Wer mit dem Zug von Warschau nach Berlin fährt, spürt eine Art negativen Ruck – das Gegenteil von dem also, was Bundespräsident Roman Herzog 1997 seinen Mitbürgern wünschte. Die digitale Infrastruktur wird schlechter, die Freundlichkeit des neuen Serviceteams im Speisewagen lässt nach, die Anzahl verwahrloster Provinzbahnhöfe nimmt zu – etwas trübt sich ein. Wie ein „Krisenburger“ haben sich die ungelösten Probleme seit der Finanzkrise aufeinandergeschichtet und drücken auf Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist als harte Diagnose wichtig. Auf sie muss aber ein Therapievorschlag folgen, der die Bedingungen aufzeichnet, unter denen der Patient wieder Grund zum Optimismus hat. Ein solcher nicht naiver Optimismus für Deutschland ist buchstäblich vor der Haustür. Viele Deutsche schauen selten zu den mittel- und osteuropäischen Nachbarn, wenn es um die Lösung der Probleme hierzulande geht. Und haben oft ein Bild von ihnen, das der Realität von vor 20 bis 30 Jahren entspricht. Bei allen Unterschieden: Mehr als 20 Jahre nach dem EU-Beitritt der meisten Länder Mittel- und Osteuropas (MOE) gibt es mittlerweile genug Ähnlichkeiten, um aus dem Vergleich therapeutische Lehren für Deutschland zu ziehen. Blickt man auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Kaufkraftparitäten, so stellt man fest, dass die Tschechische Republik auf dem Niveau Spaniens ist oder dass Bulgarien dabei ist, Griechenland zu überholen. Britische Medien berichten, dass Polens Bürger eine Kaufkraft haben, welche stetig zu derjenigen im Vereinigten Königreich aufschließt. Nein, dieses Wachstum kam nicht „automatisch“, weil man bei einem „niedrigeren Niveau“ startete. Auch die neuen Bundesländer kamen 1990 von einem niedrigeren Niveau. Ihre Aufholjagd zu den alten Bundesländern ist aber vor zwei Jahrzehnten ins Stocken geraten. Die These: Der zentrale Unterschied zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn ist die Tiefe der Erfahrungen mit Transformation und die dabei antrainierte Resilienz. Das Phänomen der Transformation, das heute in Deutschland vielen Angst einjagt, ist in den MOE-Ländern seit 35 Jahren Alltag. Die Krisen der neunziger Jahre pflügten die Wirtschaft um, aber auch alles um sie herum. Die Schocks kamen meist unerwartet und auf unterschiedlichsten Ebenen: Inflationsschübe, rechtliche Unsicherheit, demographische Implosion, politische Polarisierung, ideelle Orientierungslosigkeit. Auf diesem Wege kam etwas Wertvolles zusammen. Je tiefer man durch weitere Krisen schreiten musste, desto mehr trainierte sich der Einzelne notgedrungen Resilienz an. Es geht dabei um die Fähigkeit, nach dem Schock vielleicht kurz hinzufallen, aber dann wieder auf die Beine zu kommen. Genau genommen: kommen zu müssen, denn es gab keinen Sozialstaat, der ein Liegenbleiben hätte abfedern können. Nicht alle haben es geschafft – viele, gerade Männer, sind bei diesem existenziellen Resilienztraining gescheitert und etwa dem Alkohol verfallen. Im Bild der „J-Kurve der Transformation“ ging es nach jedem Umbruch erst mal nach unten, damit es anschließend bergauf gehen konnte. Mitten in der heutigen globalen Polykrise ist dieses Reservoir an Resilienz kostbar. Und ein Wettbewerbsvorteil gegenüber den „alten“ EU-Mitgliedsländern. Diese hatten zwar immer wieder mit Phänomenen der Deindustrialisierung in einzelnen Branchen zu kämpfen – allerdings in einer relativ stabilen Gesellschaftsordnung und einem komfortablen Sozialstaat. Die gute Nachricht für diejenigen, die eine komfortable Nachwendezeit hatten: Jeder kann Resilienz lernen. Drei Lehren sollen diesen Optimismus noch anschaulicher machen. 1. Wachstum ist auch in der EU möglich Der Blick auf die Länder vom Baltikum bis zum Balkan zeigt: Wenn man sich ständig neu erfinden muss, weil die alte Wirtschaftsstruktur wegbricht, bringt diese schöpferische Zerstörung auch Wachstum. Und das in Ländern, in denen die Bedingungen zur Krisenabfederung ungünstiger waren als in Deutschland. Die Bundesrepublik kann die anstehende Transformation human gestalten und dabei die Stärken der Sozialen Marktwirtschaft nutzen, um die Verlierer zum immer wieder nötigen Aufstehen zu befähigen. Wachstum ist auch in der EU möglich. Es ist zweifelsfrei richtig, dass die regulatorische Wut in Brüssel Dimensionen angenommen hat, die für die wirtschaftliche Dynamik sehr ungesund sind. Wenn man aber, anders als in Deutschland oft praktiziert, kein „Goldplating“ der Regulierung betreibt und damit die Brüsseler Eingriffe nicht weiter verschärft, scheinen sie das Wachstum weniger zu beeinträchtigen, als es der Blick auf Deutschland vermuten lässt. Deregulierung ist dringend nötig. Aber man sollte die EU nicht als Feigenblatt für das nationale politische Versagen nehmen. Hier ist auch das nicht mehr wettbewerbsfähige deutsche Steuersystem zu nennen. 2. Der demographische Wandel ist beherrschbar Die meisten MOE-Länder erlebten nach 1989 eine scharfe demographische Krise. Die Geburtenraten fielen wegen der neuen Unsicherheit deutlich. Die Arbeitsnachfrage in der kollabierenden Wirtschaft brach zusammen. Neben starken Binnenwanderungen, welche den ländlichen Raum entvölkerten, folgten Auswanderungswellen: Bulgarien und Rumänien verloren mehr als 20 Prozent ihrer Bevölkerung, darunter viele junge Bürger. Im deutschen Vergleichsfall entspräche dies einem Verlust von über 15 Millionen Menschen. Trotzdem ist Osteuropa resilient gewachsen. Man passt sich ständig an den Schwund erwerbsfähiger Menschen an. Die Bevölkerung arbeitet länger, sehr viele über das Renteneintrittsalter hinaus. Hinzu kommt eine Offenheit gegenüber neuen Technologien, die man in Deutschland oft vermisst. In einem den Entwicklungsländern zugeschriebenen „Leapfrogging“ bestimmter Technologien überspringen die Osteuropäer viele analoge Bürokratieabläufe und landen direkt in einer neuen digitalen Verwaltung, nicht nur in Estland. Und es gibt jüngst eine wesentliche Rückwanderung junger Menschen: Wachstum ist anziehend. 3. Die EU-Integration der Ukraine bietet ganz neue Perspektiven Seit dem brutalen russischen Angriff vor knapp vier Jahren ist die Ukraine auf tragische Art zu einem besonderen Resilienz-Labor geworden. Und das nicht nur im täglichen Überlebenskampf von Millionen Zivilisten. Im Verlauf des grausamen Krieges sind in Sachen Bewaffnung so viele Innovationen erfolgt, dass Militärexperten von einer Revolution der Kriegsführung sprechen. Das mag insoweit überraschen, als der ukrainische Staat ein recht labiles institutionelles Gefüge ist, einschließlich der in MOE-Ländern häufigen Korruptionsprobleme. Hoffentlich gibt es bald einen belastbaren Frieden, sodass die EU-Integration zügig losgehen kann. Eine zentrale Lehre für den Wiederaufbau und für die europäischen Partner: Wie schon im Krieg, wird vieles nicht dank, sondern trotz des Staates gelingen. Es sind eher die Bottom-up-Prozesse bei den Einzelnen in Wirtschaft und Zivilgesellschaft, von denen mehr innovative Impulse für die neue Ukraine zu erwarten sind als von den Top-down-Anordnungen der Politik. Vielleicht ist das die wichtigste Resilienz-Botschaft der Osteuropäer: Wir nehmen zu oft die Top-down-Perspektive der Politik ein und ärgern uns über all das, was dort nicht funktioniert. Optimistisch stimmt eher die Bottom-up-Perspektive auf die normalen Menschen und ihre Fähigkeit, innerhalb guter Rahmenbedingungen die Probleme dezentral zum gegenseitigen Vorteil selbst zu lösen. Und dabei ständig für die nächste Krise zu lernen.
