FAZ 02.01.2026
14:25 Uhr

Trennung an Neujahr: Das steckt hinter dem Trainer-Beben beim FC Chelsea


Das Spitzenteam FC Chelsea trennt sich von Trainer Enzo Maresca. Der hat zuletzt emsig daran gearbeitet, seinen Rückhalt im Klub Stein um Stein abzutragen. Doch der Ursprung des Ärgers reicht tiefer.

Trennung an Neujahr: Das steckt hinter dem Trainer-Beben beim FC Chelsea

Entlassen am 1. Januar: In den meisten anderen Branchen wäre das ein Verstoß gegen die geschäftliche Etikette. Aber der Profifußball ist kein normales Geschäft, schon gar nicht in der englischen Premier League. Und so hielt sich die öffentliche Entrüstung auch weitgehend in Grenzen, als am Donnerstag bekannt wurde, dass der FC Chelsea die Zusammenarbeit mit Trainer Enzo Maresca beendet hat. Selbst dem Italiener wird die Nachricht über seine ­Entlassung den Neujahrstag nicht nennenswert verhagelt haben. Immerhin hat er in den vergangenen Wochen emsig daran gearbeitet, seinen Rückhalt im Vorstand Stein um Stein abzutragen. Zur Einordnung: Eigentlich läuft es bei Chelsea gar nicht so schlecht. In der Tabelle stehen die Londoner auf dem fünften Platz, in der Champions League haben sie noch Ende November den FC Barcelona 3:0 vorgeführt. Im Dezember ließen Leistungen und Ergebnisse dann zwar zu wünschen übrig, was aber wohl kaum den Ausschlag für Marescas Rauswurf gegeben hat. Schließlich hat er in der vergangenen Saison, seiner ersten als Chelsea-Trainer, auf Anhieb die UEFA-Conference-League und die FIFA-Klub-Weltmeisterschaft gewonnen. Beide Titel sind nicht übermäßig prestigeträchtig und auch nicht genug für einen Verein mit gehobenen Ansprüchen, aber darauf ließ sich aufbauen. „We wish Enzo well for the future“ Jetzt aber ist das Projekt abrupt beendet worden – in beiderseitigem Einvernehmen, wie es heißt. Allerdings wird auch berichtet, dass Chelsea den Trainerwechsel lieber in Ruhe nach der laufenden Saison vollzogen hätte, wogegen Maresca seinen Abschied de facto erzwungen haben soll. Entsprechend kühl liest sich die nicht namentlich unterzeichnete Klubmitteilung, worin es heißt, eine Veränderung gebe dem Team die beste Chance, die Saison wieder auf Kurs zu bringen. Zum Schluss steht darin nur „We wish Enzo well for the future“, was für englische Verhältnisse betont schmallippig ist. Alles Gute? Wenn es sein muss. Viel Erfolg? Lieber nicht. Das hat mutmaßlich auch damit zu tun, dass Maresca als möglicher Nachfolger von Pep Guardiola gehandelt wird, sollte der nach der Saison beim Ligarivalen Manchester City aufhören. Kontakt hat es offenbar schon gegeben. Gemutmaßt wird nun, dass Maresca dieses Interesse genutzt haben könnte, um bei Chelsea ein höheres Gehalt zu verhandeln. Doch das Zerwürfnis mit dem Klubvorstand geht tiefer. „Die letzten 48 Stunden“, sagte Maresca nach dem Sieg gegen den FC Everton Mitte Dezember, „waren die schwierigsten, seit ich dem Verein beigetreten bin, weil so viele Menschen mich und das Team nicht unterstützt haben.“ Details, Namen etwa, nannte er nicht. Nach dem Unentschieden gegen den AFC Bournemouth am vergangenen Dienstag schwänzte er die Pressekonferenz dann vollständig. Es wird angenommen, dass Maresca mit seinen Aussagen und Handlungen vor allem gegen die Sportdirektoren Paul Winstanley und Laurence Stewart sowie den einflussreichen amerikanischen Miteigentümer Behdad Eghbali rebellierte. Das Problem war laut Beobachtern weniger die strategische Ausrichtung des Klubs oder das Handeln auf dem Transfermarkt, sondern die andauernde Einflussnahme des Trios auf Marescas Aufstellungen. Demnach forderten sie vom Trainer mehr Rotation, um insbesondere verletzungsanfällige Spieler zu schützen, wodurch der sich in seinem taktischen Handlungsspielraum eingeschränkt fühlte – zumal er es war, der bei Misserfolg dafür geradestehen musste. „Das ist kein Verein, bei dem der Trainer das Sagen hat“, analysierte der britische „Guardian“. An diese Hackordnung habe sich Maresca gehalten, bis es ihm gelegen kam, das Gegenteil zu tun. An diesem Sonntagabend ist Chelsea ausgerechnet bei Manchester City zu Gast. U-21-Trainer Calum McFarlane wird dann auf der Bank Platz nehmen. Und wie immer, wenn ein Trainerposten frei wird, wird längst über Marescas Nachfolge spekuliert. Als heißester Kandidat gilt Liam Rosenior, der bei Racing Straßburg in der französischen Ligue 1 arbeitet. Der Vorteil: Straßburg gehört wie Chelsea zur Beteiligungsgesellschaft BlueCo, mit Widerstand der Franzosen ist also nicht im allergrößten Maße zu rechnen.