„Yesterday“ Es ist eine traumhafte Melodie, die fast jeder kennt, auch mehr als 60 Jahre nach ihrem Entstehen. Denn die melancholische Tonfolge zu dem mit bisher gut 3500 Versionen am häufigsten gecoverten Lied der Popgeschichte fiel dem damals 22 Jahre alten Paul McCartney im Schlaf ein. Im Londoner Haus seiner damaligen Freundin Jane Asher, einer schon als Jugendliche populären britischen Schauspielerin. Gut zwei Jahre, bevor sie zur Ballade „Yesterday“ gereift war, die Anfang August 1965 auf dem fünften Beatles-Album „Help“ veröffentlicht wurde und dann ihren Siegeszug um die Welt antrat. In nur etwas mehr als zwei Minuten entfalten McCartneys Stimme, Worte und Melodie eine Stimmung, die jede und jeder kennt, dessen Beziehung und Liebestraum schon einmal über Nacht zerplatzt ist. „Yesterday, all my troubles seemed so far away. Now it looks as though they're here to stay. Oh, I believe in yesterday“. Denn gestern war die Welt noch in Ordnung, war die Liebe leicht und spielerisch. Doch einen Tag später ist nichts mehr, wie es war. Ein falsches Wort, und all die Probleme, die weit weg waren, bleiben nun als treue Begleiter. Das lyrische Ich fragt sich ratlos, aber auch von Selbstvorwürfen geplagt: „Why she had to go? I don't know, she wouldn't say. I said something wrong, now I long for yesterday.“ Es ist die Sehnsucht nach der glücklichen Vergangenheit, die sich in Tagträumen über die verflossene Liebe verliert. Fun fact: Als Arbeitstitel sang McCartney zunächst statt „Yesterday“ die Nonsens-Zeile „Scrambled eggs, oh my baby, how I love your legs.“ Erst auf einer Autofahrt im Pärchenurlaub in Portugal wurde aus den Rühreiern ein romantisch seufzendes Yesterday. Den Einfall, „Yesterday“ nicht als klassische Popballade nur mit Akustikgitarre oder gar mit schmalzigen Streicherchören aufzunehmen, hatte der für seine ungewöhnlichen Arrangements bekannte Musikproduzent George Martin. Er setzte sich bei McCartney mit seinem Vorschlag durch, das Lied instrumental neben McCartneys Gitarre durch Cello, Violine und Viola begleiten zu lassen. Es klang wie ein Stück Kammermusik, was die Trauer im Text noch unterstreicht. Ob „Yesterday“ aber tatsächlich ein Lied über die Trauer um eine verlorene romantische Liebe ist, stellte McCartney vor zwei Jahren in einem Podcast in Frage. Schon in seinem „Lyrics“-Buch berichtete er davon, dass er in „Yesterday“ womöglich unbewusst den frühen Krebstod seiner Mutter Mary verarbeitet hat, die er verlor, als er 14 Jahre alt war. „Ich nehme an, das könnte so sein. Es passt schon irgendwie, wenn man sich den Text anschaut.“ „50 ways to leave your lover“ Wie man humorvoll und heiter eine Scheidung verarbeitet und damit auch noch einen Nummer-eins-Hit in den Vereinigten Staaten landet, hat Paul Simon vor gut 50 Jahren vorgemacht. Mit seinem Lied „50 Ways To Leave Your Lover“. Fünf Jahre nachdem er und Art Garfunkel getrennte künstlerische Wege gegangen waren, zerbrach 1975 auch Simons Ehe mit seiner ersten Frau Peggy Harper. Wie Simon später erzählte, wachte er an einem Frühlingsmorgen in seiner New Yorker Wohnung auf und erinnerte sich an die Worte aus seinem Traum: „The problem is all inside your head.“ Die ersten Worte seines Lieds, in dem eine gute Freundin oder Geliebte (man weiß es nicht genau) ihm hilft in seinem Kampf, wieder frei zu sein. Die Antwort sei einfach, sagt sie, logisch betrachtet: „There must be 50 ways to leave your lover.“ Am Ende sind es zwar nur fünf Arten des Schlussmachens in dem Lied, aber die reimen sich wunderbar: „You slip out the back, Jack. Make a new plan, Stan. You don't need to be coy, Roy. Just get yourself free. Hop on the bus, Gus. You don't need to discuss much. Just drop off the key, Lee. And get yourself free.“ Dann küsst sie ihn, um die Nacht gemeinsam zu verbringen, damit er am Morgen wieder Licht am Ende des Tunnels sieht. Ihm wird klar: Sie hat recht, „there must be 50 ways to leave your lover“. Und das ist der beste von ihnen. Das Beste aus dem Song holt auch Miley Cyrus in ihrer Live-Version raus. Umwerfend. „Flugzeuge im Bauch“ Wer Liebeskummer hat, hat keine Schmetterlinge im Bauch, sondern Flugzeuge. Jedenfalls bei Herbert Grönemeyer. Dessen Lied „Flugzeuge im Bauch“ ist der Aufschrei eines Gequälten, der freigelassen und erlöst werden will aus einer zerstörerischen – heute würde man sagen toxischen – Beziehung. Erschienen 1984 auf dem Album „4630 Bochum„, das für den bis dahin eher als Schauspieler bekannten Grönemeyer („Das Boot“) der Durchbruch war auf seinem Weg zum erfolgreichsten deutschen Rockmusiker, Sänger und Liedermacher. Zum Millionenhit für ein jüngeres Publikum wurde „Flugzeuge im Bauch“ 1998 jedoch erst in der weichgespülten Version des Teenie-Idols Oli P. Es ist ein ziemlich böser Text über das Verhalten der Geliebten, den Grönemeyer in seinem schon oft parodierten, zerhackten, gepressten Gesangsstil herausstößt. „Streichelst mich mechanisch, völlig steril. Eiskalte Hand, mir graut vor dir.“ Und es klingt weiter im Lied wie die Beschreibung einer grausamen seelischen Folter, den diese gefühlskalte Frau dem leidenden Sänger zufügt. „Brauch' niemand, der mich quält. Niemand, der mich zerdrückt. Niemand, der mich benutzt, wann er will. Niemand, der mit mir redet aus Pflichtgefühl. Der nur seine Eitelkeit, seine verdammte Eitelkeit an mir stillt.“ Der wiederkehrende Appell an den weiblichen Quälgeist, dem Grönemeyer – warum auch immer – in fast masochistischer Weise zu verfallen scheint, hat das Lied zum populären Liedgut gemacht, das Zehntausende Fans in deutschen Stadien inbrünstig mitgeschmettert haben und noch immer mitschmettern. „Du brauchst meine Liebe nicht. Gib mir mein Herz zurück. Bevor es auseinanderbricht. Je eher, je eher du gehst, umso leichter, umso leichter wird's für mich.“ Die leisere Version, die mit Chören unterlegt ist, hat Grönemeyer im vergangenen Jahr auf seinem „Unplugged 2“-Album „Von allem anders“ neu aufgenommen. Noch trauriger als das Original. Aber so schön. „Ne me quitte pas“ Es ist ein Lied, das einem das Herz zerreißt. Besonders, wenn der Liebeskummer über das Ende einer Beziehung Tag und Nacht quält. Das zunächst fast flüsternde Flehen eines oder einer Verlassenen, dass der geliebte Mensch – Mann oder Frau – bleiben möge. „Ne me quitte pas“ („Verlass mich nicht“) ist das wohl bekannteste Lied – oder in diesem Fall: das bekannteste Chanson – über die Verzweiflung, aber auch die illusionäre Hoffnung, dass die angekündigte Trennung eines einstigen Liebespaars doch noch aufzuhalten ist. Mit einem Lied und poetischen Versprechungen eines Himmels auf Erden, der nie kommen wird. Geschrieben, komponiert und auch am dramatischsten vorgetragen hat es Jacques Brel. Der belgische Chansonnier und Schauspieler, der 1978 gestorben ist, stieg damit Ende der Fünfzigerjahre zu einem der erfolgreichsten Künstler in Frankreich auf. In der englischen Fassung „If You Go Away“, gesungen und übersetzt von dem amerikanischen Sänger und Liedermacher Rod McCuen, wurde es seit 1974 auch außerhalb Frankreichs zu einem Welthit, der von vielen weiteren Interpreten gecovert wurde. Im Englischen etwa mit einer spürbar weicheren, melancholischen Note in der Version der britischen Sängerin Dusty Springfield (1967). Auch die große Marlene Dietrich nahm es, natürlich mit kühlerem Timbre, in der deutschen Fassung „Bitte geh' nicht fort“ in ihr Repertoire auf. Eine berührend zarte aktuelle Version des französischen Originals gibt es von der Schweizerin Sophie Hunger. Aber besser erst nach dem Valentinstag anhören. „All too well“ Diesen bittersüßen Heartbreak-Song zusammen mit ihrem Idol über alle sechs Strophen, Zeile für Zeile und zehn Minuten lang live im Stadion mitzusingen ist der Höhepunkt im Leben eines Swifties. Denn für viele Fans von Taylor Swift, aber auch im Urteil von Popmusik-Kritikern ist „All Too Well“ ihr bestes und literarisch wertvollstes Lied. Die 36 Jahre alte Sängerin selbst nannte „‚All Too Well‘ in the ten minute version“ jüngst in der Late-Night-Show von Stephen Colbert ihren Liebling unter den bisher 274 Liedern ihrer Karriere. 2021 nahm die derzeit erfolgreichste Popkünstlerin der Welt die Langfassung des schon neun Jahre früher entstandenen Lieds auf. Darin verarbeitet die damals 21 Jahre alte Swift eine kurze, aber intensive Beziehung mit einem gut zehn Jahre älteren Mann, die nicht im Guten endet. Da Swift nachgesagt wird, den Zorn und die Enttäuschung über das Verhalten ihrer meist prominenten Verflossenen aus dem Musik- und Filmgeschäft in ihren Liedern zu thematisieren, wurde von ihren Fans und der amerikanischen Klatschpresse rasch der Ex identifiziert, der in „All Too Well“ Swifts Herz brach. Es ist der damals schon berühmte Hollywood-Star Jake Gyllenhaal („Brokeback Mountain“), mit dem sie von Herbst 2010 bis März 2011 liiert war. Im Stil einer Kurzgeschichte und mit ins Herz treffenden poetischen Metaphern erzählt Swift die traurige, aber zu Beginn wundervoll romantische Geschichte einer ungleichen Liebe, deren Ende sie noch nach Jahren beschäftigt und belastet („It was rare, I was there, I remember it all too well“). Zu Beginn schwärmt die Sängerin vom Zauber des Anfangs, erzählt von gemeinsamen Autofahrten, auf denen beide laut singen und er sie anschmachtet. Vom nächtlichen Tanzen in der Küche im Licht des Kühlschranks. Von einem Mann, der die unerfahrene junge Frau naiverweise glauben lässt, dass er sie liebe. Aber er spricht es nie aus, sondern gibt es nur vor: „You kept me like a secret but I kept you like an oath.“ Um dann mit dem Hinweis auf den großen Altersunterschied fast beiläufig und herzlos Schluss zu machen mit ihr: „And you call me up again. Just to break me like a promise. So casually cruel in the name of being honest.“ Danach fühlt sie sich wie ein zusammengeknülltes und weggeworfenes Stück Papier. Eine besondere Rolle im Swiftie-Kosmos spielt ein Schal, den sie zu Beginn der im Lied geschilderten Romanze im Haus seiner Schwester vergessen und den er als Erinnerung an sie offenbar behalten hat: „But you keep my old scarf from that very first week. 'Cause it reminds you of innocence, and it smells like me. You can't get rid of it 'cause you remember it all too well.“ Seit Jahren fordern ihre Fans deshalb Gyllenhaal in sozialen Medien auf, den Schal an Swift zurückzuschicken. Ein Lied über unglückliche Liebe, das ähnlich wahrhaftig klingt und die Herzen berührt, werden ihre Fans hoffentlich nicht mehr von Taylor Swift zu hören bekommen. Mit dem Football-Star Travis Kelce hat sie vor zwei Jahren nach Gyllenhaal, John Mayer und Joe Alwyn offenbar die Liebe ihres Lebens gefunden. Das dürfte 2026 die Hochzeit des Jahres geben. Der neue Höhepunkt im Leben eines Swifties.
