FAZ 05.02.2026
17:44 Uhr

Trauriger Glücksbringer: „Dieses Pferd sieht aus, wie ich mich auf der Arbeit fühle“


In Chinas „International Trade City“ Yiwu patzt die Arbeiterschaft beim Zusammennähen von Glücksbringern – und begeistert mit deren trauriger Miene zahlreiche Menschen.

Trauriger Glücksbringer: „Dieses Pferd sieht aus, wie ich mich auf der Arbeit fühle“

Jemand muss sehr müde gewesen sein. Auf dem Warenmarkt in Yiwu International Trade City prangen jedenfalls die Nüstern Dutzender Plüschpferde wie Teenager-Pickel an deren Kinnladen. Und auch die Mundwinkel geben zu verstehen: Die Tage in der chinesischen Provinz Zhejiang sind lang. Das können selbst die korrekt aufgenähten Äuglein der Glücksbringer nicht kaschieren. Sie blicken verschämt zur Seite. Ebendieses „weinende Pferd“ ist in China stellvertretend für die Stimmung der Arbeitnehmerschaft zum Symbol geworden. Wenn dort das neue Jahr am 17. Februar beginnt, soll das Kalenderjahr, Pferd sei Dank, für die Menschen Enthusiasmus und Ausdauer mit sich bringen: Das Jahr des Feuerpferdes kommt laut Horoskop nur alle 60 Jahre vor. Es gilt als großes Glück. „Traurig und bemitleidenswert“ Doch waren in Yiwu, im Osten Chinas, einige Fabrikarbeiter weder ausdauernd noch enthusiastisch: Eine ganze Tranche Plüschpferde haben sie verkehrt herum zusammengenäht. Das sagt zumindest die Designerin des Stofftiers, Zhang Huoqing, der Nachrichtenagentur Reuters. Zuerst hatte die chinesische Medienplattform „People’s Daily“ berichtet. Kurz darauf seien die Stofftiere trotz des Fehlers in das Ladengeschäft geliefert worden. Nachdem eine Kundin den Glücksbringer gekauft hatte und ein Foto von ihm online teilte, ging das „crying horse plush“ viral. „Die Leute scherzten, dass das weinende Pferd so aussieht, wie man bei der Arbeit aussieht“, sagt Designerin Zhang. Die „South China Morning Post“ zitiert einen (un-)glücklichen Plüschpferdbesitzer, der sich in seinem Neukauf wiederfindet: Das Pferd sehe so „traurig und bemitleidenswert“ aus. „Genau wie ich mich bei der Arbeit fühle.“ Tatsächlich freuen die Eigenschaften des Feuerpferdes insbesondere diejenigen, die mit Produktivität hochhalten: nämlich Chinas Arbeitgeber. Der Glücksbringer wurde womöglich auch deshalb zum Symbol. Das Kompositum „Lifestyle-Teilzeit“ ist in Mandarin nicht überliefert. Stattdessen gibt es die selbstironische Vokabel „Niu ma“: für Rinder und Pferde, die auf Feldern arbeiten müssen. „Es ist ein Ausdruck, um viele Arbeiter zu beschreiben, die für die großen Unternehmen für wenig Geld mit wenig Pause arbeiten“, schreibt ein Nutzer auf der Plattform Reddit. So erklären mehrere asiatische Medien den Internethit. Da heißt es nun aber auch: Die plötzliche Popularität des Plüschtiers habe zu einer enormen Steigerung der Bestellungen geführt. Das Glückspferd habe sie zuvor etwa 400 Mal am Tag in ihrem Ladengeschäft und online verkauft, sagt Zhang zum Vergleich. Als sie die Produktion auf das „weinende Pferd“ umgestellt habe, seien ihre Verkaufszahlen auf mehr als 15.000 Glücksbringer gestiegen – täglich. Zhang und auch die Fabrikbesitzer in Yiwu International Trade City freuen sich sicher über die Konjunktur. Vielleicht tun es manche Angestellten ja auch.