FAZ 03.02.2026
21:02 Uhr

Trebisonda Valla: Eine Pionierin, die dem Faschismus dient


Trebisonda Valla widersetzt sich dem Frauenbild des Papstes und überwindet Hürden nicht nur im Stadion. Als erste italienische Olympiasiegerin schwärmt sie dennoch lebenslang von Diktator Mussolini.

Trebisonda Valla: Eine Pionierin, die dem Faschismus dient

Sie war in einer Hinsicht schon vor dem Vorlauf am Ziel: Sie durfte zum Wettkampf antreten. Trebisonda Valla reiste im Sommer 1936 aus Bologna nach Berlin, zu den Olympischen Spielen. Dies bedeutete: Die junge Frau hatte sich gegen jenen weltanschaulichen Widerstand durchgesetzt, der sie im faschistischen Italien seit jeher begleitete. Trebisonda Valla war 20 Jahre jung, als sie das Berliner Olympiastadion eroberte – und die Herzen in ihrer Heimat. Der 80-Meter-Hürdensprint war ihre Paradedisziplin, in ihr ging sie in die Sportgeschichte ein. Valla gewann am 6. August 1936 als erste Italienerin olympisches Gold. Sie verwirklichte in 11,7 Sekunden einen Traum, vollendete einen Weg, der zuvor versperrt gewesen war. Leni Riefenstahl verewigte es: Die Starregisseurin der Nazis drehte bei Hitlers Spielen den Propagandafilm „Olympia“. Vallas Sieg wurde im ersten Teil gezeigt. „Ondina“, die „kleine Welle“ Die Geschichte der Weltklasseathletin ist außerhalb ihrer Heimat weithin unbekannt. Sie verdient jedoch Aufmerksamkeit: Trebisonda Valla war eine entschlossene Pionierin der Emanzipation – und eine treue Parteigängerin des Faschismus. Trebisonda Valla wurde 1916 in Bolo­gna geboren, als Tochter eines Schmieds und einer Hausfrau. Sie war das jüngste von fünf Kindern, das einzige Mädchen und ein Bewegungswunder. Sie eiferte früh ihren Brüdern nach, die im Hochsprung begabt waren. Bald bestritt sie zudem Wettkämpfe im Weitsprung, Kugelstoßen, Sprint und vor allem im Hürdenlauf. Ihre Trainerin Marina Zanetti und die Presse ersannen 1930 ihren Spitznamen: „Ondina“, „kleine Welle“, Resultat ihres eleganten Laufstils. Valla hielt bereits die nationalen Rekorde im 80-Meter-Hürdensprint und im Hochsprung. „Ich hatte schon mit 14 Jahren den Kampfgeist im Blut“, erinnerte sie sich. Der Papst lehnt Frauensport ab Der Traum von Olympia blieb ihr dennoch verwehrt – vorerst. Ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles wurde untersagt. Athletinnen waren ein Politikum. Die „Frauenfrage“ im Sport wurde von Männern beantwortet. In Italien von den mächtigsten Männern des Landes: Benito Mussolini und Papst Pius XI. Frauen, die regelmäßig trainierten, (allein) zu Wettkämpfen reisten und knapp bekleidet auf der Aschenbahn schwitzten, zeigten Ehrgeiz. Sie entsprachen aber nicht den Idealen des faschistischen Staates und der römisch-katholischen Kirche. Die Frau sollte sich der Heirat, der Mutterschaft, dem Haushalt verpflichten – und dem Mann. Pius XI. hatte 1928 die nationalen Meisterschaften der Frauen in der Leichtathletik und im Turnen kritisiert. Der Körper sei „das edle Instrument der Seele“, so der Papst. Die Pflege seiner Gesundheit dürfe keine Eitelkeit erregen. „Zurückhaltung und Selbstbeherrschung junger Frauen, die zugleich Schmuck und Garant der Tugend sind“, dürften nicht beeinträchtigt werden. Der Geistliche lehnte Sport von Frauen weiterhin ab, ebenso wie Mussolini es tat. Der Grund der 1932 für Valla ausgefallenen Reise in die USA wurde unterschiedlich geschildert. Sie selbst verwies auf päpstlichen Protest gegen Frauen bei Olympia. Pius XI. sei entscheidend dafür gewesen, dass sie und andere Sportlerinnen in der Heimat blieben. „Ich wäre die einzige Frau im Leichtathletikteam gewesen, und deshalb wurde mir mitgeteilt, dass ich Probleme auf einem Schiff voller Männer verursacht hätte – und dass es nicht hinnehmbar gewesen wäre, eine Frau unbekleidet im Ausland laufen zu sehen“, sagte sie später. Die Literatur weist aber auch auf ihr jugendliches Alter hin. Und auf Leandro Arpinati, Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees, der Valla den Weg in die USA verweigert haben soll: Olympia wäre für den werdenden Star zu früh gekommen. Ein Urteil mit Gewicht: Arpinati war seit 1929 Staatssekretär des Ministeriums für Inneres in Rom. Den „Führer“ findet sie „klein, hässlich, lächerlich“ Männer, die sie unterstützten, hatte Valla in der Familie. Talentförderer waren ihr Vater und ihre Brüder. Die Mutter dagegen, so Valla, habe sie oft ermahnt, den Sport aufzugeben: Sie sei kein Kind mehr, solle ein sicheres Leben am heimischen Herd führen, einen Ehemann finden. Valla jedoch ließ sich nicht aufhalten. 1933 errang sie vier Goldmedaillen bei den Internationalen Universitätsspielen im gerade eingeweihten Benito-Mussolini-Stadion von Turin, siegte über 100 Meter, im Hochsprung, mit der 4×100-Meter-Staffel und im 80-Meter-Hürdensprint. 1934 wurde die erste Leichtathletik-EM ausgetragen, wieder in Turin, aber ohne Wettkämpfe von Frauen. Valla zeigte Geduld. Das Highlight ihrer Karriere folgte 1936 in Berlin. Valla war in Berlin in Bestform Vorurteile gegen Frauensport gab es auch im Deutschen Reich. Karl Ritter von Halt erklärte in den Zwanzigerjahren: „Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd. Darum weg mit den Damenleichtathletikmeisterschaften.“ Von Halt wurde bis 1921 mehrfacher deutscher Meister im Zehnkampf und 1929 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Die Leichtathletik blieb lange den Männern vorbehalten. Frauen traten bei Olympia erst ab 1928 auf der Aschenbahn an. Die Italienerinnen nahmen ab 1936 teil. Valla war in Berlin in Bestform. Sie stellte im Halbfinale in 11,6 Sekunden den Weltrekord im 80-Meter-Hürdensprint ein. Ihre Goldmedaille am folgenden Tag war die einzige der italienischen Leichtathletik. Ein besonderer Triumph: Männer profitierten von staatlicher Sportförderung, privatem Sponsoring, besten Trainingsbedingungen, reisten erster Klasse zu Wettkämpfen. Vallas Eltern dagegen mussten sorgsam wirtschaften, um ihr neue Ausrüstung und die Anreise zu Wettkämpfen zu finanzieren – in der „Holzklasse“. Die Sportwelt sah nun aber die Italienerin zu Gold fliegen, nicht ihre Landsmänner. Hitler gratulierte: Der Sieg des faschistischen Italiens fand seinen Beifall, im Herbst 1936 wurde die „Achse Berlin–Rom“ verkündet. Valla jedoch war nicht beeindruckt: Der „Führer“ habe auf sie „klein, hässlich, lächerlich“ gewirkt, sagte sie später – etwa wie Charlie Chaplin, der ihn 1940 in „Der große Diktator“ parodierte. Valla bewunderte dagegen Mussolini. Sie betonte noch 1994 mit Blick auf die Siegerinnenehrung: „Ich stand still und führte den faschistischen Gruß aus!“ Valla wurde bei ihrer Heimkehr in Bologna wie ein Filmstar empfangen. Italien war begeistert von „Ondina“. Begegnungen mit jenen Männern folgten, die sie zuvor aufgehalten hatten. Sie hatte eine Visite bei Mussolini und eine Audienz bei Pius XI. „Gut gemacht, mein Kompliment“, habe der Papst ihr gesagt, berichtete Valla. Sie leistete ihrem Staat treue Dienste Der Lohn des Staates für ihr Gold wiederum: ein Orden für herausragende sportliche Leistungen, 5000 Lire und eine Anstellung als Sekretärin bei der Faschistischen Partei in Bologna. 22 Medaillen hatte die italienische Olympiamannschaft in Berlin gewonnen. Mussolini lud diejenigen nach Rom ein, die sie errungen hatten. Valla war die einzige Frau. Sie erinnerte sich: „Alle wollten neben Mussolini stehen, aber er sagte: ‚Ich will Signorina Valla an meiner Seite.‘“ Die Athletin ließ die Vereinnahmung gerne zu, sie leistete ihrem Staat treue Dienste. Sie hatte schon 1935 mehrere ihrer Medaillen verkauft, um zur Finanzierung des Abessinienkrieges beizutragen, den ihr Heimatland in Afrika führte. Die Nation, die sie seit ihrer Kindheit kannte, war das faschistische Italien. Mussolini war 1922 Ministerpräsident geworden, herrschte seit 1925 als Diktator. In der Sportlerin fand er nun eine unvermutete Heldin für seine Propaganda. Das Magazin „Lo Sport Fascista“ hob nach den Spielen von Berlin hervor, dass Valla aus der Emilia-Romagna stammte – wie Mussolini. Die Tageszeitung „La Stampa“ rief im September 1936 dazu auf, sie bei einer Leichtathletikveranstaltung im Benito-Mussolini-Stadion von Turin zu feiern. Schwärmen von Mussolini Valla bewegte sich nun unter einem steten Widerspruch. Sie diente einem Regime, das Frauen Rollen als treu sorgende Mutter, liebevolle Ehefrau und redliche Haushälterin zuwies. Sie mehrte durch Staatsakte, Fotoshootings und Interviews zugleich den Glanz des Faschismus – jener Weltanschauung, die ihren Aufstieg erschwert hatte. Sie wurde als Vorbild für die Jugend dargestellt, sogar Filmrollen wurden ihr angeboten. Die Presse beschrieb sie als Musterbeispiel des gesitteten Lebensstils einer tugendhaften Tochter, ganz im Sinne des Staates. Valla bewegte viele Mädchen und Frauen dazu, Sport zu treiben, wohl wissend, dass ein Nimbus wie ihrer nur wenigen berühmten Frauen vorbehalten war. Sie vermochte es, Weiblichkeit neu zu definieren. Frauensport aber blieb bei den Machthabern umstritten. Frau im Faschismus zu sein, bedeutete im Normalfall weiterhin, Verantwortung für Kinder, Familie und Haushalt zu tragen. Die Sporthistorikerin Gigliola Gori verdeutlichte, dass das Vorbild der Olympiasiegerin mit der Zeit den italienischen Frauen insgesamt nutzte. Die Saat, die Valla und andere Sportlerinnen ausbrachten, erblühte aber erst, als das faschistische Italien im Zweiten Weltkrieg untergegangen war. Das Regime war im April 1945 besiegt. Mussolini war tot. Erst nach und nach wurden soziale Konventionen hinterfragt. Trebisonda Valla wurde in den Vierzigerjahren von Verletzungen geplagt, bestritt 1944 ihren letzten Wettkampf. Sie trat als vielfache nationale Rekordhalterin ab, hatte 17 Meistertitel errungen. Ein Comeback bei den Olympischen Spielen 1948 in London scheiterte am Verletzungspech. 1944 heiratete sie. Guglielmo De Lucchi, ihr Ehemann, war ein angesehener Chirurg, hatte sie ab 1943 wegen Rückenbeschwerden behandelt. 1945 brachte sie ihren Sohn Luigi auf die Welt. Das Presseecho lautete, Valla beweise, dass sich Sport und Mutterschaft in Einklang bringen ließen. Die Familie lebte seit den Fünfzigerjahren in L’Aquila. De Lucchi wirkte als Arzt, Valla zog das Kind groß. Die Stadt in den Abruzzen wurde ihre neue Heimat, in der sie lange lebte – ab 1964 verwitwet. Sie schwieg über ihre Rolle im Faschismus, schwärmte aber noch als greise Frau von Mussolini. Trebisonda Valla verstarb 2006.