In einer Eintracht-Saison voller Rückschläge können viele die Zahlen nennen, die zu den großen Brüchen gehören. 1:5, 0:6, 0:3: Das waren im alten Jahr die schrecklichsten Frankfurter Ergebnisse. Den ersten Riss aber gab es zu einem anderen Zeitpunkt, als die Welt in Frankfurt noch heil schien. Vor etwas mehr als einem halben Jahr gewann die Eintracht 6:4 in Gladbach, sie führte 6:0. Als sie noch so souverän führte, hätte sie einen Handelfmeter verdient gehabt, der Schiedsrichter pfiff aber nicht. Bis dahin war es ihr bestes Saisonspiel. Sie spielte schnell durch die Mitte, über links, über rechts. Was sollte schon passieren? Gladbach schoss und köpfte noch vier Tore. Kaua Santos flog an einer Flanke vorbei, die Verteidiger schauten sich zum ersten Mal so verdutzt an, wie sie es später Woche für Woche tun sollten. Die Eintracht gewann zwar. Nachher hieß es aber, der Sieg fühle sich nicht wie einer an. Da war er, der erste Riss. Hätten sie im Hinspiel in Gladbach das 7:0 geschossen, einen ihrer höchsten Bundesligasiege überhaupt erreicht, wäre die Saison anders verlaufen. In den Wochen darauf drehte sich die Eintracht immer häufiger im Kreis. Ihre Gegner schossen drei Tore oder mehr, ihre Verteidiger zofften sich, nach dem Spiel fand niemand eine Erklärung. Der Klub verlor die Orientierung. Irgendwann musste Trainer Dino Toppmöller gehen. Can Uzun fiel aus, dann Burkardt und Hugo Larsson, später Younes Ebnoutalib. In dieser Woche kam Verteidiger Arthur Theate hinzu, der sich am Meniskus verletzte. Es heißt: Diese Mannschaft ist nicht fit. Nun soll der Spanier Albert Riera ihre Risse kitten. Der neue Trainer kennt sein Team seit zwei Wochen. Stimmt das also, das mit der Fitness? „Es ist klar, dass die Beine ein bisschen wehtun nach den ersten Wochen“, sagte er am Freitag. Aber er mache sich keine Sorgen um die Füße seiner Spieler. Sie bräuchten eben Zeit. Nicht aber, um fit zu werden, sondern um seine Idee vom Fußballspiel zu verstehen. Albert Riera: „Theate hätte fast geweint“ Kurz zusammengefasst lautet sie nach Riera, 2026, so: „Wenn ihr euch entspannen wollt, dann nehmt euch den Ball.“ Das war schon in Berlin, bei dessen erstem Spiel, zu sehen. Ist die Eintracht am Ball, lässt sie ihn durch ihre Reihen fließen, dann kommt der Gegner nicht vor ihr Tor. Denn das war ja das große Problem der Toppmöller-Eintracht: Der Gegner kam zu leicht durchs Mittelfeld, und dann traf er auch noch simpel. Der Spanier hat davon genug gesehen: „Wir müssen aufhören, Gegentore zu kassieren“, mahnte er. Wenn er vier Tage Zeit habe, trainiere er mit seiner Mannschaft drei Tage die Defensive. Dazu zählen Flanken, Ecken, Mann-gegen-Mann-Verteidigung. Im Strafraum will Riera seine Abwehrleute klar den Gegenspielern zuordnen; das ist ein entscheidender Unterschied zu Toppmöller, der zeitweise im Raum verteidigen ließ. Der Mannschaft, der es dem Klubumfeld zufolge in den vergangenen Monaten an Vorgaben fehlte, wird das guttun. Schade nur, dass ihr einer der besten Zweikämpfer fehlt. Arthur Theate wird sechs Wochen ausfallen. „Er hätte fast geweint“, sagte Riera. Theate glaube, unter ihm wieder einer der besten Verteidiger zu werden. Das wird noch eine Weile dauern, Riera aber ist froh, dass es immerhin nicht das Kreuzband ist, an dem sich Theate verletzt hat. So weit also zur Defensive. Die Riera-Schule in der Offensive ist ein wenig komplexer. Der Spanier unterscheidet zwischen zivilem und kriminellem Angriff. Ziviler Fußball, das ist der seines Landsmannes Pep Guardiola. Er ist kontrolliert, dominant. „Wir dürfen den Gegner nicht atmen lassen“, sagte Riera. Und dass die Eintracht, dieser große Klub, es verdient habe, nicht irgendein Bundesligateam zu sein, sondern eines der Bundesligateams. So solle sie auch spielen. Das war der zivile Part, der kriminelle folgt sogleich. Er lässt sich schneller zusammenfassen: Ecken, Freistöße, Einwürfe. Vulgo: Standardsituationen. Das klingt nach dem zweiten berühmten Vordenker der Riera-Schule, Arsenals Trainer Mikel Arteta, der seit ein paar Jahren die Premier-League-Teams reihenweise mit messerscharf getretenen Eckbällen schlägt. „Wir müssen auch kriminell gewinnen können“, sagte Riera. Seinen Beutezug wird er ohne die Offensivspieler Can Uzun, Jonathan Burkardt und Younes Ebnoutalib antreten, sie fehlen weiter verletzt oder krank. Ob die verbleibenden Eintracht-Schüler die ganzen Ideen verstanden haben, wird an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen Gladbach zu sehen sein. Es wird das erste Heimspiel für den neuen Trainer. „Jeder kennt dieses Stadion“, sagte der Spanier. „Wir müssen die Fans nur füttern, dann werden sie es uns zurückgeben.“ Nach den Haien von Berlin, die das Blut des Gegners riechen, und der Löwenherde, die dort auf dem Platz stand, lieferte Riera am Freitag abermals ein paar Zitate für den Jahresrückblick. Sein Kalkül ist es, die Mannschaft vom Druck zu befreien. Ihre Risse zu kitten, eine Eintracht spielen zu sehen. Dafür schickt er auch ein paar herzliche Grüße nach Gladbach. Eugen Polanski, der VfL-Trainer, hatte in der dortigen Pressekonferenz die Defensivschwächen der Eintracht benannt. „Er wird morgen ein anderes Team sehen“, sagte Riera. Seit sieben Spielen ist seine Mannschaft in der Liga ohne Sieg. Noch ist in der Saison alles möglich: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass selbst der siebte Rang reicht, um sich für die Europa League zu qualifizieren. Dort steht aktuell Freiburg, zwei Punkte vor der Eintracht. Spielt die Mannschaft etwa so, wie ihr Trainer lehrt und spricht, ist dieser Rückstand bald Geschichte.
