FAZ 06.02.2026
12:00 Uhr

Trainerstart in Berlin: Wie Albert Riera die Eintracht komplett umkrempelt


Kein „Diktator, Vater oder Polizist“, aber klare Regeln, eine „kriminelle Art“, Spiele zu gewinnen und ein „Glücksrad“ für Strafen: Albert Riera zieht in Frankfurt die Zügel an. Mit der „Wohlfühloase“ ist es vorbei.

Trainerstart in Berlin: Wie Albert Riera die Eintracht komplett umkrempelt

Frankfurts Fußballanhängerinnen und -anhänger haben in den vergangenen Tagen viel über Albert Riera gesprochen. Für reichlich Gesprächsstoff hat der neue Eintracht-Trainer auch gesorgt. Bei seiner unterhaltsamen Vorstellung am Dienstag gab der 43 Jahre alte Spanier viel davon preis, wie er denkt, handelt und was er in Zukunft von seinen Spielern erwartet. Es ist eine ganze Menge. Wie viel die Mannschaft davon schon umsetzen kann, wird sich an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) im Auswärtsspiel gegen Union Berlin zeigen. Wie spielt die Eintracht bei Union Berlin? Alle Seiten schauen mit Spannung darauf, wie die zuletzt verunsicherte Mannschaft auf die ersten gemeinsamen Arbeitstage mit dem vor Selbstvertrauen strotzenden Spanier reagiert. Tritt sein Team an der Alten Försterei in neuem Glanz auf, werden Lob und Anerkennung für den Fußballlehrer groß sein. Dann darf er sich nach einem gelungenen Eintracht-Einstand feiern lassen. Hat sich im Hinblick auf das nicht ausreichende Leistungsvermögen des Personals hingegen kaum etwas verändert, wird die Ernüchterung erst einmal groß sein. In diesem Fall würden sich die Warner und Skeptiker bestätigt fühlen. „Alles soll schön und nicht dunkel sein“ Albert Riera, Neuling im deutschen Profifußball, hat beim Eintracht-Anhang mit seinem Sprüche-Feuerwerk riesengroße Erwartungen geweckt. Unter seiner Anleitung sollen die Spieler selbstbewusst sein und positiv denken. Ihnen werde er im übertragenen Sinne eine rosarote Brille mit „pinken Gläsern“ aufsetzen, kündigte er an. „Alles soll schön und nicht dunkel sein.“ Was für ein farbenfroher Einblick in seine Gedanken. Rieras Spieler sollen offensiven, mutigen, dominanten und erfolgreichen Fußball spielen. Das klingt nach Wochen des Misserfolgs sehr vielversprechend. Und nach einer radikalen Trendumkehr. Der Trainer zweifelt nicht daran, dass sein ambitioniertes Projekt gelingen wird. Der wortgewaltige Coach brachte bei der Präsentation seiner Pläne buchstäblich zum Ausdruck, dass er der Aufgabe zu hundert Prozent gewachsen sein wird. Nur wie lange es dauern wird, bis die Spieler seine Ideen verinnerlicht hätten und anwenden können, darauf wollte er sich nicht festlegen. „Bei zwei meiner früheren Klubs dauerte es etwa drei Wochen, bei einem anderen Klub etwas länger“, teilte Riera mit. „Aber von Training zu Training, von Spiel zu Spiel wird man Fortschritte sehen.“ Er verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, „dass wir schon im nächsten Spiel viele Veränderungen, einen anderen Style und eine andere Identität sehen werden“. Die „Eisernen“ sind gewarnt. Sie dürften aufgrund der Frankfurter Stärkebekundungen hochmotiviert sein. Trainer Steffen Baumgart freut sich auf das erstmalige Aufeinandertreffen mit seinem neuen Kollegen. „Herzlich willkommen in der Bundesliga!“ So lautete sein Gruß nach Frankfurt. „Wir werden keine Wartenden sein“ Für Albert Riera gibt es zwei Arten von Mannschaften. Die, die sich auf den Gegner mit Wucht stürzen, und die, die lieber abwarten. „Wir werden keine Wartenden sein“, versprach er. Seine Marschrichtung ist auf Attacke ausgelegt. Seine Spieler sollen den Gegner früh bei der Spieleröffnung stören und zu Fehlern zwingen. Das setzt kompaktes Auftreten in den eigenen Reihen voraus. Riera kündigte an, dass er seine Mannschaft „komplett anders verteidigen“ lassen werde; die Gegentorflut war zuletzt das größte Problem. Sie ebbte nicht ab. Der neue Trainer ist fest davon überzeugt, dass ihm seine Spieler folgen werden. Schließlich biete er ihnen „Lösungen und Optimismus“ an. Sportlich den gut gefüllten Werkzeugkasten für das richtige – praktische – Vorgehen auf dem Platz. „Die Spieler wollen wissen, was sie machen müssen. Sie werden alles wissen, was sie zu tun haben, wie sie sich mit und ohne Ball zu verhalten haben“, sagte Riera. Und: Aus seiner Sicht geht es nur gemeinsam. „Ich bin der Kopf, meine Spieler sind meine Beine und Hände. Ohne sie bin ich nichts.“ Er aber gibt den Weg vor. Mit klaren Ansagen und der nötigen Struktur. Ohne große Diskussionen. Sein Wort zählt. Riera zieht bei der Eintracht die Zügel an. Mit ihm soll ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Seine Klartextaussagen sollen die Sinne der Spieler schärfen. Mit der Komfortzone oder der unter dem ehemaligen Trainer Dino Toppmöller offenbar entstandenen „Wohlfühloase“, von der Vorstandssprecher Axel Hellmann zum Jahreswechsel sprach, ist es vorbei. Durch den bewusst herbeigeführten Paradigmenwechsel werden die Zeiten bei der Eintracht rauer und härter, nun weht ein anderer Wind. Das Arbeitspensum ist gestiegen, es stehen auch längere Videositzungen auf dem Programm. Nichts Ungewöhnliches, findet der Trainer. Denn bevor man ein Auto steuere, müsse man Theorie büffeln und die Verkehrszeichen lernen, begründete er die Arbeit im Konferenzraum. Ohne Fleiß kein Preis. Riera duldet keine Disziplinlosigkeiten oder individuellen Abweichungen vom allgemeinen Geschäftsbetrieb. Keine Nachlässigkeiten, wie sie noch unter Dino Toppmöller vorgekommen sein sollen. Dessen Leine, so heißt es von oberster Stelle mehr oder weniger direkt, sei zu lang gewesen. „Man muss ehrlicherweise sagen: Wenn eine gewisse Struktur von außerhalb des Platzes fehlt, ist es schwierig, eine Struktur auch auf dem Platz zu bekommen“, kritisierte Markus Krösche bei Rieras Präsentation die Entwicklung bei der Eintracht, ohne den Vorgänger des Spaniers namentlich zu nennen. Der Sportvorstand sagte weiter: „Wenn gewisse Richtlinien zu weit sind, dann ist es menschlich, dass vielleicht die ein oder andere Entwicklung so ist, dass man sich nicht mehr dem Kollektiv unterordnet, sondern irgendwo jeder seinen eigenen Weg geht.“ Alleingänge sind jetzt nicht mehr vorgesehen. Wer nicht spurt, muss Schuhe putzen Für diejenigen, die in Zukunft aus der Reihe tanzen werden, hat Riera einen Strafenkatalog aufgestellt. Bei Regelverstößen wird es nicht nur eine Geldstrafe geben. Riera hat ein „Roulette“ eingeführt, seine Spieler müssen dann an einem „Glücksrad“ drehen. Zur Auswahl stünden dabei etwa Strafarbeit in Form von Schuheputzen für die Mannschaft. Oder ein Profi muss Zeit mit dem Videoanalysten oder dem Greenkeeper verbringen. „Um zu fühlen, was all diese Jobs bedeuten“, hebt der Trainer hervor. „Du willst Regeln verletzen? Du willst zu spät kommen? Kein Problem, dann machst du einen anderen Job. Und das war’s. Gelöst. Weitermachen, weiterarbeiten!“ Riera gibt den Takt vor. Zur Pressekonferenz vor der Begegnung in Berlin kam er mehr als eine halbe Stunde zu spät. Er bat ausdrücklich um Entschuldigung und begründete seine Verspätung damit, dass es für ihn wichtig gewesen sei, in der gemeinsamen Sitzung die leuchtenden Augen seiner Spieler gesehen zu haben. „Deshalb hat es auch so lange gedauert. Ich sah in ihren Augen, dass sie es verstanden hatten, als wir nach einer Stunde und 35 Minuten fertig waren. Nach einer Stunde und 15 Minuten war es noch nicht so weit. Erst als ich das Leuchten in den Augen sah, haben wir die Besprechung beendet.“ Drei Regeln sind für den Trainer wichtig. Die erste verlangt von allen im Klub, gegenseitigen Respekt zu zeigen, „um täglich eine gute Atmosphäre zu schaffen“. Er mache diese Vorgaben „nicht, weil ich ein Diktator wäre, euer Vater oder ein Polizist. Ich bin ein Coach. Und diese Regeln gelten für alle. Wenn sie von jedem akzeptiert werden, müssen wir nicht mehr darüber reden“, stellte Riera klar. Jetzt weiß jeder, was zu tun ist. Was dessen Vorstellungen und sein Spirit bei der Frankfurter Mannschaft bewegen, wird diese dem Publikum in Berlin aufzeigen. Im Vergleich zu den vergangenen Wochen soll die Eintracht wie verwandelt auftreten. Mit Mumm, Behauptungswillen und Durchsetzungsstärke. „Manchmal sage ich: Wir müssen auf die zivile Art gewinnen – das heißt, gut spielen.“ Und manchmal, so Riera weiter, müsste seine Mannschaft auf, in Anführungsstrichen, „kriminelle Art“ gewinnen – „das heißt, eine andere Art von Fußball spielen“. Denn: „Wir müssen Gewinner sein.“ Der neue Eintracht-Trainer verspricht unter seinem Mitwirken das Maximum. „Ihr werdet eine andere Mannschaft sehen. Sogar ein einziger Einwurf wird anders sein. Ihr werdet sagen: Das ist nicht die Mannschaft, die ich bisher beobachtet habe. Es ist nicht besser, es ist nicht schlechter. Es ist unsere Mannschaft“, sagte Albert Riera vor dem Union-Spiel. Am besten wäre es aus Eintracht-Sicht, wenn das Team in Berlin nach längerer Zeit ohne Gegentor bliebe. Das wäre dann eine neue Eintracht mit ihrem neuen Trainer. Für den Auf- und Umschwung nimmt sich Albert Riera selbst in die Pflicht. Er habe „hier alles“, sagte der Spanier im Hinblick auf die von ihm hochgeschätzten Arbeitsbedingungen in Frankfurt. Nur eines habe er zukünftig nicht: „Ausreden.“ Das hört sich gut an.