„Aua“, schreit es aus einem Haufen Stroh in der Scheune. Vier Männer wuseln um den Strohhaufen herum, aus dem oben noch ein bisschen Gesicht herauslugt. Es ist das Gesicht von Elias Steube, einem jungen Mann aus Heldra, der gerade zum Strohbären wird. Vor der Scheune lehnen zwei weitere Männer, in Stroh eingewickelt, an einem Anhänger. Viel reden sie nicht. Sie sind konzentriert. Bloß nicht umfallen. Bloß nicht darüber nachdenken, wie lange sie noch durchhalten müssen. „Aua“, ruft es wieder aus der Scheune. Das Stroh an Steubes Beinen wurde gerade noch einmal so richtig festgezogen. Das muss so, sonst hält der Strohpanzer nicht. Aschermittwoch ist Strohbärentag in Heldra, einem kleinen Dorf mit um die 500 Einwohnern im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis. Am frühen Nachmittag werden vier in Stroh eingewickelte Männer, begleitet von ein paar Musikern, von Mädchen und Frauen durchs Dorf geführt. Laut dem Ortsvorsteher und Vorsitzenden der Strohbärengesellschaft Stefan Schein geht die Tradition zurück auf die Zeit der Hugenotten. Die Strohbären würden den Winter vertreiben. Im Dorfmuseum lägen noch ein paar Unterlagen, der Brauch sei aber hauptsächlich mündlich überliefert. „So richtig weiß das keiner“, sagt Schein. Und warum nur Männer? Eines ist aber klar: Junge Männer, mindestens 18 müssen es sein, werden in Roggenstroh eingewickelt. Warum Roggenstroh? Das juckt nicht so stark. Warum nur Männer? Das war schon immer so. Außerdem brauche man die Frauen ja als Führerinnen, sagt Schein. „Die Bären müssen ja gezügelt werden.“ Die Frauen, die im Hof mit dem Wickeln der Schwänze beschäftigt sind, sehen das etwas anders. Sie würden schon gerne mal mitmachen. Aber die Männer seien alle dagegen. „Es kommen keine Frauen ins Stroh“, ruft Steube aus der Scheune. Das widerspreche der Tradition. „Jetzt ist aber gut“, sagt einer der Wickler und klatscht ihm Stroh ins Gesicht. „Dummköpfe wurden früher auch aussortiert.“ Traditionen könnten sich ja auch ändern, finden die Frauen. Vielleicht würden sie nächstes Mal einfach streiken, mal sehen. Um die 35 Kilogramm wiegt der Strohpanzer, sagt Schein. Luft komme nicht mehr durch. Unter dem Strohpanzer habe es 55 Grad, das hätten sie mal gemessen. „Das ist wirklich eine körperliche Tortur.“ Wer wie der zwanzigjährige Jan Meister zum ersten Mal dabei ist, wird am Morgen auch als Erstes eingewickelt. „Denn der soll den Tag dann wirklich richtig hart erleben“, sagt Schein. Zweimal war Schein selbst im Stroh, einmal mit Erfolg und einmal nicht; einmal hat er den zweistündigen Umzug bis zum Ende durchgehalten, einmal musste er nach der Hälfte abbrechen. „Selbst einen Hochleistungssportler, der Handball gespielt hat in der Oberliga, mussten wir rausholen.“ Es braucht auch Glück, dass man die Feuerstelle am alten Sportplatz am Ende erreicht. „Es ist alles nicht mehr so wie vor 35, 40 Jahren“ 2024 war der Komiker Lutz van der Horst da. Zumindest einen Teil der Runde ist er mitgelaufen, mit Stroh bepackt. 2017 probierten sich Kaya Yanar und Bülent Ceylan als Strohbären. Die Promibesuche hätten zwar für etwas Aufmerksamkeit gesorgt. Aber die Beteiligung an der Veranstaltung ist laut Schein eher rückläufig. Die Strohbärengesellschaft hat Probleme, Nachwuchs zu finden, Leute, die Verantwortung übernehmen wollen. Immerhin haben sie dieses Jahr noch vier Bären zusammenbekommen. Schein kann sich noch erinnern, wie der Umzug in seiner Kindheit ablief. „Das war schon ein bisschen grausam.“ Sogenannte Fänger hätten böse Kinder eingefangen und zu den Strohbären gebracht, die ihnen dann übers Gesicht rubbelten. „Wenn sie einen gut erwischten, dann gab es auch mal Kratzer im Gesicht.“ Leider hätten sie die Tradition aber einstellen müssen, weil es immer mehr Probleme gab, auch mal eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung. Seitdem würden sie nur noch ganz vorsichtig ohne Druck rubbeln. Und die Schwarzmacher, die früher mit Ölruß getränkte Beutel bei sich hatten, nähmen heute nur noch Ruß, um den Passanten oder den Kindern schwarze Striche auf die Wangen zu malen. „Es ist alles nicht mehr so wie vor 35, 40 Jahren“, sagt Schein. „Damals war es wesentlich schöner, es war mehr Schwung im Dorf.“ Aber die Gesellschaft habe sich so gewandelt. Früher habe man sich danebengestellt und kaputtgelacht. Heute dürfe man bloß niemanden mehr anfassen. Aber nicht alle finden es schlecht, dass die Strohbären zahmer geworden sind. Früher hätte man richtige Striemen im Gesicht gehabt, erinnern sich einige. Heute müsse man da nicht mehr so Angst haben. Der Umzug endet nach etwa 1,8 Kilometern am alten Sportplatz. Dort veranstalten die Strohbären, die noch übrig sind, angefeuert von den Dorfbewohnern, ein kleines Wettrennen auf die Feuerstelle. Dann werden sie aus dem Strohmantel befreit und das Stroh verbrannt. Nach Kaffee und Kuchen im Bürgerhaus gibt es für die Strohbären noch Strammen Max, aus den Eiern und dem Speck, den die Sammlerinnen während des Umzugs eingesammelt haben. „Wenn man Heldraer ist, gehört das eigentlich dazu, dass man das mitmacht“, sagt Schein. Er fände es schade, wenn diese Tradition einschlafen würde. Oft hätten sie schon gedacht, dass sie es nicht mehr schaffen würden. Aber dann hat es zum Strohbärentag doch immer wieder irgendwie geklappt.
