„Che confusione, sarà perché ti amo“ schallt am Abend durchs Zielstadion am Hahnenkamm. Und Tausende singen aus voller Kehle mit, um Giovanni Franzoni zu feiern, den sympathischen Überraschungssieger der Abfahrt auf der „Streif“, dem prestigeträchtigsten Rennen im Weltcup-Zirkus: „Wie verwirrend, es muss sein, weil ich dich liebe“. Es fließen Tränen der Freude, der Rührung und der Trauer. „È un’emozione che cresce piano piano“: Italo-Disco in der Remix-Version trifft auf echte Emotionen. Franzoni hat die Herzen berührt, wie es selten einem Skiläufer in der sich zwar bodenständig gebenden, aber doch weitgehend durchgestylten Alpin-Szene in Kitzbühel gelungen ist. Binnen weniger Wochen hat sich der 24-Jährige vom Gardasee von einem weitgehend unbekannten Mitfahrer im Weltcup zu einem Medaillenkandidaten für die Olympischen Spiele gemausert – die in knapp zwei Wochen in seinem Heimatland beginnen. Zugleich ist es Franzoni gelungen, mit seiner offenen Art tiefe Gefühle zu transportieren, ohne dass es beim Zuschauer das Gefühl des Fremdschämens hervorrufen würde. Im Herbst war sein Freund und Teamgefährte Matteo Franzoso bei einem Trainingssturz in Chile tödlich verunglückt. Wenige Wochen später gelang es Franzoni beim Super-G in Gröden zum ersten Mal, einen Platz auf dem Siegerpodest zu erobern. Mitte Januar folgte sein erster Weltcup-Sieg beim Super-G in Wengen und nun die vorläufige Krönung – der Coup in Kitzbühel. Die glaubhafte Art, mit der er in den überwältigenden Momenten des eigenen Erfolgs an seinen für immer fehlenden Freund erinnerte, katapultierte ihn von null auf hundert in die Herzen des Ski-Publikums – vor allem in Italien, aber auch über die „Stiefel“-Grenzen hinaus. „Ich weiß, dass du mich beobachtest“, schrieb Franzoni nach seiner Sternstunde in Kitzbühel via Instagram an die ferne Adresse Franzosos: „Wir haben es geschafft, danke.“ Garniert mit einem roten Herzen und einem tiefen Blick zum Himmel. Matteo werde immer gemeinsam mit ihm auf den Skiern stehen, hatte er zuvor schon in sein offenes Herz blicken lassen. Doch darin ist selbstverständlich auch Platz für weltumarmende Freude. „Es ist ein Traum“, sagte er strahlend, nachdem er die „Goldene Gams“ als Sieger-Trophäe von Peter Fill erhalten hatte: „Bitte weckt mich nicht auf.“ Sein langjähriger Trainer Fill hatte selbst 2016 die Abfahrt auf der „Streif“ gewonnen. Nun lagen sich die beiden in den Armen, „überglücklich“, so Franzoni, der mit kleinen Augen, breitem Lächeln und verwuschelten Haaren auftrat. „Keine weiteren Worte, um zu beschreiben, was heute passiert ist, eine Ehre und ein Privileg“, schrieb er später. Wie bei allen Sportlern, die scheinbar über Nacht erfolgreich wurden, hat auch er einen langen Anlauf genommen. 2021 im Super-G und 2022 in der Abfahrt gewann er schon Goldmedaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften – doch der Durchbruch im Weltcup gelang ihm nicht auf Anhieb. Stattdessen musste er immer wieder im Europacup Anlauf nehmen. Die Art und Weise, wie Franzoni nun in Kitzbühel während des Rennens auf dem Platz des Führenden hin und her zappelte, zeigte, wie wenig selbstverständlich für ihn dieser Triumph war. Mit Startnummer zwei hatte er einen fehlerfreien Ritt auf der vorzüglich präparierten Rennstrecke vollführt – und eine Bestzeit vorgelegt, der alle Stars anschließend vergeblich hinterherjagten. Als Marco Odermatt, der große Favorit aus der Schweiz, unterwegs war, zerriss es den Italiener auf seinem Thron schier vor Spannung. Doch Odermatts Uhr blieb 0,07 Sekunden zu spät stehen – eine Skilänge Rückstand, umgerechnet 2,06 Meter auf der 3.312 Meter langen Strecke. Dritter wurde der Franzose Maxence Muzaton (+0,39). Unerwartet spannend wurde das Rennen noch einmal, als ein leidlich unbekannter Deutscher auf die Strecke ging. Der 23-jährige Luis Vogt legte Zwischenbestzeiten vor, verlor jedoch im unteren Streckenabschnitt etwas seine Linie und belegte mit 0,95 Sekunden Rückstand den achtbaren achten Rang. „Saugeil“, fand Vogt das mit Abstand beste Resultat seiner bisherigen Karriere. Doch bei aller Freude rief es auch eine etwas peinliche Konsequenz für den Deutschen Skiverband (DSV) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hervor. Denn Zwei-Meter-Mann Vogt knackte damit die Norm für die Winterspiele. Blöd nur, dass der DOSB schon vor Kitzbühel die Namen der fünf Nominierten bekannt gegeben hat. Und Vogt nicht dabei war. „Das liegt nicht in meinen Händen“, sagte der Sportler zu der sportpolitischen Panne. Eine Nachnominierung „wäre mega“ – er wolle aber auch keinen verdrängen. Und so schafften es die Deutschen, selbst im Moment der Freude noch einen bürokratischen Torfehler einzubauen – „che confusione“.
