FAZ 28.01.2026
09:59 Uhr

Tova Friedman: „Kein Kind sollte sehen, was ich gesehen habe“


Tova Friedman hat den Holocaust überlebt. Am Mittag spricht sie bei der Gedenkstunde im Bundestag – und will sich dabei besonders an die AfD wenden.

Tova Friedman: „Kein Kind sollte sehen, was ich gesehen habe“

Tova Friedman ist eine der Jüngsten und Letzten, die heute noch die Gräuel des KZ Auschwitz bezeugen können. „Ich überlebte aus Versehen“, sagt die 1938 im polnischen Gdingen nahe Danzig geborene Psychotherapeutin, die in den Vereinigten Staaten lebt. Sie hat als Kleinkind das Leben im Warschauer Ghetto erlitten und wurde gemeinsam mit ihrer Mutter mit fünfeinhalb Jahren nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Mit anderen Kindern stand sie schon in der Gaskammer, die dann aus irgendwelchen Gründen nicht funktionierte. Die völlig ausgemergelte und im gleichen Lager inhaftierte Mutter sah sie mit den anderen jüdischen Kindern in die Todeskammer gehen und lebendig wieder zurückkehren. Kurz vor der Befreiung, als die Rote Armee sich schon in hörbarer Entfernung befand und die SS-Leute die Spuren der Verbrechen zu beseitigen begannen und Krematorien sprengten, erfuhr die Mutter, dass die Evakuierung des Lagers bevorstand und alle gehen müssten, die noch laufen können. Die Mutter wusste, dass sie einen längeren Lauf mit ihren Hungerödemen an den Füßen nicht überleben würde. Wie ein zweiter Geburtstag Mutter und Tochter überlebten, indem sie sich in der Krankenstation in den Betten Gestorbener versteckten und sich tot stellten. „Den 27. Januar, den offiziellen Tag der Befreiung von Auschwitz, habe ich immer als meinen zweiten Geburtstag angesehen“, berichtet Friedman. Allein 232.000 Kinder hatten die Nazis nach Auschwitz-Birkenau geschleppt, fast alle wurden umgebracht oder starben an Infekten, nur wenige hundert überlebten. Die Tätowierung A-27633 auf ihrem Arm ist bis heute sichtbar. „Auf eine Weise ist sie das Symbol meines endgültigen moralischen Sieges über Hitler und seine Komplizen“, sagt Friedman. In der Hoffnung, noch überlebende Verwandte wiederzusehen, gingen Mutter und Tochter im Sommer 1945 in die ehemalige polnische Heimat nach Tomaszów Mazowiecki zurück, wo sie den polnischen Antisemitismus mit voller Wucht erlebten. „Warum seid ihr zurückgekommen? Warum seid ihr nicht tot? Ihr müsstet doch alle tot sein!“, fragten die ehemaligen Nachbarn. Von ehemals 5000 jüdischen Kindern des Ortes hatten nur fünf überlebt. In der Schule wurde Friedman als „Drecksjude“ beschimpft. Sie versuchte sich zu assimilieren und hängte sich ein Kreuz um, weil sie dazugehören wollte. Doch es nutzte nichts, die Ausgrenzung ging weiter. Eine ihrer Lieblingstanten wurde von einer marodierenden Bande antisemitischer Polen erschossen. Immerhin hatte auch der Vater im KZ Dachau überlebt, litt aber an einem Schuss eines SS-Mannes in die Beine. Die Familie ging für kurze Zeit nach Berlin, wo Friedman schlafwandelnd fast jede Nacht die Wohnung am Checkpoint Charlie verließ. Doch es waren zu viele Soldaten in der Gegend, die das Mädchen immer wieder an das KZ erinnerten. So ging die Familie schließlich in ein Lager für „Displaced Persons“ (DP) in Landsberg am Lech, wo sie drei Jahre lang blieb. Das sei schließlich der Ort, an dem Hitler „Mein Kampf“ geschrieben habe, sagt Friedman am Montag in Berlin bei einem Gespräch, zu dem die Claims Conference eingeladen hat. Ein Gelübde beim Anblick der Freiheitsstatue In Landsberg sollte sich die Familie erholen, Friedman begann Klavier zu spielen, der deutsche Lehrer wurde mit Naturalien entlohnt, die von den Amerikanern stammten. Die Eltern beschlossen, nach Amerika auszuwandern, doch Friedman erkrankte an Tuberkulose und brachte neun Monate in einem Sanatorium in Bad Wörishofen zu. Erst danach konnte sie in Bremerhaven auf das Schiff gehen, das die Familie nach Amerika bringen sollte. Als sie zum ersten Mal die Freiheitsstatue sah, schwor sie sich, die Welt als eine bessere zurückzulassen, als sie sie vorgefunden hatte. „Dieses Gelübde, abgelegt im Alter von elf Jahren, hat meine Beziehungen, meinen Beruf und mein gesamtes Leben geprägt“, schreibt Friedman in ihrem Buch. Sie ging auf die Schule, lernte Englisch, gleichzeitig sorgten die Eltern für eine jüdische Erziehung, bei der Friedman ihren späteren Mann kennenlernte. Die Mutter erzählte der Tochter von all den Familienmitgliedern, die den Holocaust nicht überlebt hatten, hielt an jüdischen Traditionen fest, obwohl sie sehr mit ihrem Gott haderte. Nach der Schule wollte Tova Friedman unbedingt studieren, was die Eltern zunächst ablehnten. Sie schrieb sich am Brooklyn College für das Fach Psychologie ein, was sie faszinierte. Während einer Israelreise des Colleges im Jahr 1957 starb die Mutter im Alter von nur 45 Jahren. „Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben“, sagte der Vater und lud der Tochter damit schwere Schuldgefühle auf. Der Vater ging nach Israel und ließ die Tochter allein zurück. Erst vor kurzem schrieb sie ihre Memoiren Nach ihrem Collegeabschluss heiratete sie 1960 Maier Friedman und ging mit ihm erst nach San Diego, wo sie sich nicht wohlfühlte, dann zurück nach New York und 1967 schließlich für zehn Jahre nach Israel, um dort an der Hebräischen Universität Jerusalem zu lehren. Nach ihrer Rückkehr nach Amerika arbeitete sie mehr als zwanzig Jahre als Psychotherapeutin und Direktorin am „Jewish Family Service of Somerset and Warren Countries“ in New Jersey, wo sie bis heute praktiziert. Erst mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust hatte sie es über sich gebracht, ihre Memoiren aufzuschreiben. Sie sind 2023 in der deutschsprachigen Ausgabe „Ich war das Mädchen von Auschwitz“ erschienen. „Kein Kind sollte sehen, was ich gesehen habe“, sagt sie. Und an diesem grauen Wintertag in Berlin bei der Claims Conference meint sie so sachlich und nüchtern wie sie ist: „Ich hätte mindestens fünfmal umgebracht werden können.“ Neben ihr sitzt ihr 20 Jahre alter Enkel Aron Goodman. Er studiert Politik und Marketing und will in die aktive Politik gehen. Diese Entscheidung sei eng mit dem Leben seiner Großmutter verknüpft, sagt er. Für Tova Friedman ist die Zeit der Konferenzen und des Redens inzwischen vorbei. Sie ruft zum aktiven Widerstand gegen jede Form des Antisemitismus auf und gibt sich auch als entschiedene Zionistin zu erkennen. Sie sei schockiert gewesen, als ihr anderer Enkel sie fragte, ob er es noch wagen könnte, seinen Davidstern offen an der Universität zu tragen. „Ich habe mich gefragt: Lassen wir das alles noch einmal zu?“, sagt Friedman voller Entsetzen. Wenn sie am Mittwoch bei der Gedenkstunde des Bundestags sprechen wird, will sie sich auch an die AfD richten. „Ich möchte sie konfrontieren, anstatt mich vor ihnen zu verstecken.“ Seit 2021 betreibt sie mit ihrem Enkel Aron zusammen den Tiktok-Kanal „TovaTok“ mit über 500.000 Followern, weil sie davon überzeugt sind, dass der Ort mit vielen Fake- und Falschinformationen auch für die richtigen und authentischen Informationen geeignet ist. Aron hatte in der Schule wenig über den Holocaust erfahren, in seinem eigenen Freundeskreis gesehen, dass die Alterskameraden so gut wie nichts darüber wussten und gleichzeitig Fake News bei Tiktok zunahmen. Der Enkel habe sie die richtige Sprache für die kurzen Sequenzen gelehrt, sagt Friedman. „Das war gar nicht so einfach, ihre Sätze waren viel zu lang, aber wir haben es trainiert, kurz und verständlich zu sprechen“, sagt Aron. Natürlich gibt es in „Tovatok“ auch antisemitische Reaktionen auf die Posts. Aron berichtet sie der Großmutter gefiltert und dosiert. 97 Prozent der Holocaust-Überlebenden seien sogenannte „Kinder-Überlebende“, die 1928 oder später geboren wurden, berichtet die Claims Conference. Waren es 2025 noch 220.000 Überlebende, die vor allem in Israel, den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der ehemaligen Sowjetunion leben, sind es im Januar dieses Jahres nur noch 196.600 in mehr als 90 Ländern. Schon in wenigen Jahren wird es kaum noch Zeitzeugen geben. Die dritte und vierte Generation wird die Erinnerungen weitergeben müssen, die sie von ihren Großeltern und Eltern mitbekam. „Ich hoffe sehr, dass die nächste Generation noch lange als Gewissen fungieren kann, wenn wir Überlebenden nicht mehr da sind. Ich hoffe, dass dann Aron da ist und sagt: Ja, das ist geschehen“, sagt Friedman. Risiken und Chancen von KI Um die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden wie Tova Friedman zu bewahren, hat die Claims Conference in den vergangenen beiden Jahren in Zusammenarbeit mit dem ZDF Interviews mit Zeitzeugen geführt, die in der Mediathek des Senders abrufbar sind. Der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands hat für einige der Interviews Unterrichtsmaterial entwickelt, so dass Schulen darauf zurückgreifen können. Die KI bietet große Chancen, aber KI generierte Bilder bergen auch große Risiken. In einem offenen Brief haben Gedenkstätten gerade davor gewarnt, dass die Plattformen die emotionale Wucht des Holocaust nutzen, um mit minimalem Aufwand maximale Reichweite zu erzielen. „Leiden klickt eben“, ist die Devise für Konzerne, die davon leben. Erinnerung ist damit zu einer technischen Frage geworden, bevor sie zu einer historischen wird. „Die Algorithmen der Plattformen begünstigen dabei emotional aufgeladene Inhalte, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt“, kritisieren die Gedenkstätten, die historische Arbeit mit KI-Einsatz ausdrücklich befürworten. In den sozialen Netzwerken sind in den vergangenen Monaten massenhaft mit KI erstellte Inhalte mit Bezug zum Nationalsozialismus aufgetaucht, die keine historischen Ereignisse abbilden, sondern frei erfunden sind. So kursieren KI-generierte Bilder, die ein angebliches Wiedersehen zwischen Gefangenen und Befreiern zeigen oder erfundene Szenen weinender Kinder hinter Stacheldraht. Strategien für soziale Medien Aron Goodman hat mit der Hebräischen Universität und mehr als 30 Gedenkstätten, darunter Sachsenhausen und Auschwitz-Birkenau, und Museen zusammengearbeitet, um Strategien für den Einsatz sozialer Medien zu pädagogischen Zwecken zu entwickeln. Um missbräuchliche Darstellungen zu verhindern, stellen die Gedenkstätten konkrete Bedingungen an die Plattformbetreiber. Sie sollen gegen geschichtsverfälschende KI-Inhalte vorgehen und nicht erst auf Nutzermeldungen warten, sie sollen Fehlinformationen über interne Systeme melden können und Konten, die solche Inhalte verbreiten, von allen Monetarisierungsprogrammen ausschließen. KI-generierte Inhalte sollten ausnahmslos gekennzeichnet und bei Verstößen gegen die Kennzeichnungspflicht entfernt werden. Die Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen bieten an, Erkennungssysteme für holocaustbezogene Fehlinformationen zu verbessern. Die Befürchtung, dass die KI generierten Inhalte dazu führen, auch die authentischen anzuzweifeln, teilt auch der Zentralrat der Juden im Gespräch mit der F.A.Z. Er verweist auch auf die Gefahren des Gamings, das Grenzen zu wahren hat, dass man als Spieler nicht Teil einer Lagergemeinschaft im KZ wird. „Der Holocaust oder gar die Gaskammer darf nicht zu einer Experience beim Gaming werden“, so der Zentralrat. Hier seien Hersteller und Verleger gefragt. „Immersive Technologien dürfen weder Voyeurismus fördern noch sollen sie vorgaukeln, man sei Teil der Täter- oder Opfergemeinschaft“, heißt es vom Zentralrat. Der Respekt vor den Opfern, die Wahrung historischer Genauigkeit, sowie der Schutz vor Überforderung oder (Re-)Traumatisierung müssten handlungsleitend sein. Das bedeutet, dass die Nutzung digitaler Räume nicht allein technologischen oder kommerziellen Zielen überlassen werden kann. Dringend müssten die vorhandenen Zeugnisse der Holocaust-Überlebenden digitalisiert werden, was bisher auch aus Kostengründen scheiterte. Die Literaturwissenschaftlerin Yael Kupferberg von der Technische Universität Berlin ist Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung. Sie verweist darauf, dass für sie als Vertreterin der dritten Generation Erinnerung nicht abstrakt, sondern verbunden ist mit Geschmack, Geruch, Berührungen, Stimmungen und Assoziationen, die nicht künstlich hervorgebracht werden können. Für Kupferberg geht es um die Ausbildung von Empathie. Wenn kommende Generationen ausschließlich auf eine medialisierte Erinnerung angewiesen sind, wird sich aus ihrer Sicht zeigen, ob die Schoa ein zentraler Bezugspunkt für die Erinnerung in Deutschland bleiben wird.