trump und seine Leute, um die Dinge umzukrempeln, gegen viel stärkere Widerstände, bei ungleich komplexeren Akteurskonstellationen, im eigenen Land und noch mehr in der Welt? Das auffällige Streben nach handfesten Verdinglichungen seiner Herrschaft, in Ballsaal, Triumphbogen oder Schlachtschiff, in der Donroe-Doktrin und dem Golf von Amerika, spricht für die Sehnsucht nach einem Überdauern. Dass Augustus Erfolg hatte, war zumindest für die Römer, summa summarum, wohl ein Glück. Über die Aussichten für die Vereinigten Staaten und die Welt ist damit nichts gesagt. Eine Präsidentschaft von J. D. Vance von 2029 bis 2037 ist jedenfalls noch lange nicht ausgemacht, momentan eher unwahrscheinlich. Im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte Der vorliegende Artikel hat sich bis hierher stillschweigend auf den Vergleich von mehr als zweitausend Jahre auseinanderliegenden Verhältnissen, Entwicklungen und Personen eingelassen. Nicht wenige Vertreter der Geschichtswissenschaft halten solche Analogien und Vergleiche, aus denen eine rosige oder – wie bei Mischa Meier – düstere Aussicht oder gar eine Handlungsempfehlung erwachsen, für schlicht unzulässig. Sie folgen damit, implizit oder ausdrücklich, einer fundamentalen Erkenntnis Reinhart Kosellecks, der zeigte, wie um das Jahr 1800 die „historia magistra vitae“ abgelöst wurde durch den Kollektivsingular „die Geschichte“, verstanden als ganz eigenständiger Prozess, der im Detail erforscht, aber nur als ganzer verstanden werden könne, ohne dass aus seiner Erkenntnis unmittelbare Folgerungen für das Handeln gezogen werden dürften oder auch nur könnten. Auf die nicht abwegige Frage, wozu Kenntnis der Vergangenheit dann noch tauge, fanden sich im neunzehnten Jahrhundert zwei geniale, korrespondierende Antworten: Geschichte sei ein wesentlicher Teil jener Bildung, die jeden einzelnen Menschen besser machen könne, insofern sie ihn zur Erkenntnis seiner eigenen Existenz und der Welt befähige. Auch die sich seitdem zunehmend professionalisierende und spezialisierende Geschichtswissenschaft lebte von einer anthropologischen Entelechie: Indem die Grenzen des Wissens und Verstehens immer weiter vorangeschoben werden, entfaltet der Mensch nur seine Anlagen, folgt also letztlich seiner Natur (oder kommt, so Johann Gustav Droysen, Gott näher). Dieser Prozess trägt seinen Wert in sich und muss daher keinen unmittelbaren Nutzen stiften. Kosellecks Genealogie der Historie ist in Wirklichkeit selbstverständlich viel komplizierter und uneindeutiger. Denn ebenso selbstverständlich kannte ihr Urheber Jacob Burckhardts berühmten Satz in dessen Vorlesung über das Studium der Geschichte: „Damit erhält auch der Satz: Historia vitae magistra einen höheren und zugleich bescheideneren Sinn. Wir wollen durch Erfahrung nicht so wohl klug (für ein andermal), als weise (für immer) werden.“ Selbst Koselleck identifizierte in einer späteren, stärker anthropologisch ausgerichteten Phase seines Denkens „Wiederholungsstrukturen“ in der Geschichte, und gewiss würde er jene Deutschen, die im Sommer 1941 an Napoleons Russlandfeldzug und sein Ende zu erinnern wagten, nicht wegen einer solchen warnenden historischen Analogie mit einem „erkenntnistheoretisch naiv, setzen, Sechs“ abgefertigt gesehen haben wollen. Pathologen brauchen keine Ermutigung Das Missverständnis ist im Grunde nicht schwer aufzulösen: Es gibt zwei unterschiedliche epistemische Ebenen. Aus der Geschichte zu lernen, indem Analogien und Parallelen benannt werden, wird nicht falsch, nur weil die Geschichtswissenschaft, zu deren Geschäft Komplexität und Ambivalenz gehören, diese Operation aus ihrer Logik heraus für unzulässig, da unterkomplex erklärt. Das Ethos geschichtswissenschaftlicher Forschung ist, zumindest ein Stück weit, das von Pathologen. Wer aber Rat und Mut für ein tätiges, ein handelndes Leben sucht und sie nicht im Glauben oder der Philosophie oder einem abstrakten Ordnungsmodell findet, sondern in gelebten Leben vor dem eigenen, wird sich Erhellung und Ermutigung, wo sie aus dem sich Wiederholenden erwachsen, nicht nehmen lassen. Nietzsche hat das in „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ zutreffend umrissen. Um noch einmal auf die Vereinigten Staaten zu kommen: 2022, gut ein Jahr nach dem Ende von Trump 45 und den gewalttätigen Protesten von MAGA-Aktivisten vor dem und im Kapitol, publizierte Thomas E. Strunk, der an der Xavier University in Cincinnati (Ohio) Klassische Literatur und Alte Geschichte lehrt, bei Anthem Press ein schmales, kaum hundert Seiten Text umfassendes Buch mit dem unmissverständlichen Titel „On the Fall of the Roman Republic. Lessons for the American People“. Es skizziert den Übergang von einer Republik in eine Autokratie, nicht zuletzt das Aufkommen von Gewalt und Autoritarismus, das die Römische Republik scheitern ließ und für Strunk in der Gegenwart „a significant threat to the republic of the United States“ repräsentiert. Ausdrücklich blickt er auf das antike Rom zurück „for political gui­dance“. Wer mit Sorge auf den abschüssigen Pfad des eigenen Landes schaue, finde in Rom nach wie vor den besten Lehrer – so wie beide einst erwachsen seien aus dem Kampf gegen eine Tyrannei und für eine bessere Form der Regierung. Umgekehrt zeigten die Römer, wie das Gebäude einer lange stabilen Ordnung durch Korruption, Spaltung, ökonomische Ungleichheit und Bürgerkrieg erodieren, am Ende gar einstürzen könne. Wie es scheint, kann diese Republik im zweihundertfünfzigsten Jahr ihrer Loslösung von einer Parlamentsmonarchie, in deren Allzuständigkeitsanspruch viele Bewohner der nordamerikanischen Kolonien Großbritanniens damals etwas Autokratisches sahen, jeden Rat und jede Ermutigung brauchen. Warum nicht auch von den Römern?