Lukas Kwasniok hält, was er versprochen hat. Gleich an seinem ersten Tag beim 1. FC Köln hat dieser extrovertierte Trainer erzählt, dass er sich als Teil einer Unterhaltungsbranche wahrnehme und daher wenig von Vorsicht und Contenance halte. Es soll krachen, und das tut es beim FC. Der Saisonstart war wild, viele Spiele sind gemessen an der Rolle des Aufsteigers stark, und Kwasniok hat sich als zuverlässiger Lieferant für Bilder und Geschichten profiliert: Er coacht sein Team im Trikot, platziert den Heilsbringer Said El Mala zum Entsetzen vieler Fans regelmäßig auf der Bank und bezeichnet Reporter, die mit El Mala sprechen, vor laufenden Kameras als „Geier im Zoo“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Verantwortlichen hat Kwasniok keine Angst vor den hinter jedem streitbaren Gedanken lauernden Shitstorms. Zuletzt hat er sich aber verirrt, weil er sich eher tölpelhaft einem interessanten, aber auch sehr sensiblen Thema gewidmet hat: der Frage, welchen Sinn das Schweigen in Stadien wegen medizinischer Notfälle oder aus Protest gegen Politik, Verbände, Sicherheitsdienste und Polizei ergibt. Er wusste in dem Moment noch nicht, dass er einen Vorfall zum Anlass genommen hatte, in dessen Folge ein Mensch gestorben war. Dass er diese Überlegungen – offenbar versehentlich – auf eine Ebene mit dem Menschheitsthema Rassismus gehoben hatte, das sein Münchner Kollege Vincent Kompany am Tag davor in seiner eindrücklichen Rede besprochen hatte, wirkte ziemlich größenwahnsinnig. Empathie zähle nicht zu seinen Stärken Das bedauert Kwasniok mittlerweile: Er sei falsch verstanden worden. Außerdem hat er sich für seine Pietätlosigkeit gegenüber der Familie des Verstorbenen entschuldigt und mit etwas Abstand dezidiert erörtert, inwiefern der in sechs Saisonspielen zumindest phasenweise fehlende Support ein relevanter Negativfaktor im Kampf gegen den Abstieg ist. Dennoch wirkt der Fall nach, weil er bestätigt, was schon lange als Gerücht und Gefühl im Klubumfeld wahrnehmbar ist: Kwasniok ist schlau und meinungsfreudig. Er ist ein starker Fachmann, ein guter Rhetoriker und ein Energielieferant. Aber sein Ton soll manchmal ruppig werden, und in der Winterpause war aus dem Team zu hören, dass dieser Trainer längst nicht jede seiner Entscheidungen verständlich genug erkläre. Empathie und ein verlässlicher Orientierungssinn auf sensiblen Handlungsfeldern zählen demnach nicht zu den Stärken dieses Trainers. Inzwischen wird Kwasniok trotz der guten Leistungen und der passablen Tabellensituation von vielen Kölnern bei jeder Gelegenheit verschmäht: wenn er El Mala zu spät einwechselt, wenn plötzlich gehäuft Muskelverletzungen auftreten, wenn sich unter den guten mal eine schlechte Halbzeit befindet. Das ist zum Teil ungerecht, dahinter steckt aber eine Aufgabe: Ein wirklich großer Trainer wird Lukas Kwasniok erst dann, wenn er sich die Freiheit seiner Gedanken, seinen Mut und seine Extrovertiertheit bewahrt. Und zugleich ein besser funktionierendes Einfühlungsvermögen entwickelt.
