Bisher hat Anja Fischer noch niemanden getroffen, der wusste, was ein Windtelefon ist. Das dürfte sich dank der Bad Homburgerin bald ändern, denn in ihrer hessischen Heimatstadt steht seit wenigen Tagen eines. Fischer und ihr Mann haben die ausgemusterte Telefonzelle für den Haupteingang des Waldfriedhofs gespendet. Die Idee: Trauernde sollen darin gestorbenen Angehörigen und Freunden nahe sein können. Es gibt einen Hörer, aber kein Anschlusskabel. In dem geschützten Raum können alle, die ihre Liebsten vermissen, laut oder still mit ihnen sprechen. Oder dem Wind lauschen, der um die Wände streicht. Fischer hatte bis vor Kurzem selbst noch keine Ahnung von Windtelefonen. Aber sie hat zum richtigen Zeitpunkt einen Zeitungsartikel über das Windtelefon in Kassel gelesen, eine von einer Handvoll solcher Anlagen in Deutschland. Jedes Jahr am ersten Advent öffnet Fischers Familie ihre restaurierte Dorfschmiede im Stadtteil Ober-Eschbach. Dann können die Bad Homburger sehen, wie das Handwerk geht und wie ein solcher Betrieb vor 100 Jahren aussah. Und sie können Plätzchen und Schmiedekunst kaufen. Der Erlös gehe stets an einen guten Zweck, sagt Fischer. Zuletzt kam das Geld etwa Grundschülern und Familien zugute. Diesmal, im zehnten Jahr, wollten Fischer und ihr Mann ein eigenes Projekt. Als sie vom Kasseler Windtelefon lasen, dachten sie sich: So etwas fehlt eigentlich in Bad Homburg. „Das war 14 Tage vor der Veranstaltung.“ Der Stadt durften keine Kosten entstehen Fischer wählte die Nummer der Friedhofsverwaltung. „Das muss jetzt fluppen“, habe sie sich gedacht. Tatsächlich habe sie tags darauf die Genehmigung erhalten, eine Telefonzelle als Windtelefon aufzustellen. Einzige Voraussetzung: Der Stadt dürften keine Kosten entstehen. Beim Adventsschmieden kamen 5000 Euro zusammen, wie Fischer sagt, deren Familie die Schmiede in der fünften Generation gehört. Ihr Mann, selbst Schmied, trieb über ein Unternehmen hinter Bremen eine alte Telefonzelle auf. In Grau, denn für den Friedhof sollte es keine gelbe sein. Ein Mitarbeiter holte das künftige Windtelefon ab. Es hat eine Wählscheibe, keine Tasten. Fischer mag das ruhige Klacken, mit dem sie sich zurückdreht. Auch um das Fundament und die Pflasterarbeiten am Friedhofseingang kümmerte sich das Paar. Weil der Waldfriedhof denkmalgeschützt ist, war noch eine Genehmigung nötig. Auch das sei schnell gegangen. Seit wenigen Tagen bietet die Zelle auf dem größten der sechs kommunalen Friedhöfe nun die Möglichkeit, im Windtelefon Kontakt zu den Toten zu suchen. Die Idee stammt von dem japanischen Künstler Itaru Sasaki. Er trauerte, so jedenfalls wird es berichtet, im Jahr 2010 zunächst für sich im ersten Windtelefon der Welt in seinem Garten im Ort Otsuchi um einen Cousin, der an Krebs gestorben war. Als im Jahr darauf mehr als 1000 Einwohner des Dorfs bei einem Tsunami starben, öffnete Sasaki den Garten für alle. Inzwischen, hat Anja Fischer herausgefunden, gibt es etwa 200 Windtelefone auf der Welt. Aus Sicht der Stadt bietet der Bad Homburger Friedhof nun einen „einzigartigen Raum der Erinnerung und des Trostes“, wie es Stadtrat Tobias Ottaviani (SPD) ausdrückt. Der Direktor des Betriebshofs, Stephan Rosik, nennt die Zelle „ein Symbol für die unermüdliche Verbindung zwischen den Welten“. Die Spenderin fasziniert die Idee, dass so Trauerarbeit unabhängig von Religion, Herkunft und Alter möglich sei. Beim Adventsschmieden konnten Besucher es schon auf Fischers Hof nutzen. Eine Freundin mit Hospizausbildung habe dabeigestanden und von „rührenden Szenen“ berichtet, trotz des Trubels rundherum. So hätten zwei Jungen mit dem Opa in Norddeutschland geredet.
