FAZ 23.11.2025
11:52 Uhr

Trekking in Patagonien: Gib mir ein W!


Der W-Trek in Patagonien führt zu den spektakulären Felstürmen Torres del Paine. Ihr Anblick sollte jedoch nicht über die Anforderung der Drei-Tages-Tour hinwegtäuschen.

Trekking in Patagonien: Gib mir ein W!

Wenn Guillermo Andrés einen Berg besteigen möchte, dann schaut er ins Internet. Wieder und wieder. Denn Andrés braucht fünf Tage stabiles Wetter für eine Bergtour, und das ist in Patagonien so selten wie eine Fahne, die nicht komplett zerrupft am Mast hängt. Stürmische Tage mit Starkregen sind hingegen häufig. Vor zwei Jahren wurde sein Warten belohnt, er fand ein Wetterfenster und packte mit einem Freund die gigantischen Rucksäcke voll: Steigeisen, Eisäxte, Kletterzeug, Steigfelle, Zelt, Schlafsäcke, Kocher, Essen, dazu Ski und Snowboard. Sie zogen los auf das Südliche Patagonische Eisfeld, das gemeinsam mit der Antarktis und Grönland die größten Eisfelder und Trinkwasserreserven der Welt bildet. Nach zwei Tagen erreichten sie den Cerro Quijote, einen Nunatak, einen Berg also, der aus dem Gletscher herausragt. Nach einigen Kletterseillängen zogen sie die Steigeisen an, weiter ging es über Fels und Eis, schließlich standen sie oben. Es war die zweite Besteigung des Quijote – nach der ersten vor 50 Jahren. So harsch geht es auf dem W-Trek im chilenischen Nationalpark Torres del Paine nicht zu, den Guillermo als Guide begleitet. Im Gegenteil, für patagonische Verhältnisse sogar recht zahm. Denn auf dem viertägigen Fernwanderweg gibt es Hütten und Campingplätze mit Duschen – eine Ausnahme in dieser Weltgegend. Einen Einblick in die patagonische Bergwelt bekommt man dennoch. Die Wanderroute bildet ein W, sie führt am bläulichen Lago Nordenskjöld entlang und von dort aus in drei verschiedene Täler. Man schaut sich die Aussicht an, kehrt um, dann geht es weiter, zum nächsten Tal. Das ist, abgesehen vom ersten Tag, nur mäßig fordernd, zumal man jedes Mal den gleichen Weg zurückgeht und entscheiden kann, wie weit und hoch man wandert. Etwa 20-mal in der Saison begleitet Guillermo diese Tour, zu langweilen scheint sie ihn nie. Hinter dem Besucherzentrum stapft die Truppe los. Die Rucksäcke sind leicht, denn Träger begleiten uns. Jeder konnte ihnen fünf Kilo Gepäck aufbürden, aber zweieinhalb Kilo wiegt allein der dicke Schlafsack. Penibel wurden die Packsäcke mit einer Handwaage vermessen, wer mehr hineingestopft hat, muss zahlen. So wie die Koreanerin, die nur mit einem Minirucksack wandert, für ihren umfangreichen Wasch- und Schminkbeutel zahle sie gerne mehr. Später werden die Träger uns im Laufschritt überholen, auf ihrem Rücken hoch aufgetürmt die schwarzen Säcke. Der Nationalpark Torres del Paine, gegründet 1959, liegt in der klangvollen Región de Magallanes y de la Antártica Chilena und dort in der Provinz Última Esperanza. Als „letzte Hoffnung“ bezeichnete 1557 ein Seefahrer eine Bucht, in die er auf seinem Weg nach Osten um Südamerika herum einfuhr, um den Zugang zur Magellanstraße zu finden. Jedoch vergeblich, er kehrte um. Viele sind zum ersten Mal in so einem Gelände unterwegs Der Wanderweg führt über eine wackelige Hängebrücke, durch struppigen Wald. „Lenga-Bäume“, erklärt Guillermo. Ein Nothofagus-Wald also, flapsig übersetzt „keine Buchen“, sondern Scheinbuchen. Sie sind teilweise winterhart, im tiefen Süden verbreitet, widerständig und mit dicken, robusten Blättern. „Flammenbaum“, sagt er eine Kurve weiter, ein Strauch mit leuchtend roten Blüten. Botanik ist nicht so sein Feld, wir verstehen. Der Weg steigt an und wird zum Pfad. Auf dem reihen sich nun alle hintereinander ein. Wir sind viele. Denn die Tour zu den Torres del Paine ist der bekannteste Abschnitt und wird auch als Tagestour begangen, der Ausgangspunkt ist mit dem Bus von Puerto Natales aus zu erreichen. Am Schluss bewegt sich eine Schlange an Menschen eine Stunde auf der Gletschermoräne hinauf. Ganz offensichtlich sind viele zum ersten Mal in so einem Gelände, quälen sich über die Felsbrocken. Ob Torres del Paine von Pein herrühre? Guillermo hat den Scherz oft gehört. Nein, es sei das Wort für Himmelblau in der Sprache der indigenen Tehuelche. Azurblau zeigt sich auch der Himmel an diesem Tag. Nur der Wind frischt immer mehr auf, „patagonische Brise“, sagt der Guide. Über die Kuppe der Moräne hinweg öffnet sich eine felsige Arena, darin ein türkiser See, ein Spektakel an Bergwelt, die knapp 3000 Meter hohen Torres del Paine, drei Felstürme aus hellem Granit, optisch den Drei Zinnen ähnlich. Atemlos steht man da, nicht wegen der Höhe, wir sind nur auf etwa 900 Metern, sondern wegen des phantastischen Anblicks. Im Getümmel am See fotografieren alle sich und alles. Am Ende der Pause nimmt uns Guillermo mit zu einem Felsblock am Ufer, da sollen wir uns einzeln fotografieren. Das häufige Führen zahlt sich aus: Er kennt die besten Insta-Spots. Einmal reicht er eine große Versteinerung herum. Und versteckt sie danach wieder beim Pausenplatz. Das Wetter sollte man immer im Blick haben Wir gehen den ersten Teil des „W“ zurück, und Guillermo rattert die Alpingeschichte herunter. Nun ist er in seinem Element. Den Paine Grande bewältigte 1957 eine italienische Expedition erstmals – also fast hundert Jahre nach den Drei Zinnen. Bekannter sei hier aber eine andere Zahl: Im Jahr 2024 stand eine chilenische Seilschaft oben – es war erst die sechste Besteigung überhaupt. „Das Wetter“, sagt Guillermo, und fängt eine Basecap auf, die eben einem Mann vom Kopf gesegelt war. Wir sind nun unterhalb der Moräne angekommen. Dort stehen Ranger und diskutieren mit Wanderern. Nein, sie könnten nun nicht mehr aufsteigen, ein Schild hängt da auch: Ab 15 Uhr gesperrt. Unterschätzen sollte man die wilde Natur Patagoniens auf keinen Fall: Erst vor ein paar Tagen hat sich im Nationalpark eine Tragödie ereignet. Eine Reisegruppe geriet in einen Schneesturm und verirrte sich. Fünf Wanderer starben, darunter auch zwei Deutsche. Ein Blick zurück. Wie heißt denn der Berg neben den drei Türmen? Guillermo wacht wieder auf, „Almirante Nieto, 2680 Meter! Siehst du das Couloir mit dem Restschnee, rechts vom Gipfel?“ Er kramt sein Handy hervor, zeigt ein Video. Ein Typ fährt mit dem Snowboard diese irrsinnssteile Rinne hinunter. Er grinst und sagt: „Vor mir hat das noch niemand gemacht.“ Weiter geht es am See entlang, zur Rechten ragen massige, seltsam zweifarbige Berge empor, die Cuernos del Paine. Guillermo zeigt auf das herumliegende Gestein, er spricht über Sedimentgestein und Konglomerate, es klingt wie eine Liebeserklärung an seine patagonischen Berge. Zu seiner großen Freude gehört zur Wandergruppe eine Geologin, sie kann die richtigen Fragen stellen. Etwa warum die Cuernos helle Berge mit einer dunklen Kappe sind. Guillermos Augen leuchten. „So sahen die Torres auch einmal aus, das schwarze Konglomerat ist die weichere Schicht, darunter der helle harte Granit.“ Nur sei auf den Hörnern das Schwarze noch nicht erodiert wie bei den Türmen. Deshalb sehen sie so außergewöhnlich aus. „Ich finde, der Nationalpark müsste nach ihnen heißen, Parque Nacional Cuernos del Paine.“ Den schönsten Blick auf die Cuernos bietet am vorletzten Tag eine Rast am Lago Skottsberg, benannt nach einem schwedischen Antarktisforscher. Am Abend klettern wir mal in Trekkingzelte, mal in hoch aufgebockte Zelte, die ganze Nacht rüttelt der Sturm daran, als wollte er sie zu Boden werfen. Es ist ein bisschen gruselig, aber auch heimelig. Ein patagonisches Trekkinggefühl. Es geht aber auch gemütlicher – oder rauer. Da sind die fünf Deutschen, die mit großen Rucksäcken ankommen, sie haben eigene Zelte, Isomatten und Schlafsäcke dabei – und dazu noch das Essen für alle Tage. Während drinnen dreigängig serviert und dazu Cerveza Austral getrunken wird, simmert auf ihren Campingkochern Pasta. Unsere Variante, mit festen Zelten und Trägern, ist die mittlere Version, luxuriös kann man es im Hotel Las Torres buchen, das steht im Nationalpark, gleich beim Centro de Visitantes. Das Hotel war einstmals eine Rinderfarm und bildet nun ein Privatreservat im Nationalpark. Die Rinder sind verkauft, 200 Pferde grasen in der Umgebung, mit ihnen können Ausritte gebucht werden, aber sie versorgen auch die Hütten im Park mit Lebensmitteln und bringen den Müll weg. Die meisten Hütten sowie das Besucherzentrum gehören dem Hotel. In der Luxusvariante schläft man drei Nächte dort und schlemmt Guanako-Eintopf, dazu vielleicht den Cocktail „Paine-Bergführer“ mit Rum, Minze und chilenischem Schaumwein. Weiter geht es zum Refugio Cuernos – dort lässt man sich mit dem Schiff abholen, um wieder im Hotel zu schlafen. Am letzten Tag gibt es eine lange Busfahrt und eine weitere Schiffstour zum letzten Stopp, von dem aus wandert man den dritten Fuß des W hinein und schläft danach im Camp in Zimmern. „Die Leute sind we­niger fit als früher“ Die Tagestour zu den Torres del Paine sei populär und ohne große Vorkenntnisse zu bewältigen, sagt Héctor Parra, 34, als Parkranger vom Hotel angestellt, der mit seiner Kollegin Natali Espinoza zu Pferde einen Wegabschnitt kontrolliert. Aber das schaffe Probleme. „Die Leute sind we­niger fit als früher“, sagt er. „Alle wollen nach Patagonien und trekken, aber sie ­bereiten sich nicht vor.“ Manche starteten zu den Torres del Paine ohne Wasser und ohne Essen, immerhin eine Tour mit 20 Kilometern und gut 800 Höhenmetern. „Neulich hat eine Frau ein Baby auf dem Arm getragen, wie für einen Spaziergang im Park.“ Am Wandern hindern dürften sie niemanden, „das wäre Diskriminierung. Wir geben Ratschläge.“ Die „Bucketlists“ seien daran schuld. Am schlechtesten vorbereitet seien aber die Chilenen. „Erst gestern habe ich eine Zehnjährige huckepack herausgetragen. Die war völlig erschöpft.“ Rigoros gehen sie gegen Wildcamper vor, „die werden rausgeworfen“. Nicht alle Gäste seien einsichtig. „Deswegen tragen wir nun Bodycams – im Nationalpark“, absurd sei das schon. Nie Probleme hätten sie hingegen mit denjenigen, die den O-Trek angehen, die siebentägige Umrundung des ganzen Massivs, „die wissen, was sie tun“. Schließlich kann man bei so einem Rundkurs auch nicht einfach umdrehen. So wie einige von uns in der Mitte des W-Treks: Im Valle Francés lässt man den kleinen Rucksack unten beim Camp Italiano, zieht nur mit Jacke und Wasserflasche ins Tal hinein. Bis, ja bis wohin? Bis zum Mirador Francés am Fuß der „Hörner“? Oder doch nur bis zur ersten Aussicht auf See, Gipfel, Gletscher? Am letzten Wandertag steigert sich die patagonische Brise zum Sturm. Am Fahnenmast vor dem Grey Camp flattert der Rest der zerrupften Flagge Magallanes: unten gelb wie das Gras der Steppe, eine weiß gezackte Linie für die Berge, darüber das Blau des Himmels, der Gletscher und der Seen und darin fünf Sterne, das Kreuz des Südens. Sorgenvoll hatte Guillermo am Abend die Wettervorschau betrachtet. Windgeschwindigkeit bis zu 140 km/h. Gut, dass wir mit Trekkingstöcken wandern. Bei jeder Böe bleiben wir stehen, krallen uns fest, die Leichteren werden durchaus mal vom Weg gehoben. Vom ersten Aussichtspunkt aus zeigt sich ein grandioses Bild, der Grey-Gletscher, dahinter das endlose patagonische Eisschild und dazu ein See, in dem ein einsamer blauer Eisberg treibt. Am Ende bringt uns ein Katamaran über den Lago Pehoé zurück zur Straße. Er düst über das kalt-türkisfarben leuchtende Wasser, noch einmal sehen wir die Berge, die eigenartig zweifarbigen Cuernos, die Gipfel dahinter in dieser unzähmbaren Landschaft. Wäre er nun gern irgendwo dort oben, im Sonnenschein? ­Guillermo lacht nur, „sicher nicht!“. Der Wind sei hier unten schon kräftig, „dort oben würde dich der Sturm aus der Wand blasen. In dieser ganzen Berglandschaft ist jetzt niemand, nicht auf den Bergen, nicht auf dem Eisfeld. So ist Patagonien.“