Stephanie Jakob hat schon vieles erlebt. Sie wurde beleidigt, bedroht, angespuckt, mit einer Flasche beworfen. Als sie vor Jahren in Teilzeit als Zugbegleiterin anfing, belegte sie nebenher einen Karatekurs – um sich auf extreme Herausforderungen ihrer neuen Tätigkeit vorzubereiten. Inzwischen arbeitet sie als Vollzeitkraft und schafft es nicht mehr, regelmäßig Nachhilfe in Selbstverteidigung zu nehmen. Umso wichtiger findet sie es, dass die Deutsche Bahn ihre „Mitarbeiter im Kundenkontakt“ – sprich Schaffner und Fahrkartenkontrolleure – alle zwei Jahre zur Teilnahme an einem „Selbstbehauptungsseminar“ verpflichtet. Der siebenstündige Kurs, zu dem Jakob am Montag ins Qualifizierungszentrum der Bahn nach Frankfurt gekommen ist, bietet nach ihren Worten zwar keine Antworten auf alle Fragen, aber er stärke immerhin das Selbstbewusstsein im Umgang mit renitenten Reisenden. Teilnehmer sollen in kritischen Situationen selbstbewusst handeln Genau das sei das wesentliche Ziel des Tagesseminars, sagt Rüdiger König, Sport- und Gesundheitsmanager beim Verband Deutscher Eisenbahn-Sportvereine, der den Lehrgang ausrichtet. Die Teilnehmer sollten am Ende des Tages in der Lage sein, in kritischen Situationen sicher und selbstbewusst zu handeln, ihre Grenzen klar zu kommunizieren und Gefahren für sich und andere abzuwenden. „Körpersprache und Kommunikation“ ist ein Abschnitt des Programms überschrieben, der darauf abzielt, Konflikte mit Fahrgästen möglichst gewaltfrei beizulegen. „Der beste Kampf ist ein nicht gekämpfter“, sagt Jörg Aschemann, einer von drei Trainern in dem von sieben Beschäftigten der DB Regio – drei Frauen und vier Männern – besuchten Kursus. „Das erste Ziel sollte es sein, dass man gesund nach Hause kommt.“ Dementsprechend sollte ein Zugbegleiter im Falle von sich anbahnenden Auseinandersetzungen vor allem entspannt bleiben, eine aufrechte Haltung einnehmen und Blickkontakt halten – ins Gesicht des Gegenübers schauen, aber nicht direkt in die Augen, denn das könnte möglicherweise als Provokation empfunden werden. Im Zweifelsfall, so Aschemann, lieber den Rückzug antreten und nicht den Helden spielen. Nicht erst seit dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz in der vergangenen Woche sind die „Mitarbeitenden im Kundenkontakt“ der Bahn sensibilisiert für die Gefahren ihres Berufs. Respektlosigkeit und Aggressivität nähmen zu, sagt Michael Hartung, der im Regionalverkehr der Bahn in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg unterwegs ist. Das sei keine bahnspezifische Entwicklung, aber viele Zugreisende seien angesichts von zahlreichen Verspätungen und Zugausfällen besonders gestresst und verärgert. „Und wir sind die Blitzableiter, bei uns wird der Frust abgeladen.“ Ein Fahrgast habe einmal nach ihm getreten, erzählt Hartung, aber er habe den Angriff ohne größere Blessuren überstanden. Im Zweifelsfall ziehe er sich zurück, so wie es auch im Selbstbehauptungsseminar gelehrt wird. Richtig so, meint Kursleiter Aschemann. „Legt euer Ego beiseite.“ Weil Flucht aber nicht immer eine Lösung ist, werden die Teilnehmer des Lehrgangs an diesem Tag auch mit „Grundlagen der Selbstverteidigung“ vertraut gemacht. „Der Reagierende hat es immer viel schwerer“, sagt Aschemann. „Der Angreifer kann bestimmen, wann es losgeht.“ „Nicht drücken, sondern draufknallen“ Wenn es nicht bei Verbalattacken bleibe und ein Reisender handgreiflich werde, müsse man dagegenhalten, verkündet Aschemanns Ko-Trainer Cengiz Ileri. Beide Hände in Abwehrhaltung nach vorne bringen, die Handflächen zum Angreifer gerichtet. Und falls das nicht genügt? „Im Notfall draufhauen, und zwar kräftig.“ Wenn man gewürgt werde, habe es wenig Sinn zu versuchen, sich umständlich aus der Umklammerung des Angreifers zu winden. Stattdessen: mit der nach vorn gerichteten Handfläche auf den Kopf des Gegners zielen, direkt ins Gesicht – oder noch besser: auf die Augen. Und dabei nicht zimperlich sein. „Nicht drücken, sondern draufknallen.“ Der Angreifer solle schließlich von seinem Opfer ablassen. Bei der Deutschen Bahn hat man schon lange erkannt, dass sich Konflikte nicht immer verbal lösen lassen, sondern dass Zugbegleiter im Ausnahmefall auch körperlich gefordert sind. Deshalb erwartet das Unternehmen von seinen Beschäftigten alle zwei Jahre die Teilnahme an Deeskalations- oder Selbstbehauptungskursen, wobei der Schwerpunkt sich zunehmend auf das Vermitteln von grundlegenden Selbstverteidigungskenntnissen verlagert – bis hin zur Befreiung aus Würgegriffen, Abwehr-, Kontroll- und Hebeltechniken. „Der Bedarf besteht, nicht nur verbal, sondern auch körperlich aktiv zu werden“, sagt Kursmanager König. Klar, dass die Vermittlung solcher Fähigkeiten in einem auf sieben Stunden begrenzten Lehrgang nur rudimentär gelingen kann. Im Idealfall schließt sich ein privat finanzierter Kurs in Judo, Karate oder Jiu-Jitsu an, aber wer hat schon Zeit, Gelegenheit und Geld dafür? In den meisten Fällen bleibe es wohl beim vom Arbeitgeber finanzierten Kompakttraining im Zwei-Jahres-Rhythmus, meint König. Auf alle denkbaren Situationen kann man sich ohnehin nicht vorbereiten. Gestresste, übel gelaunte Geschäftsreisende, pöbelnde Jugendliche, Betrunkene, Drogenabhängige – bis zum Mittag haben die Kursteilnehmer an diesem Tag schon zahlreiche Varianten dubioser Zugpassagiere durchgespielt. Aber schlimmer geht immer, meint Michael Hartung. „Wir hatten noch keine Fußballfans“, bemerkt er auf dem Weg in die Pause. „Kommen die auch noch?“
