FAZ 06.01.2026
06:44 Uhr

Trotz politischer Eiszeit: Wie sich Marokko und Algerien beim Afrika-Cup verbrüdern


Fußballfans von Algerien und Marokko feiern beim Afrika-Cup gemeinsam – und das trotz geschlossener Grenzen zwischen beiden Ländern. Kommt es zu einem direkten Duell im Halbfinale?

Trotz politischer Eiszeit: Wie sich Marokko und Algerien beim Afrika-Cup verbrüdern

Keine Frage: Es wird wieder eine kleine grün-weiße Fanwelle über Rabat hereinbrechen: Algeriens Fußball-Nationalmannschaft trifft an diesem Dienstag (17.00 Uhr bei Sportdigital) im Achtelfinale des Afrika-Cups in der marokkanischen Hauptstadt auf die Demokratische Republik Kongo. Das mit 22.000 Sitzen eher gemütliche Stade Moulay Hassan im Norden der Stadt wird wieder randvoll und fest in algerischer Fan-Hand sein. Das war schon während der Gruppenphase so, als Algeriens Team auch hier beheimatet war. Dabei war die Anreise für die algerischen Fußballanhänger keine leichte. Weil die Landgrenzen zwischen Marokko und Algerien geschlossen sind, mussten die Fußballbegeisterten einen Umweg machen. Die meisten sind über Drittländer eingereist. Wie Mehdi Dahmani. Noch immer streiten die Länder um die Westsahara Der Achtundzwanzigjährige kommt aus Algier, ist für das Turnier erst nach Frankreich und von dort nach Marokko geflogen. Andere haben den Seeweg mit Zwischenstopp in Spanien genommen. Mehdi, der für das Turnier eine Unterkunft bei Freunden in Rabat fand, ist begeistert von der Stimmung im Nachbarland. „Ich hatte ein bisschen Bedenken vor der Reise. Die Beziehungen beider Länder sind ja nicht die besten. Aber es ist einfach nur schön. Ich wurde bisher von den Menschen total freundschaftlich behandelt.“ Zu sehen und hören ist das im Stadion. Unter dem Leitmotiv „Khawa, Khawa“ (Brüder, Brüder) demonstrieren Fans beider Nationen bisher eine Verbundenheit, die im politischen Alltag des Maghrebs derzeit kaum Platz findet. Seit der Unabhängigkeit beider Länder prägt eine tief verwurzelte Rivalität um die regionale Vormachtstellung das Verhältnis. Zentrale Konfliktpunkte sind der ungelöste Status der Westsahara und Grenzstreitigkeiten, die bereits 1994 zur offiziellen Schließung der Landgrenzen führten. Als schwere Provokation nahm Algerien die Normalisierung der Beziehungen zwischen Marokko und Israel Ende 2020 wahr. Algerien unterstützt die Entstehung eines unabhängigen palästinensischen Staates und präsentiert sich gerne als führender arabischer Befürworter des palästinensischen Nationalgedankens – auch auf internationaler Bühne. Im Jahr 2021 gipfelten die Spannungen im vollständigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen beider Länder. Zusätzlich entstanden neue Reibungspunkte durch marokkanische Erfolge auf der internationalen politischen Bühne. Im Zuge der Normalisierung zu Israel anerkannten die USA die Souveränität Marokkos über die Westsahara im Süden des Landes – was dem Königreich wiederum neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnete. Seit diesem Sommer sind vor allem mit Portugal und Spanien wirtschaftliche Handelsbeziehungen mächtig in Schwung gekommen. Auch Zidanes Besuch hilft beim friedlichen Feiern Trotz der politischen Eiszeit ist sie da – die Herzlichkeit der Fans untereinander beim Afrika-Cup. Marokkanische Fans feuern die „Fennecs“ (Wüstenfüchse) an, und in den Straßen Rabats vermischen sich die Fahnen beider Nationen. Die Identität als „Maghrebiner“ wiegt für die meisten Menschen offenbar schwerer als die nationale Abgrenzung. Der Slogan „Khawa, Khawa“, der immer wieder zu hören ist, fungiert dabei als friedliches Zeichen gegen diplomatische Entfremdung. Zudem geben prominente Gäste wie Zinédine Zidane, der im Stadion bisher regelmäßig seinen Sohn Luca – den algerischen Torwart – unterstützt, ein wichtiges Signal: Enge biographische und kulturelle Verflechtungen gehen offenbar über die Staatsgrenzen hinaus. Das war auch bei der Weltmeisterschaft 2022 in Qatar schon so. Damals reisten Hunderte algerischer Fans nach Doha, um Marokkos Team bei dessen historischem Halbfinale gegen Frankreich zu unterstützen. Während die ganze Welt von Marokkos Erfolgsserie bei der Weltmeisterschaft gefesselt war, ignorierte das algerische Staatsfernsehen das Ereignis damals weitgehend. Als die „Löwen vom Atlas“ in der Gruppenphase Belgien 2:0 besiegten, ließ ein Nachrichtensender das Spiel einfach in der Ergebnisliste für diesen Tag aus. Nachdem sie im Achtelfinale auch Spanien besiegt hatten, teilte man den Zuschauern mit, Spanien habe ein schwieriges Spiel gehabt und sei im Elfmeterschießen ausgeschieden – ohne jedoch zu erwähnen, gegen wen. Beim aktuellen Afrika-Cup haben beide Fanlager bisher gleichermaßen Grund zur Freude gehabt: Marokko steht bereits im Viertelfinale, das Algerien noch erreichen möchte. Überragend bei den „Wüstenfüchsen“ dabei bisher: Altstar Riyad Mahrez, der schon drei Treffer erzielte und dessen Wurzeln ebenfalls beide Länder verbinden – seine Mutter ist Marokkanerin. Für Fußballanhänger Mehdi Dahmani steht fest: „Wenn Algerien spielt, bin ich natürlich für mein Heimatland. Aber ich unterstütze auch Marokkos Team bei dessen Spielen. Das ist so eine Bruder-Sache.“ Allerdings – und das sieht auch Mehdi so – sind der Brüderlichkeit auch Grenzen gesetzt. Und zwar, wenn es zu einem direkten Duell mit dem Nachbarn kommt. Das wird unweigerlich geschehen, wenn die beiden Teams weiter erfolgreich ihren Weg durchs Turnier gehen. Der Turnierbaum will, dass beide im Halbfinale aufeinandertreffen, wenn Algerien jetzt zunächst Kongo und dann im Viertelfinale Nigeria besiegt. Marokkos Viertelfinalgegner steht mit Kamerun bereits fest. „Das Spiel würde ein riesiges Fußballfest“, ist sich Mehdi Dahmani sicher.