Ein beliebtes Spiel bei Babypartys geht so: Jede Teilnehmerin bringt ein Baby- oder Kleinkindfoto von sich selbst mit. Die werdende Mutter muss raten, welches Foto zu welcher Freundin gehört. Zwischen Windeltorten und Blindverkostung von Babybrei mag das die Vorfreude steigern. Die Bilder erwachsener Menschen im Kleinkindalter hätten allerdings gerne im Kosmos dieser Babypartys bleiben können. Sind sie leider nicht. Sie wabern seit einigen Tagen bei Instagram umher. Medien, etwa „Die Zeit“, und Institutionen, darunter das Bundesumweltministerium, posten auf ihren Accounts unter dem Motto „Wie wir früher aussahen und was wir heute machen“ Kinderfotos ihrer Mitarbeiter. Zum Beispiel: „Er ist Bundesumweltminister“, dazu ein Foto von Carsten Schneider (SPD) als Teenager mit Nick-Carter-als-Teenager-Frisur. Oder: „Er kümmert sich um Munitionslasten in Nord- und Ostsee“, dazu das Foto eines kleinen Jungen mit Stoffhäschen im Arm. Die Polizei Hamburg verwies auf ihrem Account auf das Störgefühl, das man beim Scrollen durch solche Kinderbildgalerien bekommen kann. Sie warnte davor, dass Kinderfotos im Netz missbräuchlich verwendet werden. Dass wir als Erwachsene entscheiden, welche Fotos wir posten – aber dass Kinder das nicht können. Dazu stellte die Polizei Hamburg dann – eigene Kinderfotos des Teams. Ein Junge im Unterhemd, darüber der leicht vergilbte Farbstich einer Aufnahme circa anno 1982 („Tut so, als wäre er der Chef, und ist mittlerweile auch ziemlich berühmt“). Ein Mädchen am Steuer eines Autos („Macht die bunten Bildchen und ist Meme- sowie GIF-Verantwortliche“). Sicher, auch der Kreissparkasse Schweinfurt, ebenfalls beim Trend dabei, ist Sichtbarkeit im Netz zu wünschen. Das ist ja das Ziel solcher Aktionen. So auch zu Beginn des Jahres: Da posteten User Fotos aus dem Jahr 2016. Warum 2016, war bis zum Ende nicht ganz klar. War es Nostalgie? War 2016 so toll? War der Trend vielleicht von Anfang an Unsinn? Immerhin, zu sehen waren selten Kinderfotos. Jetzt aber nutzen Organisationen, zum Teil staatliche, Fotos ihrer Mitarbeiter als stur dreinblickende Dreijährige, um mit ihren Followern zu connecten. Der Trend bildet nicht mehr als die süße Nase von damals Hieß es nicht eben noch, Kinder und Jugendliche hätten auf Social Media nichts zu suchen? Stand nicht gar ein Verbot im Raum? Dass Minderjährige in sozialen Netzwerken besser geschützt gehören, darüber herrschte Konsens. Wenige Wochen später sehen wir: Bilder von Minderjährigen auf Instagram. Und selbst wenn Teenager eh meist auf Snapchat und Tiktok unterwegs sind und diese Instagram-Selbstdarstellung in Reinform leider verpassen, bildet der Trend nicht mehr aus dem Leben ab als die süße Nase von damals und den tollen Beruf von heute. Schön, dass echte Dreijährige noch nicht so hoch spezialisierte Vorstellungen vom eigenen Dasein auf Erden haben wie „den Biss für wichtige Kreditanalysen“ oder „das Aushandeln knallharter internationaler Plastikabkommen“. In einem Freundebuch, das meine Kinder mit anderen hin- und hertauschen, las ich neulich folgende Antwort auf die in solchen Alben übliche Frage, was das Kind mal werden wolle: „Glücklich“. Gut so.
