FAZ 01.12.2025
09:06 Uhr

Trainer von Werder Bremen: Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt, Herr Steffen?


Der Trainer des SV Werder Bremen verrät im F.A.Z.-Fragebogen, worüber er in der Kabine nicht sprechen möchte, was der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi ist und warum ihm Messi besser gefällt als Ronaldo.

Trainer von Werder Bremen: Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt, Herr Steffen?

Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitzte Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Fußballtrainer Horst Steffen. Was ist für Sie das größte Glück als Trainer? Dass ich mein Talent dafür nutzen kann, Menschen glücklich zu machen. Wir erzeugen mit dem, was die Spieler auf dem Platz umsetzen, Glücksmomente – jedenfalls ist das unser Ziel. Es ist eine riesige Freude, unsere Anhänger zu begeistern und sie lachen zu sehen. Nehmen Sie zum Beispiel mal gleich den zweiten Spieltag, daheim gegen Leverkusen, als Karim Coulibaly in der vierten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich erzielte. Wie er und seine Mitspieler nicht wussten, wohin mit ihrer Freude. Wenn ein Stadion komplett ausrastet – diese Energiewelle, das ist pures Glück. Und was ist für Sie das größte Unglück als Trainer? Verletzungen der Spieler. Ich bin ein mitfühlender Mensch. Es zerreißt mich, wenn Spieler ihren Beruf für eine ganze Weile nicht ausleben können. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Das für mich entscheidende Kriterium ist, wie hoch jeweils die Anzahl von richtigen Entscheidungen ist. Je häufiger ein Spieler es schafft, das Richtige zu tun, desto besser ist er. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Ganz klar: Brian Laudrup. 1989/1990 haben wir zusammen bei Uerdingen gespielt. Mit ihm zusammen zu spielen, war eine Freude. Gegen ihn ran zu müssen, selbst im Training, war echt ätzend. Ich habe ihm das auch mal nach einer Einheit gesagt: „Wenn du mich einmal ausgespielt hast, dann reicht es. Dann such deinen Abschluss. Aber du musst mich nicht zweimal ausspielen.“ Im Sommer ist er dann zu Bayern gegangen, sodass wir dann auch als Gegner aufeinandergetroffen sind. Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Nicolas Kristof von Elversberg. Er wurde jetzt erstmals von Ralf Rangnick für die österreichische Nationalmannschaft nominiert. Ein starker Torwart, noch dazu passsicher, der für die Allgemeinheit mit Sicherheit noch unterm Radar fliegt. Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Rolf Schafstall. Ich war 19 Jahre, vier Monate und 20 Tage alt, als er mir im Juni 1988 erstmals das Vertrauen in der Bundesliga schenkte – und zwar gleich von Beginn an. Er war mein Türöffner. Dass ich dann gleich in meinem ersten Spiel treffe, hat das Debüt natürlich perfekt gemacht. In meiner ersten Saison durfte ich, dank ihm, 33 Spiele absolvieren. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Ich möchte nicht über Krieg sprechen. Ich kann grundsätzlich nur den Kopf darüber schütteln, dass es Kriege gibt. Ich bin fassungslos, dass Politiker dazu bereit sind, Menschen zu opfern. Das ist kein Thema, über das ich gerne spreche. Wen bewundern Sie? Menschen, die sich bedingungslos für andere aufopfern – zum Beispiel Ärzte in Afrika, aber auch sonst wo auf der Welt, die unterstützen. Krankenschwestern, die versuchen, Leben zu retten. Rettungsdienste. Was bewundern Sie? Urteilsfreiheit bei Menschen. Es gibt aber zu wenige, denen es gelingt. Ich bewundere das Auftreten des Dalai Lamas. Der äußert sich, aber urteilt nicht mit erhobenem Finger. Niemand steht über dem anderen. Besserwisserei finde ich schwer zu ertragen. Was fürchten Sie in einem Spiel? Auch wenn ich mich wiederhole: Verletzungen! Aber ich fürchte sie auch im Training. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat? „Wow, wie gut spielen wir denn heute! Wie geil ist das denn jetzt?“ Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Ich ärgere mich über Zeitschinderei. Daran ändern auch die Nachspielzeiten nicht viel. Die verlängern eigentlich nur die Bruttospielzeit. Ich fände es gut, wenn es eine Nettospielzeit von 60 Minuten geben würde. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Mein Berater Uwe Fuchs mit meiner Agentur Sports360. Was ist der Sinn des Spiels? Den Fans Freude zu bereiten. Ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. Über die Gemeinschaft auf dem Feld die Herzen der Fans zu erobern. Wenn eine Mannschaft zusammensteht und füreinander spielt, entsteht eine Verbindung bis auf die Tribüne, die bis in die letzte Reihe ansteckend sein kann. Das liebe ich. Ihr Lieblingsspieler? Florian Wirtz! Wegen seiner Kreativität, seines Spielwitzes, seiner Ideen. Er begeistert mich. Ihr Lieblingstrainer? Vincent Kompany. Seine Ruhe und sein Vertrauen in diesem herausfordernden Umfeld in München sind erstaunlich und vorbildlich. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Die 1%-Methode“ von James Clear. Erstmals davon gehört hatte ich, als Fabian Hürzeler davon bei einer Pressekonferenz sprach. Durch Zufall hat es mir dann meine liebe Frau geschenkt. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Mannschaftsdienlichkeit! Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund oder einer Freundin am meisten? Toleranz und Akzeptanz des Gegenübers. Ihr größter Fehler? Ich war als Spieler überehrgeizig und habe meinen Körper überfordert. Ich wollte zu viel. Und ich wollte vieles zu sehr. Als Spieler habe ich nicht verstanden, dass das Spiel auch einer hohen Quote an Unberechenbarkeit unterliegt, wie eben auch das Leben. Man kann nicht alles bewusst steuern und alles beeinflussen. Der Ausgang eines Fußballspiels ist zu 44 Prozent Zufall. Und auch das Leben hat eine hohe Quote an Unberechenbarkeit. Wenn man das begreift und verinnerlicht, ist das sehr hilfreich. Die besten Dinge sind mir passiert – die waren nicht geplant. Daher habe ich mittlerweile für mich auch festgelegt: „Es kommt, wie es kommt.“ Ihre Helden der Gegenwart? Alle Menschen, die Liebe verteilen und dankbar für jeden Moment sind. Ihre Heldinnen der Geschichte? Nelson Mandela. Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Dass man glücklicher wird, je höher man spielt. Dass man glücklicher ist, wenn man erfolgreicher ist. Wenn du nicht innerlich zufrieden bist, bist du im Äußeren auch nicht zufrieden. Die innere Zufriedenheit ist das Wichtigste. Titel, Ergebnisse, Äußerlichkeiten führen nicht zum wahrhaftigen Glück. Ich war zum Beispiel auch in der Landesliga glücklich, in der Regionalliga auch. Erfolge geben einem kurzzeitige Bestätigung, aber mehr eben auch nicht. Messi oder Ronaldo? Messi. Der ist so leicht unterwegs, so flüssig in seinen Bewegungen. Einfach schön anzusehen. Guardiola oder Klopp? Klopp! Der hat von den Werten vieles, was ich auch lebe. Seine Leidenschaft ist großartig. Seine Interviews sind inspirierend. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Die Qualität der Spieler. Das Tempo hat extrem zugenommen. Im Vergleich zu meiner Zeit ist das Spieltempo ganz anders. Daher bewundere ich es, wenn Spieler bei diesem hohen Tempo Lösungen finden und technisch trotzdem sauber sind. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Zu viel Egoismus und Selbstdarstellerei. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Ich genieße Tage ohne Applaus und Lautstärke, einfach Normalität. Mit meiner Frau liebe ich es, neue Orte zu entdecken, sei es bei kleinen Spaziergängen oder auch bei Reisen. Mich kann aber auch ein gemeinsames Essen mit der Familie total glücklich machen. Zu spüren, dass man mit vertrauten Menschen verbunden ist, gibt mir sehr viel.