Frau Hendler, wir haben in diesen Tagen mehrmals zusammen im Schutzraum gesessen, zuletzt heute Morgen um sechs Uhr. Was geht Ihnen als Traumaforscherin durch den Kopf in so einer Situation – im Krieg, während Raketen fliegen und wir Kampfflugzeuge hören? Wie alle Menschen bin auch ich Stress ausgesetzt. Die Reaktion darauf hat zwei Phasen. Es gibt zunächst die reaktive Phase, in der man auf die Bedrohung reagiert und das gesamte System darauf ausgerichtet ist, vom Gehirn bis zur Zellbiologie. Und dann gibt es die Erholungsphase. Beide Phasen sind sehr wichtig für die Gesundheit. Ich habe bei mir selbst eine sehr starke reaktive Reaktion festgestellt. Ich bin zum Beispiel immer die Erste, die im gemeinsamen Schutzraum ist, wenn ich die Sirenen höre. Andere kommen viel langsamer, fast in letzter Sekunde. Ja, aber ich gehe immer sofort. Und das sagt meiner Meinung nach etwas über mich aus, vielleicht über meine früheren Erfahrungen als Israelin. 1967, während des Sechstagekrieges, war ich ein Kind. Und ich gehöre der zweiten Generation nach dem Holocaust an. Daher bin ich sehr stressanfällig. Ich glaube aber, ich habe auch einen sehr guten Mechanismus, um mich davon zu erholen. Ich fühle mich relativ schnell wieder wie ich selbst. Ist das bei allen Menschen so, nur dass beide Phasen unterschiedlich stark ausgeprägt sind? Die meisten Menschen kommen irgendwie mit Stress zurecht und finden zurück zu ihrer „Baseline“. Aber es gibt zehn bis 15 Prozent, die eine größere Neigung haben, Psychopathologien zu entwickeln – posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder Suchterkrankungen. Ich denke, dass es um die Haltung gegenüber dem Stressfaktor geht. Denn viele Menschen machen die gleichen Erfahrungen, und die meisten entwickeln keine Störungen. Es hat also mit der Person zu tun – und mit ihrer Resilienz. Trotz Stress oder Trauma gesund zu bleiben, bedeutet, resilient zu sein. Wichtig dabei ist, dass Resilienz ein aktiver Vorgang ist. Etwa indem man die Kontrolle über die Situation gewinnt oder indem man sich selbst reguliert, um eine Balance zu finden. Das sieht man übrigens auch hier bei uns. Hier in dem Dorf, in dem wir sind, weil es dort seltener Raketenalarm gibt als in Tel Aviv? Ja. Was wir tun, ist ein Akt der Resilienz. Wir stecken gerade in einer stressigen Situation fest. Der Stress ist chronisch – er dauert Tage an, und die Bedrohung ist unvorhersehbar. Jeden Moment könnte eine Sirene ertönen oder eine Rakete über unseren Köpfen explodieren. Das zehrt natürlich an unserer Seele. Dennoch konzentrieren wir uns nicht nur auf den Stressfaktor, sondern bleiben aktiv und zielorientiert; wir arbeiten beispielsweise. Allerdings in individueller Ausprägung: Ich zum Beispiel habe mich, seit ich hier bin, nicht weiter als 100 Meter vom Schutzraum entfernt, während Sie herumgefahren sind. Ich fühle mich einfach unsicherer, wenn ich zu weit weg bin. Ich berechne meine Risiken also anders als Sie. In diesem Moment kommt ein lauter Warnton von der Raketenalarm-App des Telefons: ein Voralarm für iranische Raketen. Das bedeutet, dass es fünf bis zehn Minuten später wahrscheinlich richtigen Alarm gibt. Okay, aufgrund meiner Neigung gehen wir gleich jetzt nach unten. Das ist eine gute Demonstration . . . Eine halbe Stunde später wird das Interview fortgesetzt. Wir wollten gerade darüber sprechen, wie Menschen ihre Reaktionen und ihre Resilienz beeinflussen können. Vor vielen Jahren haben wir in einer Studie gezeigt, dass es Gehirnbereiche gibt, die ursächlich für Verwundbarkeit gegenüber Stress sind. Und dass man durch Neurofeedback bestimmte Bereiche des Gehirns trainieren und stärken kann, um unter Stress besser reguliert zu sein. Vereinfacht gesagt, müssen Sie Ihre Amygdala deregulieren und Ihr positives System hochregulieren. Eine Firma, für die ich arbeite, hat daraus ein Programm entwickelt. Das wird jetzt eingesetzt, um Leuten zu helfen, die unter PTSD leiden. Seit dem 7. Oktober führen wir damit vor allem Behandlungen in Israel durch. Israelis gelten als sehr resilient. Gleichzeitig gibt es Berichte, wonach ein Drittel der Bevölkerung unter PTSD, Depressionen oder Angstzuständen leidet. Wie geht das zusammen? Ja, das klingt widersprüchlich. Mit Stress und Traumata umzugehen, bedeutet auch zu lernen. Und es scheint, als wären wir Israelis diesbezüglich bereits eine Art erfahrener Organismus. Wir hatten gerade einen Krieg, und jetzt gibt es schon den nächsten. Und die Leute fangen schnell wieder an zu arbeiten und so. Das ist Resilienz. Stress kann dann sogar dazu führen, dass sie anpassungsfähiger werden. Das heißt nicht, dass es nicht auch negative langfristige Folgen gibt. Viele Menschen leiden. Die Menschen leiden natürlich darunter, weil es sehr beunruhigend ist und ihr tägliches Leben und auch ihre langfristigen Ziele erschüttert. Was das für Auswirkungen hat, können wir noch nicht genau benennen, denn wir befinden uns eigentlich immer noch mitten im Ereignis – ich meine jetzt den 7. Oktober und den Krieg. Gerade erst vor zwei Monaten haben wir alle Geiseln zurückbekommen. Wir erholen uns immer noch davon, und jetzt haben wir einen weiteren Krieg. Es ist daher schwer, einen vollständigen Überblick darüber zu bekommen, was das für die israelische Gesellschaft bedeutet. Welche Rolle spielt der Holocaust bei alldem? Leider spielt er immer noch eine Rolle, glaube ich. Es gibt in Israel das Gefühl, dass wir sehr, sehr stark sein müssen, um zu überleben. Daher kommt der ganze Militarismus. Und jetzt kam noch der 7. Oktober dazu. Meine Eltern haben den Holocaust erlebt. Der 7. Oktober hatte sogar für mich irgendwie einen Wow-Effekt – ich habe plötzlich verstanden, was sie durchgemacht haben. Es war wirklich ein Wiedererleben, obwohl ich nicht selbst im Holocaust war. Hinterlässt der Holocaust bis heute Spuren im Gehirn? Absolut, das ist nachgewiesen. Ich glaube beispielsweise, meine Hyperreaktivität ist eine Folge davon. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Menschen hochfunktional waren. Ich verstehe heute nicht, wie sie das geschafft haben, wie sie sich so gut erholen konnten. Aber sie waren zugleich eindeutig ängstliche Menschen, und das könnte etwas sein, das bereits in meinem System verankert ist. Und dann gab es die Kriege in Israel, als ich ein Kind war, und weitere Kriege, und das reicht aus, um das System zu zermürben, das System abzunutzen.
