FAZ 11.02.2026
18:17 Uhr

Träger schlagen Alarm: Kritik an Zulassungsstopp für Integrationskurse


Ein Zulassungsstopp für Integrationskurse gefährdet vor allem kleinere Bildungsstätten. Tausende Migranten bleiben ohne Zugang zu den Kursen, die für Arbeit, Alltag und Einbürgerung entscheidend sind.

Träger schlagen Alarm: Kritik an Zulassungsstopp für Integrationskurse

Seit Monaten klagen Träger von Integrationskursen, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keine neuen Kurse bewillige. Gründe seien nicht genannt worden. Am vergangenen Montag bestätigte ein Rundschreiben des Amts die Befürchtungen, dass es im laufenden Haushaltsjahr bis auf Weiteres keine weiteren Zulassungen geben werde. Das betrifft allerdings nur einen kleineren Teil der Ausländer, die in den Kursen die deutsche Sprache, Politik und Kultur vermittelt bekommen. Der Großteil hat einen rechtlichen Anspruch auf das Bildungsprogramm. Um deren Kursangebote zu sichern, seien nun Einsparungen nötig, so die Begründung des Bundesamts. Die Kürzungen treffen jene, die die Kurse bisher freiwillig und unentgeltlich in Anspruch nehmen konnten: Asylbewerber, deren Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, Geduldete, Flüchtlinge aus der Ukraine und EU-Bürger. Nach Schätzungen des Bundesamts trifft das deutschlandweit etwa 129.500 Personen. Für Hessen liegen keine aktuellen Daten, nur Vergleichszahlen vor: Von Januar bis Juni 2025 haben 8640 Personen eine solche Zulassung des BAMF zum Integrationskurs erhalten. Ukrainer sollen Sprachkurse künftig selbst bezahlen Für jene, deren Kurse nun nicht mehr bezahlt werden, hat das Bundesamt in seinem Rundschreiben noch Tipps: Die Träger sollten die „anfragenden Personen auf die Selbstlernangebote“ hinweisen. Außerdem könnten sie „jederzeit als Selbstzahlende in die Kurse aufgenommen werden“, heißt es weiter im Schreiben des BAMF. Gerade Letzteres komme aber für viele Antragsteller nicht infrage, sagt Petra Fuentes-Benzing, die bei einem der größten Kursträger, der ASB Bildung, den Bereich Sprache und Integration leitet. Außer an zwei Standorten in Frankfurt bietet ASB Bildung auch Integrationskurse im Kreis Offenbach an. Dort seien sie häufig von EU-Bürgern aus Polen und Kroatien besucht worden, die teils als Hilfsarbeiter nach Deutschland gekommen seien. Gerade solche Geringverdiener könnten das Geld für Kurse kaum selbst aufbringen. Um das B1-Sprachniveau zu erreichen, mit dem man sich selbständig in Alltagssituationen verständigen kann, müsse man 2700 Euro zahlen, so Fuentes-Benzing. Das Zertifikat sei auch Voraussetzung für eine Einbürgerung. Fuentes-Benzing schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der ASB-Kursteilnehmer von den Kürzungen betroffen sind. Eine vergleichsweise kleine Zahl, doch für die Träger fügt sich diese weitere Einsparung in eine Reihe von Einschnitten ein, die die Existenz gerade kleinerer Anbieter von Integrationskursen bedrohen könnten. Eine Kürzung nach der anderen Im vergangenen Jahr waren Frauenkurse mit 300 Unterrichtseinheiten ersatzlos gestrichen worden. Die Teilnehmer seien in der Konsequenz öfter durch die Prüfungen gefallen, für einen Träger wie den ASB habe das einen Verlust von etwa 1500 Unterrichtseinheiten pro Jahr bedeutet. Eine weitere Kürzung betraf gestrichene Wiederholer-Stunden für jene, die das B1-Sprachniveau nicht im ersten Prüfungsanlauf erreichten. Bundesweit sind das immerhin 40 Prozent aller Teilnehmer. Sie konnten bis 2025 weitere 300 Unterrichtseinheiten für einen zweiten Versuch in Anspruch nehmen. Ohne B1 hätten die Migranten deutlich geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ist Fuentes-Benzing überzeugt. Die dritte Kürzung betraf spezielle Integrationskurse für Jugendliche, die auch eine Berufsorientierung und Praktika umfassten. Der vierte Punkt betraf die geänderte Vergütung für die Teilnehmer eines Integrationskurses: Nimmt der Träger mehr als 16 Personen an, bekommt er nur noch 50 Prozent der Fördersumme. Die Expertin schätzt, dass sich ein Kurs für einen gemeinnützigen Träger wie ASB Bildung erst von etwa 15 Personen an wirtschaftlich lohnt. Doch damit nicht genug: Sind 16 Teilnehmer und mehr angemeldet, gebe das BAMF keine Garantievergütung mehr, so Fuentes-Benzing. Das bedeute, dass jedes unentschuldigte Fehlen eines Teilnehmers zu weiteren Kürzungen führe. „Mit der Folge, dass die Kurse unterbesetzt sind und abgesagt werden müssen.“ Die Träger fühlen sich im Stich gelassen. „Als 2015 die große Welle an Geflüchteten aus Syrien in Deutschland ankam, haben wir unsere Kapazitäten erweitert und konnten auch 2022 auf die vielen Geflüchteten aus der Ukraine reagieren“, sagt Fuentes-Benzing. Aber nun gebe es keine Planungssicherheit, die Kosten durch bestehende Mietverträge blieben hoch. „Unsere Honorarkräfte sehen keine Perspektive mehr und orientieren sich um.“ Denn ein Großteil der Sprachdozenten ist nicht fest angestellt, sondern arbeitet freiberuflich. Auch Pantoula Vagelakou, die in Frankfurt die Bildungsstätte Infrau leitet, bangt um die Existenz ihrer Einrichtung. „Wir haben kaum noch Kraft, uns dagegen zu wehren“, sagt sie: Die Träger müssten nun schon seit mehreren Jahren mit immer neuen Einschränkungen, Kürzungen und Planungsunsicherheiten leben. Ihr fehlt in der Debatte um die Integrationskurse ein Hinweis auf die Beratungsleistung, die von vielen Trägern erbracht wird. „Wir machen auch eine sozialpädagogische Begleitung, helfen bei Problemen mit Ämtern oder bei der Kita-Anmeldung.“ Ohne diese Unterstützung würden viele Menschen von Institutionen ferngehalten, „und davon sind Frauen und Mütter besonders betroffen“.