Andreas Wolff, wiewohl am Zungenschlag leicht als Rheinländer zu erkennen, neigt eher selten zu Superlativen. Wenn er zur Tat schreitet, klar, da ist der deutsche Nationaltorhüter immer für Höchstleistungen gut. Aber sprachlich hält er sich (inzwischen) zurück. Außer wenn’s um Dänemark geht. Als „eine der besten Mannschaften in der Geschichte des Nationalmannschaftshandballs“ bezeichnet der Vierunddreißigjährige den Weltmeister und Olympiasieger, mit dem es die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) an diesem Montag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, in der ARD und bei Dyn) zu tun bekommt. „Andi war so in den Köpfen der Spieler“ Damit Deutschland gegen das Superaufgebot um Welthandballer Mathias Gidsel eine Siegchance haben kann, braucht es einen Superdupertorhüter. Einen in Weltklasseform. Einen wie Wolff, der die Norweger am Samstag beim 30:28 mit 22 Paraden noch stärker zur Verzweiflung brachte als zwei EM-Tage zuvor die Portugiesen. Selbst wenn ein Angreifer allein auf ihn zulief und warf, reagierte der Kieler blitzschnell. „Phänomenal“ fand Bundestrainer Alfred Gislason seinen Torwart: „Andi war so in den Köpfen der Spieler, gerade die Außen wollten doch eigentlich gar keinen Ball haben.“ Ob Wolff auf die Dänen ähnlich furchteinflößend wirken kann? Die vergangenen zwei Aufeinandertreffen lassen Zweifel aufkommen. Zu den Bildern, die aus der jüngeren deutschen Handballgeschichte im Kopf bleiben, gehört ein Foto von Wolff, aufgenommen am Nachmittag des 11. August 2024 in der nordfranzösischen Stadt Lille. Er sitzt allein vor seinem Tor, die Beine abgespreizt, der Blick geht ins Leere. Wie es aussieht, versucht er das Unfassbare, das gerade geschehen ist, irgendwie zu durchdringen. Er hat mit seinen Kollegen nicht nur ein Endspiel verloren, sondern wurde von Dänemark vorgeführt. 26:39 lautete das Ergebnis, höher hat noch nie ein Finalteilnehmer in einem olympischen Handballturnier verloren. Für Wolff war die Statistik noch erschütternder: Nur fünf von 35 Würfen konnte der Kieler parieren, kam damit auf die kümmerliche Quote von 14 Prozent. Ähnlich niederschmetternd geriet die Klatsche fünf Monate später beim WM-Hauptrundenspiel in Herning: 30:40, Wolff bekam nur sechsmal ein Körperteil an den Ball, die Quote (24 Prozent) war dürftig. Woraus wollen der deutsche Keeper und seine Vorderleute Zuversicht schöpfen, wenn es beim dritten Großturnier nacheinander wieder gegen die dänische Handballweltmacht geht? Und das wie im Vorjahr in der „Hölle von Herning“, wie die Jyske Bank Boxen genannt wird, in der 15.000 Dänen in der Halle mächtig Rabatz machen? „Sie spielen aktuell nicht ihren Peak-Handball. Und das müssen wir ausnutzen und sie da erwischen, wo es wehtut“, sagte Kreisläufer Justus Fischer, der zu den Silbermedaillengewinnern von Lille gehört. Letztmals bezwang Deutschland den Nachbarn aus dem Norden im April 2016. 76 EM-Tore von Mathias Gidsel und Simon Pytlick Dafür, dass die Dänen ihr Leistungsvermögen bei dieser EM bislang nur zu 80 Prozent ausschöpfen, wie sie sagen, treffen sie ausgesprochen gut. Kein EM-Team ist im Abschluss effektiver (73 Prozent). Mathias Gidsel und Simon Pytlick belegen die Plätze zwei und drei der EM-Torschützenliste, haben zusammen 76 Treffer erzielt. Bei den Deutschen braucht es die besten fünf Rückraumschützen, um diese Zahl zu erreichen. Wolff kennt die meisten Dänen aus der Bundesliga, bleibt aber auf der Hut vor Überraschungen. „Du kannst nicht vorher das Spiel durchplanen und einfach sagen, der Spieler XY wird in die rechte obere Ecke werfen“, erklärte der Team-Oldie am Sonntag im deutschen EM-Quartier in Silkeborg: „Sondern es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der Schütze anläuft, wie er werfen wird. Das funktioniert in der Umsetzung eben nur, wenn du dir gar keine Gedanken machst, sondern das einfach spürst.“ Während die Dänen nach der überraschenden Vorrundenniederlage gegen Portugal gewinnen müssen, um sich eine gute Chance aufs Halbfinale zu wahren, bieten sich Wolff und Co. eine weitere Gelegenheit zum Weiterkommen: am Mittwoch (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei Dyn) gegen Frankreich. „Es ist ein unglaubliches Privileg in dieser Gruppe, dass man ein Spiel – in Anführungszeichen – vergeigen darf“, sagte Renars Uscins angesichts der Duelle mit den stärksten Mannschaften des Turniers. Wolff kennt so was. Er spielt sein dreizehntes Jahr in der DHB-Auswahl. Mit Linksaußen Dahmke und Kreisläufer Jannik Kohlbacher ist er der letzte Aktive, der bei der EM 2016 den bislang letzten Titel für Deutschland gewonnen hat. Im selben Jahr ergatterte er mit dem Team zudem die olympische Bronzemedaille. „Wir müssen darauf achten, ganz anders aufzutreten“ Damals wirkte Wolff wie von Ehrgeiz zerfressen. „Ich habe ihn in jungen Jahren trainiert, da war er ein extremer Hitzkopf“, sagte Gislason, der vor rund zehn Jahren den THW Kiel betreute, als Wolff dort erstmals unter Vertrag stand: „Er ist ein Führungsspieler geworden und hat eine sehr gute Wirkung auf die anderen.“ Seinen Biss zeigt Wolff, inzwischen Familienvater, nur noch auf der Platte. Dort wird er gelegentlich zum Motzki, bis den Kollegen die Ohren klingeln. Vor und nach den Spielen scheint Wolff Kreide im Mund zu haben, da sind seine Auftritte und Aussagen wohltemperiert. Nur einmal eckte er bei der EM an, als er sich erlaubte, die Spielweise der Österreicher als „Antihandball“ abzukanzeln, den keiner sehen wolle. Die emotionsgeladenen Auftritte überlässt der Oldie lieber seinem elf Jahre jüngeren Kollegen David Späth. Die beiden verstehen sich bestens und ergänzen sich gut: Der eine übernimmt den Platz im Tor, wenn der andere eine Schwächephase erlebt. Dass sie gleichzeitig einen dunkelgrauen bis schwarzen Tag erleben, ist eigentlich nur zweimal der Fall gewesen. Im Olympiafinale und in der WM-Hauptrunde hatte auch Späth gegen die Dänen so gut wie nichts im Griff. Andreas Wolff wurde nach den vergangenen beiden EM-Siegen über Portugal und Norwegen jeweils zum „Man of the Match“ gewählt. Das sprach sehr für ihn, aber weniger für die Mannschaft. Deutet eine solche Auszeichnung doch darauf hin, dass es vorn eher nicht so gut lief. Und diesmal? „Wir müssen darauf achten, ganz anders aufzutreten als bei den letzten beiden Begegnungen mit Dänemark“, sagte Wolff. „Richtig hart“ in der Abwehr und „im Angriff eiskalt“ solle das DHB-Team sein. Es kann ja nicht immer nur einer glänzen.
